Euro-Krise Wer nicht zahlt, bekommt Inflation

Europa steht vor einer umkämpften Wahl - mehr Geld für Griechenland oder mehr Inflation. Nur mag das bislang niemand zugeben. Denn die meisten Bundesbürger sind schlicht dagegen, eigenen Verzicht jetzt anderen zugute kommen zu lassen. Doch die Lösung der Griechenland-Krise wird darauf keine Rücksicht nehmen.

Die griechische Schuldenkrise droht sich zur Geldwertkrise des gesamten Euroraums auszuwachsen. So war es häufig in der Geschichte: Verschuldete Staaten suchen ihr Heil in Inflation und Abwertung. Dennoch beharren gerade deutsche Politiker und Notenbanker darauf, die derzeitigen Probleme seien allein griechische. Von wegen.

Der Euro , so steht es in den europäischen Verträgen, funktioniert nach dem Prinzip der begrenzten Solidarität. Nur im unverschuldeten Notfall kann ein Land mit Hilfe rechnen. Gerät ein Staat jedoch in Zahlungsschwierigkeiten, dann dürfen ihm die Partnerländer nicht helfen ("No-Bail-out-Regel"). Logisch. Warum hat er auch zuvor so viele Schulden gemacht?

Dies ist exakt die in der Bundesrepublik verbreitete Haltung: Viele Deutsche fragen sich - mit Recht -, wofür sie selbst eigentlich jahrelang Lohnverzicht, hohe Steuern und sinkende Sozialleistungen ertragen haben, wenn der dadurch erreichte Haushaltsspielraum nun an andere Länder abfließen soll.

Leider ist die "No-Bail-out-Regel" nicht glaubwürdig. Im Zweifel bleibt den übrigen Ländern nämlich gar nichts anderes übrig, als ein bankrottes Land zu retten - wir erleben es gerade. Warum? Weil eine Kettenreaktion droht, die die gesamte Eurozone an den Rand des Zusammenbruchs brächte. Wenn nämlich die Investoren auch Portugal, Spanien, Irland oder gar Italien das Vertrauen entzögen, hätte dies letale Folgen für Banken und Versicherungen im ganzen Euroraum, die die Bonds dieser Staaten halten. Große Teile des Finanzsektors würden zusammenbrechen - und der Staat könnte diesmal nicht helfen, denn seine Überschuldung ist ja die Ursache der Krise. Eine Horrorvorstellung. Ein Finanz-Armageddon.

Verhindern lässt sich ein solches ökonomisches Nah-Tod-Erlebnis, wenn solidere Staaten, vor allem Deutschland, den Zusammenbruch schwächerer Länder abwenden, indem sie Garantien und Hilfen zur Verfügung stellen. Natürlich, eine solche Rettungsaktion ist heikel. Sie verändert die Spielregeln im Euroraum: Nun ist klar, dass kein Land mehr mit einem Bankrott rechnen muss. Regierungen könnten daraus schließen, dass sie es mit dem Sparen nicht mehr so genau zu nehmen brauchen. Deshalb ist die Einführung strenger Auflagen und Überwachungsmechanismen wichtig.

Aber klar ist auch: Finanzhilfen an Griechenland und Co. zu zahlen, ist die beste aller Möglichkeiten. Denn wie sehen die übrigen Varianten aus?

  • Totaler Zusammenbruch, wie erwähnt.
  • Auseinanderbrechen der Euro-Zone, des Binnenmarkts, der Europäischen Union, Renationalisierung, das Ende der europäischen Friedensordnung - ein geopolitisches Desaster, die Regierungen werden es nicht eingehen.
  • Galoppierende Inflation - die Schulden der Problemländer würden durch die Notenpresse weginflationiert. Die Last der Verbindlichkeiten wird erleichtert, indem die Notenbank die Zinsen niedrig hält und deutlich höhere Preissteigerungen zulässt. Höhere Inflationsraten helfen dem Fiskus enorm: Die Staatseinnahmen steigen, während die Ausgaben, insbesondere die Sozialleistungen, real sinken. Vor allem: Der reale Wert der nominalen Schuldenlasten geht zurück.

Dass eine solche monetär unterstützte Teilentschuldung trefflich funktioniert, haben gerade die Volkswirte von Morgan Stanley für die USA vorgerechnet. Dazu braucht man gar nicht das Szenario einer Hyperinflation anzunehmen, es genügen schon vergleichsweise moderate Preissteigerungsraten.

Um die heutige Schuldenquote bei gegebener Finanzpolitik zu halten, müsste die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten im kommenden Jahrzehnt im Durchschnitt 9 Prozent betragen. Spart der US-Staat sogar einmal ein bisschen, könnten Inflationsraten von womöglich 4 bis 6 Prozent die US-Verschuldung stabilisieren.

Die US-Ökonomen Joshua Aizenman und Nancy P. Marion haben kürzlich darauf hingewiesen, dass die USA in den Nachkriegsjahren eben diese Strategie verfolgten: Mit Inflationsraten um die 6 Prozent gelang es Amerika binnen weniger Jahre, die nach dem Krieg hohe Schuldenquote um 20 Prozentpunkte zu senken. Eine ähnliche Strategie könnten die USA heute anwenden. Und tatsächlich empfiehlt der US-Ökonom Kenneth Rogoff genau dies.

Ohne eine solche monetäre Unterstützung jedoch wird es für die USA schwierig. Bei einer Inflationsrate von 2 Prozent - jenem Niveau, das bislang als Geldwertstabilität gilt - werden die US-Schulden explodieren.

Ähnlich ist die Situation im Euroland: Mitgliedstaaten, die hochverschuldet sind und mit dem Rücken zur Wand stehen, haben ein hohes Interesse an mehr Inflation. Entsprechend könnten ihre Vertreter im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) geneigt sein, für eine laxe Geldpolitik zu votieren - mit dem Ziel, einen Teil der Schulden wegzuinflationieren. Je mehr Länder in den Sog der Schuldenkrise gezogen werden, desto eher ergeben sich im EZB-Rat Mehrheiten für eine inflationäre Politik.

Deshalb meine These: Mehr Umverteilung auf EU-Ebene, die die Lage in den bankrottgefährdeten Länder entspannt, schützt vor Inflation. Wer möchte, dass der Euro auch künftig deutschen Stabilitätsvorstellungen genügt - Inflationsraten von möglichst nicht mehr als 2 Prozent -, der muss bereit sein, Steuergelder nach Griechenland und Co. zu überweisen.

Die Deutschen müssen zahlen. Womöglich große Summen. Und wenn sie dazu nicht bereit sein sollten - nach dem Motto: Kein Geld für Griechenland? Dann werden Sie am Ende Inflation ernten.

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