Streik der Lufthansa-Piloten Überflieger kämpfen um die Existenz

Die Lufthansa-Piloten wagen den Showdown mit ihrem Arbeitgeber und treten ab Montag in den Streik. Der Zeitpunkt ist nicht eben günstig. Mitten in der Luftfahrtkrise ist von der sagenumwobenen Macht ihrer Gewerkschaft, der Vereinigung Cockpit, nicht viel geblieben. Den Überfliegern von einst droht der Absturz.
Von Jochen Eversmeier und Nils-Viktor Sorge

Hamburg - Gemessen an früheren Arbeitskämpfen gehen die Lufthansa-Piloten den nun verkündeten Streik recht kleinlaut an. "In monatelangen Gesprächen haben wir dargelegt, zu welchen Zugeständnissen die Piloten bereit gewesen wären, so auch zu einer Nullrunde", empörte sich Verhandlungsführer Markus Germann von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit über fehlendes Entgegenkommen der Lufthansa , als er nun die Kampfbereitschaft seiner Kollegen verkündete.

Nullrunde? Aus dem Munde eines Vertreters der elitären Standesvertretung war ein solches Wort bisher nicht zu hören. Noch vor wenigen Monaten hatte die Gewerkschaft ganz im alten Stil ein Wohlfühlpaket von ihrem Arbeitgeber gefordert, das den 4500 Piloten 6,4 Prozent mehr Lohn, aufgrund einer Erfolgsbeteiligung nach Angaben des Konzernführung sogar 9 bis zu 20 Prozent Gehaltsplus beschert hätte.

Und nun stimmen etwa 94 Prozent der organisierten Piloten für einen Ausstand ab Montag, der gerade einmal den Bestand sichern und den Abbau von Arbeitsplätzen verhindern soll. Und der trotzdem den scharfen Widerspruch des Konzerns provoziert. "Inakzeptabel" seien die Forderungen, so die Lufthansa. Eine Sicherung der Arbeitsplätze plus weitgehende Mitspracherechte bei unternehmerischen Grundsatzfragen seien nicht tragbare Eingriffe in die Geschäftsführung.

Schon bevor die heiße Phase des Arbeitskampfes begonnen hat, spüren die Piloten, dass sich ihre Position im Vergleich zu früheren Tarifauseinandersetzungen radikal verschlechtert hat. Die Luftfahrtkrise setzt der Branche derart zu, dass die einst geäußerten Forderungen in sich zusammenfallen.

"Die Piloten können jetzt leicht ein paar Tage streiken, aber ihr Drohpotenzial hat sich schnell erschöpft", sagt Analyst Per-Ola Hellgren von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). "Die Lufthansa kann glaubwürdig anführen, dass sie leicht in eine existenzgefährdende Lage kommen kann, wenn sie zu unflexibel ist." Und das wäre wohl der Fall, wenn sich das Unternehmen nun für einen längeren Zeitraum festlegt, die Zahl der Stellen voll zu erhalten. Wie gut die Piloten bezahlt sind, sei dagegen gar nicht einmal so bedeutend.

Bis zu 500 Pilotenstellen überflüssig?

Noch immer leidet die Lufthansa - wie ihre größten Gegenspieler Air France-KLM  und British Airways  - unter den stark gesunkenen Flugpreisen und geringer Auslastung. Die Durchschnittserlöse sind im Krisenjahr 2009 um 20 bis 30 Prozent gesunken, weil Geschäftsleute und Privatreisende weniger flogen oder Economy statt Business Class reisten, um zu sparen.

Allein in Deutschland brach der Luftverkehr im vergangenen Jahr in nie dagewesenem Maß ein. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verringerte sich die Zahl der Passagiere um 7,5 Millionen oder 4,5 Prozent auf 158,2 Millionen. Sowohl im innerdeutschen Luftverkehr als auch auf Strecken ins Ausland gab es ein Minus von jeweils 4,5 Prozent. "In der Geschichte der gewerblichen Luftfahrt stellt dies einen Rekordrückgang dar", erklärte das Bundesamt.

Die Lufthansa begegnet der Flaute mit einem Sparziel von einer Milliarde Euro. "Der Konzern ist gezwungen, die Kosten dauerhaft zu senken, um das selbst gesetzte Ziel, eine höhere operative Marge als die großen Wettbewerber zu erzielen, anhaltend zu erreichen", sagt NordLB-Analystin Martina Noß.

Gleichzeitig muss die Lufthansa ihre zahlreichen Zukäufe der vergangenen Jahre wie Austrian Airlines, British Midlands oder Brussels Airlines integrieren. Dort fallen teilweise bereits Stellen in vierstelliger Größenordnung weg. Doch auch die Piloten der Kerngesellschaft - bezahlt nach dem Konzerntarifvertrag - sind sich ihrer Jobs nicht mehr sicher.

