Übergewicht Fettbombe für die Volkswirtschaft

Am Sonntag geht die Grüne Woche zu Ende, die stets ein Mehr an kulinarischen Kostbarkeiten verspricht. Die Kehrseite des Genusses ist die Fettsucht-Epidemie, die auch in Deutschland grassiert. Die Adipositas bedroht das Gesundheitssystem - und die Vorstellung, wir würden alle immer älter.

Hamburg - 400 Meter lang war die Wurst. Ein nicht enden wollender Traum aus Fleisch und Gewürzen. Und nicht zuletzt aus Fett, denn das ist der beste Geschmacksträger. Die Oederaner Fleischerei Richter hatte diesen Wursttraum für die Grüne Woche wahr werden lassen, die Ernährungsmesse in Berlin. Vergangenen Montag verkaufte der sächsische Landwirtschaftsminister Frank Kupfer (CDU) das Monstrum in kleinen Stücken. 2,50 Euro pro Zipfel, der Erlös kommt einem karitativen Projekt in Ghana zu Gute.

So sehen PR-Events auf der Grünen Woche aus: Riesenwürste, Riesenkrüge, Riesenbuffets. Das beeindruckt Publikum und Medien. Ein Termin zum Umgang mit Fettsucht findet sich dagegen nicht im Veranstaltungskalender der Messe. Dabei ist Fettsucht ein Riesenproblem.

"Fettsucht ist eine Epidemie", erklärt Stefanie Gerlach, Sprecherin und Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). "Der Begriff ist nicht nur ein Hype in den Medien, sondern wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon vor Jahren verwendet." Er beschreibe völlig korrekt die grassierende Gewichtszunahme immer größerer Bevölkerungsteile in den Industriestaaten und Schwellenländern.

Es ist paradox: Während sich Prominente kasteien und zur vermeintlichen Traumfigur hungern, während die offensichtliche Magersucht von Models selbst zum Modethema wird, futtern sich immer mehr Menschen dieser Länder einen Wohlstandsbauch an. Lange hat man das belächelt - das ein oder andere Pfund zuviel macht ja nichts. Doch der Trend der vergangenen Jahre geht zu immer mehr Bauch bei immer mehr Menschen.

Die Politik ist alarmiert. Und sie greift durch. In Dänemark plant die Regierung eine Fettsteuer, etwa auf Butter und Käse. Pro Kilogramm gesättigter Fettsäuren sollen 25 Kronen an den Fiskus fließen, was das halbe Pfund Butter um ein Drittel verteuern könnte. Im US-Staat New York soll nach dem Willen des Gouverneurs David Paterson bald eine "Obesity Tax" gelten, die Cola und süße Limonaden um bis zu 18 Prozent verteuert, während Milch, Fruchtsäfte und zuckerfreie Getränke verschont bleiben. Und Lettland hat 2006 den Verkauf von Limo, Schokolade und Kartoffelchips in Schulen und Kindergärten verboten.

In Großbritannien wird über solche Maßnahmen erhitzt debattiert. Zwar ist es der Londoner Regierung bislang nicht gelungen, erfolgreich für Steuerpläne wie die der Dänen zu werben. Aber immerhin konnte sie bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln die verbraucherfreundliche Ampel durchsetzen, die in Deutschland von Lobbyisten verhindert wurde. Eine Regierungskommission hatte argumentiert, jeder zehnte verfrühte Todesfall ließe sich verhindern, wenn es einen drastischen Schwenk in der Ernährung der Briten gebe.

Kein Sorgerecht für Eltern dicker Kinder

Weil englische Behörden die Verfettung von Kindern für das Schlimmste halten - 2012 rechnen sie mit einer Million stark übergewichtiger Kinder - schockierten sie die Öffentlichkeit außerdem mit dem Vorschlag, den Eltern der dicksten Minderjährigen das Sorgerecht zu entziehen. Wenn man schon bei gesundheitsbedrohender Unterernährung zu diesem Mittel greife, argumentierten sie, gebe es keinen Grund, bei Überernährung anders zu verfahren.

