Mittwoch, 24. Juli 2019

Euro-Krise Warum Griechenland unser Geld verdient

Es wäre eine Überraschung, wenn die Athener Regierung ihr ambitioniertes Sparprogramm durchsetzen könnte. Umso wahrscheinlicher ist es, dass Deutschland und andere finanzstarke Euro-Staaten für einen Teil der hellenischen Schulden werden geradestehen müssen.

"Zwischen 1800 bis nach dem Zweiten Weltkrieg war Griechenland praktisch permanent bankrott." So schreiben es die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrer umfassenden Studie zur Geschichte der Finanzkrisen ("This Time is different"). Natürlich hat ein solcher Befund keine prognostischen Qualitäten. Aber beim Blick auf die heutigen griechischen Budgetzahlen kann einem in der Tat mulmig werden, selbst wenn das Land fiskalische Hilfe von außen bekommt.

Akropolis: Es ist diese politökonomische Dynamik, die in der Geschichte immer wieder zu Staatspleiten geführt hat
Ein paar Fakten: Der griechische Staat hat im vorigen Jahr ein Defizit von fast 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verbucht. Die hellenische Staatsschuldenquote (120 Prozent des BIP) ist die höchste in der EU und steigt weiter.

Knapp 10 Prozent der öffentlichen Schulden müssen dieses Jahr refinanziert werden, wie die Athener Regierung in ihrem EU-Stabilitätsprogramm ausweist. Ein Großteil dieser Refinanzierung steht im April und im Mai an. Dann müssen neue Anleihen Käufer auf dem Kapitalmarkt finden.

Um Anleger davon zu überzeugen, dass die griechischen Finanzen tragfähig sind - und weil Brüssel massiven Druck ausübt -, hat die Regierung ein äußerst sportliches Sparprogramm vorgelegt. Bis 2013 soll das Defizit auf nur noch 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sinken. Ein Defizitrückgang um 11 Prozentpunkte binnen vier Jahren: Das ist ein rares ökonomisches Ereignis. Unter den OECD-Ländern hat seit Anfang der 90er Jahre nur Schweden einen vergleichbaren Swing hinbekommen. Und das war zu Zeiten des globalen New-Economy-Booms, der das Land aus der Krise zog.

Ob Griechenland eine solche Wende bei den Staatsfinanzen schaffen kann, ist angesichts der trüben mittelfristigen Wirtschaftsaussichten mehr als fraglich. Nicht nur weil, die Einsparungen der Athener Regierung bereits im Ansatz auf massiven Widerstand in Bevölkerung stoßen. Sondern auch, weil die Haushaltssanierung vor allem durch höhere Steuern erreicht werden soll.

Nach dem Plan der griechischen Regierung soll die Einnahmequote - Steuern und Abgaben in Relation zum BIP - bis 2013 um 6 Prozentpunkte steigen, auf dann 45 Prozent. Auch das ist ein überaus ambitionierter Plan.

Kann die Rechnung aufgehen? Vielleicht - falls die griechische Gesellschaft in einem patriotischen Kraftakt Einnahmen und Ausgaben des Staates in eine neue Balance brächte und Verzicht übte.

Wird es einen solchen nationalen Kraftakt geben? Die Bedingungen dafür stehen nicht gut. Denn drei Viertel der griechischen Staatsverschuldung wird von Ausländern gehalten. Griechische Staatsanleihen in Höhe von 88 Prozent des BIP lagen 2009 in den Händen von Ausländern, rechnet die Deutsche Bank in einer Analyse vor.

Eine hohe Auslandsverschuldung macht ein Land einerseits verletzlich - weil Ausländer keine emotionale Präferenz für heimische Anlageformen ("home bias") haben. Andererseits wird die Sanierung der Staatsausgaben dadurch umso schwieriger. Im Falle eines Staatsbankrotts - oder einer halbwegs geordneten Schuldenrestrukturierung - prellt man ja vor allem ausländische Anleger, nicht heimische Wahlbürger. Warum soll man selbst sparen, bloß damit jemand anderswo sein Geld zurückbekommt? Populistische Politiker und Gewerkschaften können mit diesem Thema trefflich spielen.

Es ist diese politökonomische Dynamik, die in der Geschichte immer wieder zu Staatspleiten geführt hat. Deshalb bin ich auch im Falle Griechenlands pessimistisch, dass das Land aus eigener Kraft aus der Schuldenfalle herauskommt.

Umso wahrscheinlicher ist es, dass Deutschland und andere finanzstarke Euro-Staaten am Ende für einen Teil der hellenischen Schulden werden geradestehen müssen. Das ist richtig, weil sonst eine Kettenreaktion von weiteren fiskalischen Zusammenbrüchen droht; kürzlich haben wir bereits an dieser Stelle darüber diskutiert ( siehe: Das große Staatspleitenspiel). Aber man sollte es den hiesigen Steuerzahlern sagen.

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