2010 Wenig Hoffnung für den Arbeitsmarkt

Die Konjunkturaussichten werden sich im Jahr 2010 deutlich aufhellen, sagen Wirtschaftsforscher. Doch für den Arbeitsmarkt erwarten sie nur wenig Impulse. Die in vielen Firmen bislang rettende Kurzarbeit werde abnehmen und die Arbeitslosigkeit wachsen - in der Spitze auf bis zu vier Millionen Arbeitslose.

Hamburg - "Der Arbeitsmarkt hat bisher nur wenig unter der Wirtschaftskrise gelitten. Das wird sich ändern", sagte der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Bei der Konjunktur erwartet Straubhaar 2010 den Beginn einer langsamen Erholung, warnte aber vor zu großem Optimismus. "Die Betonung liegt auf langsam."

So werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland nach HWWI-Berechnungen im neuen Jahr zwar um 1,5 Prozent und damit entgegen früherer Erwartungen "überraschend kräftig" zulegen. Angesichts des BIP-Absturzes von fast 5 Prozent im Krisenjahr 2009 sei diese Entwicklung aber noch kein Grund für "Luftsprünge", ergänzte Straubhaar. "Wir bewegen uns immer noch weit unter dem Ausgangsniveau des Jahres 2008."

Unklar sei auch, ob die Wirtschafts- und Finanzkrise tatsächlich ausgestanden sei. Das zeigten auch Ereignisse wie die massiven Zahlungsschwierigkeiten Griechenlands oder des Emirats Dubai, die die Börsen im Dezember plötzlich in Aufruhr versetzt hatten. "Wir wissen nicht, welche Risiken noch in den Büchern schlummern."

Skeptisch äußerte sich auch der Industrieverband BDI. Zum Jahreswechsel warnte der BDI davor, mit den ersten positiven Konjunkturzeichen schon das Ende der Krise einzuläuten. 2010 werde kaum weniger schwierig als das Krisenjahr 2009. "Es geht nicht weiter bergab, aber es wird auch nicht viel besser", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Als besondere Belastungen, die auf die deutsche Wirtschaft zukommen, nannte Keitel die Gefahr einer Kreditklemme, die auslaufenden Konjunkturprogramme sowie die prekäre Lage der öffentlichen Haushalte.

In der Spitze bis zu vier Millionen Arbeitslose

Wirtschaftsforscher Straubhaar warnt: Auf dem deutschen Arbeitsmarkt werde sich die Lage im nächsten Jahr erst einmal verschärfen. Zwar sehe er nicht so schwarz wie einige seiner Kollegen. Er erwarte aber "in den saisonalen Spitzen" bis zu vier Millionen Erwerbslose und rechne im Jahresdurchschnitt mit rund 3,8 Millionen Jobsuchenden in Deutschland. Das wären 400.000 mehr als in diesem Jahr. Bislang hätten Maßnahmen wie die Kurzarbeiterregelung negative Beschäftigungseffekte weitgehend verhindert. Das reicht nach Straubhaars Worten auf Dauer aber nicht aus, um die krisenbedingten Überkapazitäten bei den Unternehmen auszugleichen.

"Der Staat kann nicht alles und jeden retten"

Ifo: "Kurzarbeit wird abnehmen, Arbeitslosigkeit zunehmen"

Ähnlich sieht es der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. Er erwartet, dass im Jahr 2010 die Beschäftigung "stärker an das niedrige Produktionsniveau angepasst" werde. "Die Kurzarbeit wird abnehmen, dafür die Arbeitslosigkeit zunehmen", sagte Sinn in einem dpa-Gespräch. Im Durchschnitt des Jahres 2010 könnte die Zahl der Arbeitslosen "um rund 180.000 auf 3,6 Millionen steigen - was sehr viel weniger ist, als man auf dem Höhepunkt der Krise, vor einem dreiviertel Jahr befürchten musste".

Denn die Krise sei noch nicht vorbei, warnte Norbert Walter, der bisherige Chefvolkswirt der Deutschen Bank . Beispielsweise im Schiffbau und wahrscheinlich auch in Teilen des Einzelhandels sei die Nachfrage dramatisch eingebrochen, sagte Walter am Samstag auf NDR Info. "Man wird den Arbeitskräftebestand hier nicht durchhalten können. Und es wird deshalb im Jahre 2010 doch zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit kommen."

Allianz zeigt sich optimistischer

Michael Heise, Chefvolkswirt des Allianz-Konzerns, beurteilt die Perspektiven für Arbeitsmarkt und Konjunktur insgesamt optmistischer. Der Experte rechnet im Jahresschnitt mit 3,67 Millionen Arbeitslosen. Seiner Einschätzung nach werde die deutsche Wirtschaft im Jahr 2010 um satte 2,8 Prozent wachsen. Wenn die Wirtschaft weiter so laufe wie in den vergangenen Monaten, werde sie die Folgen der Finanzkrise Ende 2011 überwunden haben. Dann sei die Produktion wieder auf dem Niveau wie vor der Krise. "Der Arbeitsmarkt hat den Tiefpunkt bereits Mitte 2010 erreicht", sagte Heise der "Bild".

Bundesagentur: Kurzarbeit rettete 300.000 Stellen

Ohne Kurzarbeit wären im Jahr 2009 nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit rund 300.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte, zuletzt habe etwa eine Million Arbeitnehmer konjunkturelles Kurzarbeitergeld erhalten und etwa ein Drittel weniger gearbeitet. "Die Arbeitslosigkeit wäre vermutlich höher als die 300.000 geretteten Stellen gewesen", sagte Weise. Denn wenn bei einem Mitarbeiter zwei Drittel seiner Arbeit aufgrund fehlender Aufträge wegfielen, werde dieser in der Regel nicht zu einem Drittel weiterbeschäftigt, sondern ganz entlassen worden. Die verbliebenen Mitarbeiter hätten dann seine Arbeit erledigt und Überstunden gemacht. Dies sei durch die Kurzarbeit vermieden worden.

"Der Staat kann nicht alles und jeden retten"

Von der Bundesregierung forderte Straubhaar für 2010 ein Ende kurzfristiger Krisenmaßnahmen und die Beseitigung struktureller Wachstumsbremsen. "Der Staat hat in den Krisenmonaten seit Oktober 2008 richtigerweise enorm viel getan. Jetzt besteht die Herausforderung darin, sich über die langfristigen Folgewirkungen Gedanken zu machen", sagte der Experte. Es gehe darum, die Staatsverschuldung nicht ausufern zu lassen. Auch sollte sich die Regierung bei Hilfen für notleidende Unternehmen künftig einen sehr viel strikteren Maßstab anlegen. "Der Staat kann nicht alles und jeden retten." Staatshilfen etwa für Opel seien der falsche Weg. Die öffentliche Hand solle nur bei "systemischen Risiken" eingreifen.

manager-magazin.de mit Material von Nachrichtenagenturen

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