Sonntag, 22. September 2019

Übergewicht Fettbombe für die Volkswirtschaft

4. Teil: Unkalkulierbare Risiken für die Volkswirtschaft

"Sicher ist zu beobachten, dass es im Alter zu einer stärkeren Spreizung kommt", erklärt Bischoff: "Es öffnet sich eine Schere zwischen den Senioren, die sich gesund ernähren und gute Aussichten auf einen langen Ruhestand haben und solchen, die unter den Folgen falscher Ernährung leiden werden." Wie so oft, verlaufe die Scheidelinie zwischen den Gruppen entlang der Merkmale guter Bildung und materieller Absicherung.

Adipositas: Ähnliche Bedrohung für die Gesundheit wie das Rauchen
Besorgnis erregend ist die langfristige Perspektive. Denn gerade bei Kindern und Jugendlichen sind die Steigerungsraten der Fettleibigkeit besonders hoch. 15 Prozent des deutschen Nachwuchses sind zu dick, rund 1,8 Millionen Menschen, ergab die bundesweite KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern. Für die gerade laufende Erhebung werden höhere Werte erwartet.

Das sind trübe Aussichten. Denn in der Medizin ist unstrittig: Je früher in seinem Leben ein Mensch adipös wird und je später dies behandelt wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er es auch später bleibt. "Nach meiner Einschätzung werden etwa 85 Prozent der übergewichtigen Kinder auch als Erwachsene Gewichtsprobleme haben", sagt Stefanie Gerlach.

Eine Fettsteuer fordern die deutschen Mediziner deshalb noch nicht. Aber mehr gesundheitliche Aufklärung, mehr Geld für Forschung und mehr Einsatz der Krankenkassen bei der Vorbeugung der Folgeerkrankungen. Die Münchener Krankheitskostenstudie zieht den Schluss, dass "dringend" mehr in die Prävention investiert werden muss, wenn "die Kosten für Adipositas beherrschbar bleiben" sollen. Das ist sicher keine populäre Forderung in der Debatte um die Gesundheitsreform, entlastet die deutsche Wirtschaft aber langfristig von unkalkulierbaren Risiken.

"Wir meinen damit nicht, dass jedes beliebige Diätprogramm von der Kasse bezahlt werden soll", sagt Bischoff. Die AOK Bayern teste derzeit die erfolgsabhängige Übernahme der Kosten von Ernährungstherapien, das sei ein praktikabler Ansatz.

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