Die Gründe, die für all diese Maßnahmen angeführt werden, sind immer die gleichen: Starke Fettleibigkeit belastet den Körper über Gebühr und ist Auslöser für alle möglichen Erkrankungen. Praktisch jeder, der an starkem Übergewicht leidet, sei in irgendeiner Form von psychischen Problemen betroffen und von den Folgen übermäßigen Gelenkverschleißes, erläutert Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim. Bei rund zwei Dritteln der Betroffenen kommen später außerdem folgenschwere Stoffwechselerkrankungen hinzu, Diabetes, Leberschäden, Gefäßerkrankungen und Herzprobleme; sogar bestimmte Krebsarten werden mit der übergroßen Körperfülle in Zusammenhang gebracht. Bereits 1996 hat die WHO die Adipositas, die Fettleibigkeit weit über das Wohlstandsbäuchlein hinaus, als chronische Erkrankung eingestuft.

Damit verbinden sich tragische Einzelschicksale - und für die Volkswirtschaften horrende Zusatzbelastungen. Am Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München hat man Kosten in Höhe von 12 bis 13 Milliarden Euro pro Jahr errechnet. Dabei machen die direkten Kosten - also Aufwendungen für Ernährungstherapien und Adipositas-Medikamente - nur einen Anteil von weniger als einem Prozent am Gesamtvolumen aus. Schwerer wiegt die Behandlung der Folgeerkrankungen wie Diabetes (6,8 Milliarden Euro) und Herz-Kreislauf-Probleme (1,9 Milliarden Euro). Für diese Summen kommen größtenteils die Krankenkassen auf. Die wirtschaftliche Last von Arbeitsunfähigkeit wird mit zusätzlichen 582 Millionen Euro beziffert.

Dabei beklagen Mediziner, dass die Krankenkassen die Fettleibigkeit nicht als Krankheit einstufen, um sich vor Therapiekosten drücken zu können. "Es ist menschenunwürdig, die Betroffenen mit ihrem Problem allein zu lassen", beklagt Ernährungswissenschaftler Bischoff. Dabei könnten sich die Hilfen gegen Fettsucht rechnen, wenn später weniger Menschen an Diabetes leiden.

Vorerst dürfte die Kostenlawine weiter wachsen. Am deutlichsten ist das in den USA zu beobachten. Die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention stellte 2007 fest, dass zwei Drittel der Amerikaner übergewichtig sind. 25 Jahre zuvor galt das nur für ein Drittel der Bevölkerung.

Adipositas verkürzt das Leben so stark wie Rauchen

In Deutschland liegen die Zahlen noch nicht ganz so hoch. Aber immerhin 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen sind hier zu Lande übergewichtig, wie aus der Nationalen Verzehrstudie hervorgeht. 20 Prozent aller Deutschen sind adipös, haben also einen Body-Mass-Index von über 30. Das sind 15 Millionen Menschen, tendenz auch hier: steigend.

"Zwar ist es so, dass der Anteil der Übergewichtigen nicht mehr so schnell steigt, wie noch vor wenigen Jahren", schränkt Bischoff ein. Aber die gesundheitlichen Folgen des Übergewichts setzen bei den Betroffenen erst mit zeitlicher Verzögerung ein. Sollte also die Zahl der Fettleibigen in einigen Jahren tatsächlich nicht mehr steigen, würden ihre Gesundheitsprobleme noch lange über diesen Zeitpunkt hinaus zunehmen.

