Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer "Höchste Sprengkraft für Europa"

Griechenlands Finanzkrise droht Europa an den Rand des Abgrunds zu zerren. Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sagt im Interview mit manager magazin, warum diese Krise das Finanzsystem Europas ins Wanken bringen kann wie zuvor die Pleite der US-Bank Lehman Brothers - und Deutschlands Steuerzahler für Milliardensubventionen anderer Staaten zur Kasse gebeten werden könnten.
Von Karsten Stumm

mm: Herr Mayer, Griechenland ist in Finanznot, doch die Bundesregierung will den Griechen keinen Cent geben. Im Gegenteil: Das Land soll sich gefälligst selbst berappeln. Warten wir so lange verstockt, bis ganz Europa in der Krise steckt?

Mayer: Die Gefahr besteht. Denn Finanzkrisen haben die bedenkenswerte Eigenschaft, nicht planbar zu sein. Man weiß schlicht nicht, wie viel Zeit zum Eingreifen bleibt. Die Dinge geraten oftmals abrupt aus dem Ruder - und ziehen dann alles um sich herum in sich hinein, wie ein schwarzes Loch.

mm: Sie meinen, das sieche Griechenland könne Europa in eine Finanzkrise stürzen, wie die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 das Weltfinanzsystem?

Mayer: Diese Krise hat ebenfalls eine höchst gefährliche Sprengkraft, ja. Denn wenn weder Deutschland und Frankreich eingreifen, noch die Europäische Union insgesamt, und Griechenland deshalb plötzlich mit leeren Händen dastünde, könnte es zu einem unkontrollierten Zahlungsausfall für griechische Staatsanleihen kommen, ...

mm: ... das heißt, dass Griechenland seinen Anleihenbesitzern weder die fälligen Zinsen pünktlich noch die geborgte Summe an sich zurückzahlen würde?

Mayer: Genau. Dann aber würden die Kurse dieser Staatsanleihen nach unten rasen. Und entsprechend müssten all jene, die Griechenland Geld geliehen haben, den Wert dieser Kredite in den eigenen Büchern der neuen Realität anpassen. Schlimmstenfalls geraten die Kreditgeber Griechenlands dadurch selbst ins Wanken, sodass eine Kette fallender Dominosteine entstünde. Und dann wäre aus der Finanzkrise in einem kleinen europäischen Staat eine große Europa-Krise geworden.

mm: Sie wollen die Bundesbürger also zur Kasse für Griechenland bitten, um im eigenen Interesse eine zweite Finanzkrise der Lehman-Dimension zu verhindern?

Mayer: Es ist aus meiner Sicht in der Tat sehr fragwürdig, ob die Bundesregierung ihre harte Linie gegenüber Griechenland beibehalten sollte. Noch wird sie dabei ja von Frankreichs Regierung und der Europäischen Union insgesamt gestützt.

Deutsche Milliardenhilfe wider Willen

mm: Deutschland ist doch jetzt schon einer der große Zahler für die Europäische Union der Subventionen. Glauben Sie, dass es die Bundesbürger klaglos hinnehmen werden, beispielsweise zusätzlich zu den immensen Agrarhilfen für Europas Südstaaten auch noch milliardenschwere Finanzsubventionen zu bezahlen?

Mayer: Wenn es hart auf hart kommt, werden sie es müssen. Schließlich kann man niemanden einfach so aus dem Euro-Club werfen. Das haben Europas Zentralbanker selbst kürzlich ausdrücklich festgestellt. Allerdings kann eine solche Hilfe nur unter strikten Bedingungen gewährt werden.

mm: Ist der Euro an sich denn nicht schon Hilfe genug für Griechenland?

Mayer: Auf der einen Seite haben Sie damit recht, ja. Der Euro wirkt für Griechenland im Moment wie ein Schutzwall. Die Zinsen beispielsweise, die der griechische Staat derzeit für seine Schulden zahlen muss, sind durch seine Mitgliedschaft in der Euro-Zone gemessen an den Finanzproblemen des Landes vergleichsweise gering. Auf der anderen Seite ist der Euro aber auch eine Last für Griechenland.

mm: Inwiefern?

