Donnerstag, 19. September 2019

Übergewicht Fettbombe für die Volkswirtschaft

2. Teil: Kein Sorgerecht für Eltern dicker Kinder

Weil englische Behörden die Verfettung von Kindern für das Schlimmste halten - 2012 rechnen sie mit einer Million stark übergewichtiger Kinder - schockierten sie die Öffentlichkeit außerdem mit dem Vorschlag, den Eltern der dicksten Minderjährigen das Sorgerecht zu entziehen. Wenn man schon bei gesundheitsbedrohender Unterernährung zu diesem Mittel greife, argumentierten sie, gebe es keinen Grund, bei Überernährung anders zu verfahren.

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Die Gründe, die für all diese Maßnahmen angeführt werden, sind immer die gleichen: Starke Fettleibigkeit belastet den Körper über Gebühr und ist Auslöser für alle möglichen Erkrankungen. Praktisch jeder, der an starkem Übergewicht leidet, sei in irgendeiner Form von psychischen Problemen betroffen und von den Folgen übermäßigen Gelenkverschleißes, erläutert Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim. Bei rund zwei Dritteln der Betroffenen kommen später außerdem folgenschwere Stoffwechselerkrankungen hinzu, Diabetes, Leberschäden, Gefäßerkrankungen und Herzprobleme; sogar bestimmte Krebsarten werden mit der übergroßen Körperfülle in Zusammenhang gebracht. Bereits 1996 hat die WHO die Adipositas, die Fettleibigkeit weit über das Wohlstandsbäuchlein hinaus, als chronische Erkrankung eingestuft.

Damit verbinden sich tragische Einzelschicksale - und für die Volkswirtschaften horrende Zusatzbelastungen. Am Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München hat man Kosten in Höhe von 12 bis 13 Milliarden Euro pro Jahr errechnet. Dabei machen die direkten Kosten - also Aufwendungen für Ernährungstherapien und Adipositas-Medikamente - nur einen Anteil von weniger als einem Prozent am Gesamtvolumen aus. Schwerer wiegt die Behandlung der Folgeerkrankungen wie Diabetes (6,8 Milliarden Euro) und Herz-Kreislauf-Probleme (1,9 Milliarden Euro). Für diese Summen kommen größtenteils die Krankenkassen auf. Die wirtschaftliche Last von Arbeitsunfähigkeit wird mit zusätzlichen 582 Millionen Euro beziffert.

Dabei beklagen Mediziner, dass die Krankenkassen die Fettleibigkeit nicht als Krankheit einstufen, um sich vor Therapiekosten drücken zu können. "Es ist menschenunwürdig, die Betroffenen mit ihrem Problem allein zu lassen", beklagt Ernährungswissenschaftler Bischoff. Dabei könnten sich die Hilfen gegen Fettsucht rechnen, wenn später weniger Menschen an Diabetes leiden.

Vorerst dürfte die Kostenlawine weiter wachsen. Am deutlichsten ist das in den USA zu beobachten. Die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention stellte 2007 fest, dass zwei Drittel der Amerikaner übergewichtig sind. 25 Jahre zuvor galt das nur für ein Drittel der Bevölkerung.

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