Solarbranche "Schlimmer als die Abwrackprämie"

Die deutsche Solarbranche wird sich in den kommenden Monaten einer beispiellosen Sonderkonjunktur erfreuen. Doch das Bonanza droht den Charakter einer Abschiedsparty zu bekommen, nach der bis zu 80 Prozent der Firmen in Existenzschwierigkeiten geraten könnten.

Hamburg - Bei den Beratern des Hamburger Solardienstleisters Colexon steht das Telefon derzeit selten still. "Unser Vertriebsteam ist einem enormen Ansturm ausgesetzt", sagt Vorstandschef Thorsten Preugschas gegenüber manager magazin. Die - zumeist gewerbliche - Kundschaft hat es eilig, eine Photovoltaikanlage aufs Dach oder den Acker zu bekommen. Und die Eile ist nur zu verständlich.

Wer die derzeit gültigen Vergütungssätze für die nächsten 20 Jahre garantiert haben will, muss sein kleines Kraftwerk bis zum 1. Juni anschließen. "Manche Kunden setzen unsere Planungsteams ganz schön unter Druck", sagt Preugschas. "Vor dem 1. Juni gibt es kaum noch Luft für neue Projekte."

So geht es derzeit nahezu der gesamten Solarbranche in Deutschland: Die Kunden rennen ihr die Bude ein. "Wer die größtmögliche Solarförderung abschöpfen will, der wird sich nun beeilen", sagt Solarexperte Philip Grothe, Partner bei der Unternehmensberatung Simon Kucher. Er rechnet fest mit einem kleinen Bonanza für die Branche.

"Der Effekt könnte ähnlich sein wie im vergangenen Jahr bei der Abwrackprämie für Autos", glaubt Jörg Mayer von der Agentur Erneuerbare Energien. "Bei ohnehin hoher Nachfrage erwarte ich zusätzliche Torschlusseffekte."

Allerdings bleibt den Verbrauchern diesmal weniger Zeit: Bei der Abwrackprämie galten alle Bestellungen bis zum Stichtag und die Industrie konnte danach in Ruhe ihre Aufträge abarbeiten. Die angedrohten Kürzungen wirken psychologisch noch viel dringender als der Staatszuschuss beim Autokauf, erwartet Berater Grothe. Die geplante 16-prozentige Kürzung wirkt sich drastisch und nachhaltig auf die Rendite jeder Anlage aus. "Insgesamt würde der Vorzieheffekt wohl deutlich stärker ausgeprägt sein als bei der Abwrackprämie", so Grothe.

Milliardenschwere Sonderkonjunktur

Der Vergleich mit der Autokaufsubvention ermöglicht es, eine Größenordnung abzuschätzen, so Berater Grothe. Ohne die nun geplanten Fördereinschnitte geht er derzeit davon aus, dass von Januar bis Mai 2010 Anlagen mit einer Leistung von 1082 Megawatt installiert werden. Für manager magazin kalkuliert er, dass für vorgezogene Investitionen rund 500 Megawatt hinzukommen dürften, runde 45 Prozent. Das entspricht einem Umsatzvolumen von 1,3 bis 1,6 Milliarden Euro.

Doch an diesem Verkaufsschub aus der Politik wird die Branche kaum lange Freude haben. Dadurch, dass es sich mehrheitlich um Vorziehkäufe handeln dürfte, wird das Volumen von 500 Megawatt im restlichen Jahr 2010 fehlen - und wohl 2011 auch noch.

Diesen Verdacht nährt ein Blick ins Auftragsbuch von Firmen wie Colexon. "Wir werden den Großteil unserer deutschen Projekte im zweiten Quartal abwickeln", sagt Vorstandssprecher Preugschas. Im zweiten Halbjahr will sich das Unternehmen auf Vorhaben auf attraktiven Auslandsmärkten wie Italien und Tschechien konzentrieren. In welchem Zustand sich dann der deutsche Markt befindet, sei momentan einfach nicht vorhersehbar.

Auch die etwas weniger flexiblen Solaranlagenhersteller sind vorsichtig. "Wir rechnen damit, dass das Geschäft im dritten Quartal deutlich abflaut", sagt eine Sprecherin des Berliner Unternehmens Solon gegenüber manager magazin. Für das erste Halbjahr erhofft Solon dagegen noch, von den erwarteten Vorzieheffekten zu profitieren und fährt ein Dreischichtsystem in seinen Produktionsanlagen. Danach müssen vermutlich zumindest Überstundenkonten abgebaut werden.

Kaum ein Branchenexperte rechnet jedoch damit, dass deutsche Solarfirmen nach der künstlichen Rally je wieder so gut vom deutschen Markt leben können wie bisher. Bisher stammt fast jedes zweite installierte Modul aus heimischer Fertigung (Stand: Ende 2008). Doch die wegen ihrer Preisattacken gefürchteten Chinesen zeichnen bereits für jedes fünfte Modul verantwortlich. "Wir schauen uns verstärkt auf ausländischen Märkten wie den USA, Frankreich und Italien um", heißt es bei Solon.

Branche vor dem großen Firmensterben

In Deutschland könnten sich die Kürzungen als Konjunkturförderung vor allem für die asiatischen Solaranbieter erweisen. Zwar sagt selbst Branchenvertreter David Kluge vom Bundesverband Erneuerbare Energien: "Es sind tatsächlich Spielräume für Förderkürzungen da, weil die Investitionskosten stark gesunken sind."

Doch nachdem bereits zum Jahresbeginn die Einspeisesätze verringert wurden, fürchtet er nun, dass die abermaligen Abschläge die Branche überfordern könnten.

Gerade manche asiatischen Anbieter, etwa Suntec, sind mit starken Marken und günstigen Preisen auf dem deutschen Markt vertreten. "Es gibt qualitative Unterschiede verschiedener Modulhersteller, aber gute asiatische Module unterscheiden sich nicht von guten europäischen Herstellern", sagt Solaranlagen-Großkunde Preugschas mit Blick auf Produkte aus Fernost.

Dass deutsche Hersteller überfordert sein könnten, fürchtet auch Philip Grothe: "Die Bedrohung für die Industrie ist ernst", sagt er. "Vor allem die, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben und auf den Wandel schlecht vorbereitet sind, werden große Probleme bekommen." Eine Marktbereinigung findet er zwar prinzipiell richtig. Aber für die politische Akzeptanz wäre wohl etwas weniger Tempo hilfreich. Wenn so schnell gekürzt wird, wie es Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) derzeit plant, werden die Arbeitsplatzverluste erheblich sein.

"Gut 80 Prozent der Unternehmen werden diese Kürzungsrunde nicht in ihrer bisherigen Form überleben", schätzt Grothe. Und er wäre nicht überrascht, wenn sich diese Zahl noch als zu optimistisch erweist.