Die Machtbalance zwischen dem Konzern und seinen Piloten hat sich deshalb grundlegend verschoben. "Anders als vor einigen Jahren bietet der internationale Arbeitsmarkt mit verfügbaren Piloten den Airlines, die flexibel auf Marktveränderungen reagieren können, einen Wettbewerbsvorteil", sagt Luftfahrtexperte Gerd Pontius von der Beratungsgesellschaft Prologis.

Der Riesenapparat Lufthansa ist heute gezwungen, seine Kapazitäten zu reduzieren und hat damit im Zuge seines Sparprogramms bereits begonnen. Im ungünstigsten Fall müsse das Unternehmen sein Angebot um 5 bis 10 Prozent reduzieren, erwartet Hellgren - und die Zahl seiner Piloten ebenfalls, das wären fast 500 im Bereich der Kerngesellschaften.

Diese Situation kann sich das Unternehmen schon im aktuellen Arbeitskampf gezielt zunutze machen. Strecken würden punktuell nicht mehr bedient, das Angebot auf das Nötigste reduziert, größere Maschinen ersetzen mehrere Flüge von kleinen. Die Lufthansa wäre angesichts der schwachen Nachfrage in der Lage, die Belegschaft mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen und die Gewerkschaft mürbe zu machen.

Die Billigflieger als Vorbild

Zumal sie keineswegs darauf bauen können, dass sich die Lage über den Wolken rasch verbessert - anders als bei früheren Krisen. "Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Premiumsegment schnell wieder erholen wird", sagt Analystin Noß. "Es besteht die Gefahr, dass die Nachfrage nach Flugreisen wegen steigender Arbeitslosenzahlen weiter sinkt."

Also muss die Lufthansa nach übereinstimmender Einschätzung von Branchenexperten in Zukunft weiter mit niedrigen Preisen kalkulieren. Damit könnte sich auch das Selbstverständnis der Fluglinie ändern. Schon machte die Lufthansa durch geringere Sitzabstände von sich reden, und dass auf einigen Verbindungen weniger Plätze in der Business Class angeboten werden.

Im schlimmsten Fall muss sich das Unternehmen dauerhaft mit der Billigkonkurrenz messen. "Air France-KLM und British Airways/Iberia  sind auf der Kurz- und Mittelstrecke nicht mehr die gefährlichsten Gegner der Lufthansa, das sind längst Easyjet und Ryanair", sagt Luftfahrtexperte Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft. "Die Lufthansa hat etwa doppelt so hohe Kosten wie die Billigflieger je Sitz."

Damit gerät auch das Selbstverständnis der Lufthansa-Piloten in Turbulenzen. Ein Auftreten wie noch im Streik von 2001 können sie sich kaum noch leisen. Unter dem Slogan "Top Pay for Top Performance" forderten sie eine Tariferhöhung von rund einem Drittel, was ihnen Schlagzeilen wie "Aufstand der Snobs" einbrachte. Erst Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher brachte die Überflieger zur Räson.

Nun sind die Piloten gänzlich in der Defensive. Schon jetzt versucht die Lufthansa auf vielen Strecken die hoch bezahlten Flugzeugführer aus den Kerngesellschaften durch Piloten von den jüngst erworbenen Unternehmen zu ersetzen - eine Zweiklassengesellschaft im Konzern, die die Vereinigung Cockpit scharf bekämpft, an der die Konzernführung aber um jeden Preis festhalten will.

"Durch ihre Beteiligungen und neuen Töchter stehen der Lufthansa nun ganz andere taktische und strategische Möglichkeiten offen, um auf den Wettbewerbsdruck zu reagieren", sagt Luftfahrtexperte Pontius. "Je mehr die Lufthansa ihren Piloten Mitspracherechte einräumt, um so geringer verfügt sie zukünftig über die Beweglichkeit, die sie im Wettbewerb benötigt."

Um flexibler zu werden, ist die Lufthansa offenbar bereit, eine harte Linie gegenüber den Piloten zu fahren - und dafür kurzfristig hohe Erlösausfälle in der Streikphase in Kauf zu nehmen. Die LBBW-Experten rechnen mit Mindereinnahmen und Kosten von zehn Millionen Euro am Tag. "Entweder die Lufthansa hat hohe einmalige Ausfälle, oder sie lässt sich auf langfristige hohe Risiken ein", sagt Hellgren. Er erwartet, dass das Unternehmen lieber durchhält und hart verhandelt. "Die Piloten müssen vorsichtig sein."

Neue Ziele, neue Sorgen: Die heiklen Zukäufe der Lufthansa

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