Wenn Deutschland dem Gewichtstrend der USA folgt, verschieben sich weitere sozialpolitische Grundannahmen. So könnte die demografische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte einen Dämpfer bekommen. Amerikanische Forscher des Center for Retirement Research in Boston sind der Frage nachgegangen, wie es kommt, dass die USA nicht mehr an der weltweiten Spitze bei der Lebenserwartung liegen. Bis Anfang der 80er Jahre waren nirgendwo in der Welt die Aussichten, ein hohes Alter zu erreichen, besser als in den USA. Inzwischen liegt das Land in den einschlägigen OECD-Tabellen nur noch im Mittelfeld. Der Grund ist die Liebe der Amerikaner zu Fast Food und ihr Bewegungsmangel. Vor allem Ärmere und schlecht gebildete Amerikaner bringen sich dabei durch ihren Lebensstil um wertvolle Jahre im Alter.

"Der Einfluss von Adipositas auf die Lebenserwartung entspricht etwa dem des Rauchens", sagt Expertin Gerlach. Diesen Schluss legt eine Studie vom Herbst 2009 nahe, die die Ergebnisse von 57 anderen Untersuchungen zusammenführt. Demnach verkürzt ein BMI von 30 und mehr die Lebenserwartung um 2 bis 4 Jahre. Liegt er zwischen 40 und 45, sinkt die Erwartung um 8 bis 10 Jahre. Zur Orientierung: Einen BMI von 40 hat ein 1,80 Meter großer Mann bei einem Gewicht von 130 Kilo. Für einen BMI von 30 genügt schon ein Gewicht von 97 Kilo.

Wie sich das Sterbealter der Deutschen in den kommenden Jahren entwickelt kann freilich niemand genau vorhersagen. Vorerst, das ist die gute Nachricht, dürfte es weiter ansteigen. Aber ob die Entwicklung so rasant bleibt, wie sie in den vergangenen Jahren in den Horrorszenarien zum Kollaps der gesetzlichen Rente projiziert wurde, erscheint zweifelhaft.

Unkalkulierbare Risiken für die Volkswirtschaft

"Sicher ist zu beobachten, dass es im Alter zu einer stärkeren Spreizung kommt", erklärt Bischoff: "Es öffnet sich eine Schere zwischen den Senioren, die sich gesund ernähren und gute Aussichten auf einen langen Ruhestand haben und solchen, die unter den Folgen falscher Ernährung leiden werden." Wie so oft, verlaufe die Scheidelinie zwischen den Gruppen entlang der Merkmale guter Bildung und materieller Absicherung.

Besorgnis erregend ist die langfristige Perspektive. Denn gerade bei Kindern und Jugendlichen sind die Steigerungsraten der Fettleibigkeit besonders hoch. 15 Prozent des deutschen Nachwuchses sind zu dick, rund 1,8 Millionen Menschen, ergab die bundesweite KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern. Für die gerade laufende Erhebung werden höhere Werte erwartet.

Das sind trübe Aussichten. Denn in der Medizin ist unstrittig: Je früher in seinem Leben ein Mensch adipös wird und je später dies behandelt wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er es auch später bleibt. "Nach meiner Einschätzung werden etwa 85 Prozent der übergewichtigen Kinder auch als Erwachsene Gewichtsprobleme haben", sagt Stefanie Gerlach.

Eine Fettsteuer fordern die deutschen Mediziner deshalb noch nicht. Aber mehr gesundheitliche Aufklärung, mehr Geld für Forschung und mehr Einsatz der Krankenkassen bei der Vorbeugung der Folgeerkrankungen. Die Münchener Krankheitskostenstudie zieht den Schluss, dass "dringend" mehr in die Prävention investiert werden muss, wenn "die Kosten für Adipositas beherrschbar bleiben" sollen. Das ist sicher keine populäre Forderung in der Debatte um die Gesundheitsreform, entlastet die deutsche Wirtschaft aber langfristig von unkalkulierbaren Risiken.

"Wir meinen damit nicht, dass jedes beliebige Diätprogramm von der Kasse bezahlt werden soll", sagt Bischoff. Die AOK Bayern teste derzeit die erfolgsabhängige Übernahme der Kosten von Ernährungstherapien, das sei ein praktikabler Ansatz.

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