Autoindustrie "Der Markt fällt nicht so tief"

Der deutsche Automarkt wird nach dem Ende der Abwrackprämie 2010 deutlich einbrechen - das erwarten fast alle Branchenexperten. Doch während die einen das als "grausam" bezeichnen, sehen andere hinter den nackten Absatzzahlen manche positive Entwicklung.

Hamburg - Die deutsche Automobilindustrie könnte den erwarteten Absatzeinbruch auf dem Inlandsmarkt nach Ansicht des Münchener Autoexperten Helmut Becker deutlich besser verkraften als gemeinhin erwartet. Obwohl die Verkaufszahlen nach dem Ende der Abwrackprämie um etwa eine Million Stück zurückgehen werden, stehe die Branche damit immer noch deutlich besser da als ohne die Verkaufshilfe.

"Der Markt fällt 2010 bei weitem nicht so tief, wie er 2009 ohne die Abwrackprämie gefallen wäre", sagte Becker gegenüber manager magazin. "Der deutsche Automobilmarkt ist 2010 konjunkturell im Aufschwung."

Seinen Berechnungen zufolge hätten alle Hersteller in den Jahren 2009 und 2010 ohne Abwrackprämie auf dem deutschen Markt lediglich 4,9 Millionen Autos verkauft. Davon wären auf 2009 nur knapp zwei Millionen Stück entfallen - ein seit 35 Jahren ungekannter Tiefstand, der zu weitaus schwereren Verwerfungen geführt hätte als sie nun zu erwarten seien.

Dank der Subvention dürften die Autobauer über die beiden Jahre nun voraussichtlich 6,4 Millionen Fahrzeuge absetzen, erwartet Becker, der das Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation leitet und Chefvolkswirt von BMW  war. Somit hätten die hierzulande dominierenden deutschen Hersteller - allen voran Volkswagen  - in der Krise auch einen Vorteil gegenüber Herstellern aus anderen Ländern erarbeitet. Dank staatlicher Hilfen hätten sie die nötige Kraft für neue Strukturen und Produkte aufgebracht, die sich bald auszahlen würden.

Dagegen hatte der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zuletzt von katastrophalen Aussichten für Händler und die meisten Hersteller in Deutschland gesprochen. "Das Jahr 2010 wird grausam", erklärte der Duisburger Professor. Nach seiner Analyse müssen im neuen Jahr bis zu 4000 Händler aufgeben.

Einzelne Hersteller könnten 50 Prozent weniger Autos verkaufen

Bei den Verkaufszahlen erwartet er einen Rückgang von bis zu 50 Prozent. Bei den deutschen Herstellern dürften nur BMW und Porsche  etwas zulegen. Grund für den scharfen Rückgang sind die hohen Absatzzahlen im Jahr 2009, wo mit Hilfe der Abwrackprämie Hunderttausende Fahrzeuge zusätzlich verkauft werden konnten. Weil es sich überwiegend um Kleinwagen handelte und wegen des hohen Rabattniveaus hätten Händler und Hersteller davon aber wenig gehabt.

Dudenhöffer zufolge dürften die Einbrüche nun bei Importeuren und Kleinwagenherstellern besonders hoch ausfallen. "Die größten Verlierer in Prozent sind im Jahr 2010 die Importeure", erklärte Dudenhöffer. Am härtesten ist demnach Fiat  in Deutschland betroffen. Hier könnte das Minus bei 51 Prozent liegen. Zweitgrößter Verlierer ist Hyundai , gefolgt von Suzuki .

Viel besser sieht es bei deutschen Herstellern nicht aus: VW muss der Prognose zufolge einen Rückgang von 30 Prozent verkraften und Opel um 26 Prozent. Ähnliche Zahlen werden für Ford  erwartet - auch da geht Dudenhöffer von einem Rückgang von 30 Prozent aus. Echte Gewinner wird es im neuen Jahr kaum geben, wie Dudenhöffer betonte. Nur BMW, Porsche, Jaguar und Land Rover können leichte Zuwächse erwarten. Bei BMW spielt unter anderem der neue 5er eine wichtige Rolle. Bei Porsche hilft die neue Limousine Panamera.

Branchenkenner Becker zieht die Vorhersagen in Zweifel. "Absatzzahlen einzelner Unternehmen zu prognostizieren ist unwissenschaftlich, weil zu viele Unbekannte vorhergesagt werden müssen." Becker sieht noch immer einen hohen Bestand an Altautos in Deutschland, die ersetzt werden müssen.

Besonders harte Zeiten kommen laut Dudenhöffer auf die Autohändler zu. Sie leiden im neuen Jahr nicht nur am starken Rückgang der Neuwagenverkaufszahlen. "Durch die Abwrackprämie wurden die Gebrauchtwagenpreise aus ihrem Gleichgewicht gebracht." Das wirke sich auf die Restwerte der Gebrauchtwagen aus.

2010 muss neben dem Rückgang im Neuwagengeschäft auch mit hohen Verlusten bei der Rücknahme von Leasingfahrzeugen gerechnet werden. "Das trifft insbesondere die deutschen Marken." Die deutschen Autobauer werden der Prognose zufolge Millionenbeträge zur Verlustdeckung in die Händlerbetriebe stecken müssen, um einen Zusammenbruch zu vermeiden. "Der deutsche Automarkt wird damit für die Hersteller im Jahr 2010 zu einem Markt, der deutliche Verluste erwirtschaftet."

mit Material von ap

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