Samstag, 4. April 2020

Müllers Welt Ist der Kapitalismus am Ende?

Das Jahrzehnt des Superkapitalismus geht zu Ende - jener Ideologie, die die Interessen des Kapitals und seiner Besitzer ins Zentrum stellt. Jetzt beginnt etwas Neues, weil klar ist, dass es so nicht weitergeht. Aber wie genau geht es weiter? Diskutieren Sie mit!

Im Herbst 2009 traf ich Bischoff Wolfgang Huber, den wir zu unserer Veranstaltung "managing the future" eingeladen hatten. Es war für mich die beeindruckendste Begegnung im abgelaufenen Jahr. Der damalige Ratsvorsitzene der Evangelischen Kirche in Deutschland redete unseren Gästen, jüngere Topleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, ins Gewissen: Sie dürften nicht der "Vergötzung des Kapitals" Vorschub leisten; sie müssten sich darüber im Klaren sein, dass sie nicht gleichzeitig Gott und dem Kapital dienen könnten.

Das Jahrzehnt des Super-Kapitalismus geht zu Ende. Doch was kommt danach?
Starke Worte - ein moralischer Imperativ: Ihr dürft so nicht weitermachen! Das wirkte abschreckend und verströmte zugleich den etwas altmodischen Reiz des Wahren und Wirklichen.

Wir waren fasziniert. Wir diskutierten engagiert. Und verstanden allmählich, was Huber gemeint hatte: Das Kapital sei etwas Sächliches, es habe keine Seele, nichts Göttliches, es sei ein Mittel, das Wohlergehen der Menschheit zu steigern, aber nicht das letztliche Ziel.

Übersetzt heißt das: Natürlich müssen Unternehmen Gewinne machen, natürlich muss das Kapital Renditen abwerfen, weil sonst nicht investiert würde. Aber all das dürfe nicht als Ziel und Sinn des Wirtschaftens angesehen werden, sondern nur als Mittel zum humanitären Zweck. Gewinne zu machen sollte eine Nebenbedingung unternehmerischen Handelns sein, aber nicht das Ziel. Gewinne haben deshalb eine moralische Qualität. Ohne Gewinne gibt es keine Investitionen, einerseits. Andererseits: Rücksichtslos und nicht nachhaltig erzielte Gewinnsteigerungen sind schlecht.

Ich habe intensiv über diese Thesen nachgedacht. Und bin zu dem Ergebnis gelangt, dass - auch abseits moralischer Kategorien - der Superkapitalismus an sein Ende gelangt ist. Nämlich aus rein ökonomischen Gründen.

Ganz grundsätzlich: Nachhaltige Wohlstandssteigerungen entstehen dadurch, dass Neues in die Welt kommt. Neue Ideen, neue Produkte, neue Dienstleistungen, die das Leben der Bürger verbessern. Denn darum geht es ja letztlich: den Menschen Dinge anzubieten, die sie brauchen, die sie nützlich, schön, erheiternd, erbaulich finden. Wachstum beginnt mit Innovation. In den vergangenen Jahren passierte genau das nicht: Das Wachstum wurde angetrieben, indem immer mehr vom Gleichen produzierte wurde - immer billiger, an immer kostengünstigeren Standorten.

Billiges Kapital, subventioniert durch sehr niedrige Notenbankzinsen und laxe Überwachungen der Finanzmärkte, ermöglichte eine rasche globale Expansion. Immer größere Produktionskapazitäten wurden aufgebaut.

Beispiel Autoindustrie: Seit Anfang den 90er Jahre wurde ein neues Werk nach dem anderen errichtet - in Osteuropa, in den US-Südstaaten, in Mexiko, in Korea, China, Indien, Malaysia. Es wurde praktisch die bestehende Autoindustrie noch mal neu aufgebaut, ohne dass die bestehenden Kapazitäten an den traditionellen Standorten in Westeuropa, Japan und im Mittleren Westen der USA geschrumpft wären.

Immer mehr vom Gleichen - die Produkte wurden sich immer ähnlicher. Mit der üblichen Folge: Die Preise verfielen. Eigentlich waren viele der produzierten Autos zu Herstellungskosten gar nicht mehr verkäuflich. Nur die Liquiditätsschwemme, die es den Konzernen ermöglichte, über ihre Finanztöchter den Käufern extrem billige Kredite zu geben, hielten den Markt am Laufen. So baute die Autoindustrie weltweite Überkapazitäten von 30 bis 40 Prozent auf.

 Henrik Müller , stellvertretender Chefredakteur von manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
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Henrik Müller, stellvertretender Chefredakteur von manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
Wachstum durch immer höhere Verschuldung, durch immer längere Kapitalhebel - das Spiel der vergangenen Jahre zog sich durch die gesamte Wirtschaft.

Im abgelaufenen Jahrzehnt konzentrierten sich viele Unternehmen auf zwei Strategien: erstens globale Expansion - bestehende Geschäftsmodelle wurden weltweit ausgedehnt, Märkte wurden erschlossen durch den Zukauf ganzer Unternehmen und den Aufbau von Produktions-, Distributions- und Vertriebskapazitäten; Ziel war es, globale Skalenvorteile zu realisieren und in einem strategischen Rennen um Unternehmensgröße nicht ins Hintertreffen zu gelangen; zweitens Standortarbitrage - die Verlagerung von Prozessen an kostengünstigere Standorte; Unternehmen, auch solche mittlerer Größe, betreiben Standortarbitrage, um sich den hohen Kosten in den reichen Ländern zu entziehen; im Fokus standen insbesondere die Arbeitskosten, aber auch Umweltstandards oder Energiekosten. Die oben erwähnte Autoindustrie ist ein Musterbeispiel für diese Vorgehensweisen.

Und jetzt? Jetzt geht es darum, Wachstum aus eigener Kraft zu schaffen. Und das heißt zu allererst: Innovation - die Entwicklung neuer Produkte und neuer Prozesse. Es geht um Kreativität. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. In der Wirtschaft ist ein Umdenken gefordert. Die Verhaltensweisen eines kreativen Konzerns und eines vor allem auf kostensenkende Standortarbitrage konzentrierten Unternehmens unterscheiden sich fundamental: Kreative Konzerne sind auf Langlebigkeit ausgelegt und, häufig, auf Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt bedacht. Vor allem aber sind sie auf die Akkumulation von Knowhow in stabilen Belegschaften angewiesen, weil sie ein hohes Maß an fach- und firmenspezifischem Wissen benötigen.

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Superkapitalismus - das war die ökonomisch dominante Ideologie des ausgehenden Jahrzehnts. Das Management richtete sich einseitig an Renditezielen aus. Unternehmen wurden zerlegt und neu zusammengesetzt und wieder verkauft und nochmals neu zusammengesetzt. Es war die passende Ideologie für die Phase der stürmischen Globalisierung, die hinter uns liegt. Historisch-materialistisch gedacht: Das globalisierte Sein bestimmte das Bewusstsein. Wenn die Märkte wachsen, müssen die Unternehmen mitwachsen. Dafür brauchen sie Kapital, es ist der wachstumsbegrenzende Faktor, der entsprechend dominierend ins Zentrum des Denkens und Handelns rückt. Jedenfalls für eine Übergangszeit. Und die geht gerade zu Ende.

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