Zorn in Griechenland "Wir sind über die Deutschen verärgert"

Viele Griechen sind angesichts der Wirtschaftskrise und deren Folgen völlig verzweifelt, sagt Georgios Harvalias. Der Chefredakteur der viel beachteten griechischen Tageszeitung "Ethnos" schildert im Gespräch mit manager magazin die Stimmung im Land und sagt, was Deutschland mit der Krise zu tun hat.

mm: Herr Harvalias, Griechenland befindet sich in einer tief greifenden ökonomischen und finanziellen Krise, die das Land an den Rand des Staatsbankrotts getrieben hat. Wie würden Sie die Stimmung unter den Menschen beschreiben? Sind Ihre Landsleute sehr aufgebracht?

Harvalias: Die Stimmung hier bei uns ist nicht von Wut geprägt - noch nicht. Vielmehr sind viele Griechen momentan völlig verunsichert und verzweifelt. Die trüben wirtschaftlichen Aussichten beunruhigen sie zutiefst. Sie wissen nicht, wie es weitergeht.

mm: Ist die EU Griechenland bei der Lösung dieser Probleme behilflich?

Harvalias: Abgesehen von unseren eigenen Fehlern ist die Krise in Griechenland auch eine Krise der Europäischen Union. Sie offenbart die Schwächen der EU. Die Staatengemeinschaft hat ihre Unfähigkeit bewiesen, ein Mitglied vor Spekulanten und Geschäftemachern zu schützen. Als Mitglied der EU und der Euro-Zone hat unser Land seinen Teil zur Gemeinschaft beigetragen und die Regeln befolgt. Nun erwarten wir im Gegenzug, dass sich die EU mit uns solidarisch zeigt.

mm: Warum demonstrieren die Griechen dann gegen EU-Hilfen?

Harvalias: Das tun sie nicht.

mm: Die Bilder, die uns aus Griechenland erreichen, vermitteln einen anderen Eindruck. Dort sind brennende EU-Flaggen und durchgestrichene Sternenbanner zu sehen.

Harvalias: Die Demonstranten protestieren aber nicht gegen die Hilfe durch die EU, sondern gegen die neuen Finanz- und Steuerauflagen der Regierung, zum Beispiel Lohnstopps oder Gehaltskürzungen. Gegen die EU demonstrieren sie, weil Brüssel größtenteils für diese unpopulären Maßnahmen der Regierung verantwortlich ist.

mm: In der als links geltenden griechischen Zeitung "Eleftherotypia" war unlängst zu lesen, dass sich gerade Deutschland den Griechen gegenüber nicht solidarisch genug verhalte. Stimmen Sie dem zu?

Harvalias: Zu Meinungsbekundungen anderer Zeitungen möchte ich mich nicht äußern. Allerdings haben sich die Deutschen Griechenland gegenüber bisher reserviert verhalten. Hinzu kommt, dass die deutsche Regierung manche Angelegenheiten immer noch nicht geregelt hat, wie die Ausgleichszahlungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Darüber sind die Griechen verärgert.

"Korruption ist Griechenlands größtes Problem"

mm: Sie glauben ernsthaft, dass die ausstehenden Ausgleichszahlungen der Deutschen eine Mitschuld an der derzeitigen Krise in Griechenland tragen?

Harvalias: Sicher nicht. Wir sind über das Verhalten der Deutschen verärgert, insbesondere über Kommentare von hochrangigen Regierungsmitgliedern, wie unser Land mit der Finanzkrise umzugehen habe. Deutschland verlangt von den Griechen, die Schulden konsequent abzubauen. Umgekehrt verlangen die Griechen ganz einfach, dass Deutschland mit seinen Verbindlichkeiten genauso konsequent umgeht - so auch mit den Ausgleichszahlungen des Zweiten Weltkriegs.

mm: Welche Umstände führten dann Ihrer Meinung nach zur Krise?

Harvalias: Die Gründe sind globaler als auch nationaler Natur. Im Moment befindet sich die ganze Welt in einer wirtschaftlichen Schieflage - ein Sog, dem auch Griechenland nicht unbeschadet entkommen konnte. Es gibt aber auch im Land gewisse Fehlfunktionen. Das finanzielle Missmanagement der vergangenen Jahrzehnte und die Taschenspielertricks der ehemaligen Regierung sind hauptsächlich schuld an der Krise.

mm: Sie spielen auf die Korruption in Ihrem Land an?

Harvalias: In der Tat, Korruption ist Griechenlands größtes Problem. In den vergangenen Jahrzehnten fehlten die Rahmenbedingungen, um Bestechlichkeit zu bekämpfen. Das ist auch der Grund, warum die ehemalige Regierung ihre Vertrauenswürdigkeit verloren hat.

mm: Athen hat sich verpflichtet, die Neuverschuldung in den kommenden Jahren unter die 3-Prozent-Marke zu drücken. Reicht das, um das Land aus der Krise zu führen, oder muss das Sparprogramm noch verschärft werden?

Harvalias: Die Regierung steht mit dem Rücken zur Wand. Als sie an die Macht kam, wusste sie nicht, wie schlecht es wirklich um die Wirtschaft bestellt war. Die Vorgängerregierung hatte vorgegeben, dass die Verschuldung 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrage, dabei lag sie in Wirklichkeit bei 12,7 Prozent. Ich hoffe, dass wir ohne ein strengeres Sparprogramm die Wende hinbekommen.

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