Mayer: Die Griechen haben keine eigene Währung mehr, die sie kräftig abwerten könnten. Das aber war in der Vergangenheit oft ein Mittel, um solche gigantischen Defizite, wie sie Griechenland aktuell hat, erfolgreich zu bekämpfen.

mm: Auch die Bundesbürger haben keine eigene Währung mehr. Sie haben deshalb zuletzt auf eine Rosskur gesetzt: geringe Lohnsteigerungen, und das über Jahre. Alles, um wieder konkurrenzfähiger zu werden. Kann das nicht auch in Griechenland zum Erfolg führen? Und so Geldtransfers von den solideren Euro-Staaten zu denen in Not überflüssig machen?

Mayer: Die Griechen müssten wohl weit mehr auf sich nehmen, als ein paar Jahre lang niedrige oder keine Lohnsteigerungen. Wollte man auf diese Art zum Erfolg kommen, müssten es wohl gar Lohnkürzungen sein. Die Europäische Kommission ist offenbar auf dem Weg dazu, den Griechen etwas Ähnliches in der kommenden Woche vorzuschlagen.

Bürgerkrieg oder Staatsgesundung?

mm: Herr Mayer, Lohnkürzungen kann man doch eigentlich niemanden wirklich aufzwingen, oder? Schlimmstenfalls provoziert man damit Straßenschlachten.

Mayer: Die Iren sind gerade auf dem Weg zu solch einer Lösung. Auch die Letten kämpfen sehr ähnlich. Aber das ist tatsächlich ein extrem harter Akt. Es wäre wohl der härteste Anpassungsprozess, den ich je beobachtet habe.

mm: Wie könnte der Bund denn gemeinsam mit den anderen europäischen Staaten dem notleidenden Griechenland helfen?

Mayer: Manchen Marktteilnehmer erwarten, dass die Europäische Zentralbank ihren Beschluss rückgängig macht, die Anforderungen für Sicherheiten für die Repo-Geschäfte wieder zu erhöhen. So könnte trotz eigentlich geringer Nachfrage nach griechischen Anleihen eine Kapitalknappheit in Griechenland vermieden werden.

mm: Allerdings zu dem Preis, aus der europäischen Währungsunion eine europäische Inflationsunion zu machen?

Mayer: Genau dieses Problem macht diesen Weg zu keiner sinnvollen Lösung.

mm: Welche Variante gibt es dann noch?

Mayer: Wir bräuchten eine Art europäischen Währungsfonds, der Griechenland - ähnlich dem Internationalen Währungsfonds - Überbrückungskredite geben könnte, und zwar unter harten Sanierungsbedingungen.

mm: Und da sind sie zuversichtlich, dass diese Sanierungsbedingungen auch eingehalten werden? Wie man hört, glauben schon jetzt nicht mehr sehr viele Investoren den Beteuerungen der griechischen Regierung.

Mayer: Griechenland leidet tatsächlich bereits an einem dreifachen Defizit: Neben seinem Budgetdefizit auch an einem Leistungsbilanzdefizit und, das stimmt, auch noch an einem Glaubwürdigkeitsdefizit.

Europäischer Währungsfonds gefordert

mm: Spätestens dann wäre Griechenland allerdings vom internationalen Finanzmarkt abgeschnitten, oder?

Mayer: Sollten alle Anpassungsprogramme scheitern, wäre das der Fall, ja. Deshalb müsste der gedachte europäische Währungsfonds den Besitzern griechischer Staatsanleihen anbieten können, griechische Anleihen gegen neue des europäischen Hilfsfonds einzutauschen - gegen einen deutlichen Abschlag natürlich. So sollte ein ungeordneter Staatsbankrott vermieden werden. Darüber hinaus allerdings müsste der Europa-Fonds mit dem Tauschgeschäft zugleich Rechte gegenüber Griechenland erhalten.

mm: Um die Sanierungsbedingungen durchzusetzen?

Mayer: Ganz richtig, ja. Der Europa-Fonds erhielte im Gegenzug für seine Hilfe beispielsweise das Recht, über jede griechische Staatsausgabe anstelle der griechischen Regierung zu entscheiden. Damit wäre sichergestellt, dass die Finanzauflagen, die Griechenland einhalten soll, tatsächlich erfüllt werden.

mm: Glauben Sie, dass solch ein Fonds eine Chance auf Realisierung hat?

Mayer: Da bin ich nicht sicher. Aber ich bin mir sicher, dass die Lösung dieser Finanzkrise einer Weichenstellung gleichkommt. Sie wird den Weg bestimmen, wie wir in der europäischen Währungsunion künftig mit Krisen umgehen werden.

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