Samstag, 30. Mai 2020

Müllers Welt Staatspleiten - warten auf den Finanz-GAU

Dubai, Griechenland, Teile Osteuropas, Argentinien, irgendwann womöglich Italien? Die öffentlichen Finanzen vieler Staaten verschlechtern sich rapide. Wird sich Deutschland dem Sog entziehen können? Diskutieren Sie mit!

Die Märkte sind beunruhigt. Banker reden von tickenden Zeitbomben. Die Politik gibt sich verhalten und schweigsam - seit Peer Steinbrück, der immer gern von drohenden "Käuferstreiks" bei Staatsanleihen warnte, nicht mehr im Amt ist.

Tatsächlich steigen die Zweifel, ob sich all die Schulden künftig noch bedienen lassen, die die Staaten derzeit auftürmen. Ob nicht die Mutter aller Krisen noch bevorsteht: der finanzielle Untergang jener Institutionen, die vor kurzem noch als allpotente Retter der Banken und der Weltwirtschaft überhaupt aufgetreten sind.

Auf den Nahezubankrott des Finanzsektors, auf die Involvenzwelle bei den Privathaushalten und den Unternehmen droht nun die nächste Phase der globalökonomischen Großkrise zu folgen: Staatsbankrotte könnten ein Massenphänomen werden, das die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren in Atem hält. Auch heute hochangesehene Schuldner wie Deutschland könnte ein Verlust ihrer Premium-Bonität ereilen, wie neue Untersuchungen zeigen.

Übertrieben? Leider nein. Wir sind der Fiskal-GAUs lediglich entwöhnt. Historisch sind Staatsbankrotte gar nicht so selten: Im 19. Jahrhundert traten sie in Wellen auf, Argentinien prellte seine Schuldner damals gleich mehrmals. Nach dem Ersten Weltkrieg gingen Deutschland und andere Länder Pleite. Seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch beschränken sich akute Staatsfinanzkrisen auf schlecht regierte Entwicklungs- und Schwellenländer, vornehmlich in Lateinamerika. In den reichen westlichen Demokratien waren sie bis vor kurzem schwer vorstellbar.

 Henrik Müller , stellvertretender Chefredakteur von manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
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Henrik Müller, stellvertretender Chefredakteur von manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
Island, das vom Währungsfonds aufgefangen wurde, kann man noch als Sonderfall betrachten: ein kleines Land mit übergroßen Banken, wo die Verschuldung in Fremdwährung zum Volkssport geworden war. Auch Dubai, dessen Emir sein kleines Reich auf viele Schulden baute, ist sehr speziell und außerdem umgeben von petrodollarsatten Bruder-Emiraten.

Aber jetzt Griechenland. Ein Euro-Mitgliedsstaat, Teil der Weltwährungs-Zone Nummer Zwei. Die Rating-Agenturen sind dabei, die Bonitätsnoten für Griechenland herabzustufen. Die Schulden steigen ungebremst, die Wettbewerbsfähigkeit schwindet, typisch für die Wackelkandidaten der Weltwirtschaft .

Geht es so weiter, raunen Eurogruppen-Insider, könnte es im Frühjahr eng für das Land werden. Nämlich dann, wenn die Europäische Zentralbank wie angekündigt allmählich beginnt, einen Teil der Liquidität einzusammeln, die sie seit Herbst 2008 in die Wirtschaft gepumpt hat.

Daraus ergeben sich zwei Schlussfolgerungen. Die erste These bezieht sich auf den generellen Zusammenhang zwischen dem Kurs der Notenbanken und der Staatsverschuldung. Die zweite speziell auf Euroland und hier vor allem auf die Rolle Deutschlands.

These 1: Bislang sind Staatsbankrotte selten, weil die Notenbanken die Welt mit Liquidität fluten. Aber das könnte sich ändern. Bei niedrigen Zinsen lassen sich auch hohe Schuldenstände relativ leicht bedienen. Schlechtere Ratings schlagen sich kaum in Zinssteigerungen nieder. Auch Firmenbonds, obwohl in den vergangenen Monaten reihenweise herabgestuft, kosten ihre Emittenten derzeit nur wenig Geld.

Schlechte Finanzen: Fällt nach Dubai und Griechenland irgendwann Italien?
Aber was passiert, wenn die Notenbanken ernst machen und zunächst die Extra-Liquidität, die sie während der Krise ins System gepumpt haben ("quantative easing") wieder einsammeln, und danach womöglich einen strafferen geldpolititschen Kurs steuern? Dann wird die Finanzierung für schwache Schuldner schwieriger und teurer - und manche könnten sogar vom Kapitalmarkt abgeschnitten werden.

Die spannende Frage lautet deshalb: Werden die Notenbanken auf die gestressten Finanzminister Rücksicht nehmen? Werden sie mehr Inflation wagen, um Schuldenkrisen zu verhindern?

These 2: Die übrigen Euro-Staaten werden versuchen, nicht für Griechenland und andere mögliche Problemfälle einspringen zu müssen. Aber womöglich werden sie es müssen. Das Geld für die Rettungsaktionen müsste vor allem aus den großen, finanzstarken Euro-Staaten Deutschland und Frankreich kommen. Die genießen bislang die stabile Bestnote der Ratingagenturen (AAA), können sich relativ billig verschulden. (Sicher, die Ratingagenturen sind während der Krise ins Gerede gekommen. Aber was die Einschätzung der Tragfähigkeit staatlicher Schulden angeht, haben sie vermutlich die beste Expertise.)

Eine gerade veröffentlichte Studie von Moody's zeigt, dass auch Deutschland und Frankreich eine empfindliche Verschlechterung ihrer Finanzlage befürchten müssen - sie haben schlichtweg kein Geld zu verschenken. Das Problemszenario der Analysten sieht so aus: Das Wachstum erweist sich als etwas schwächer, die Zinsen steigen in den kommenden Jahren schneller als erwartet und es gelingt nicht, auf einen Kosolidierungskurs umzuschwenken. In diesem nicht gerade realitätsfernen Setting könnten die Schulden und die Zinslasten so stark steigen, dass ab 2013 die AAA-Noten in Gefahr geraten. Kommt es hingegen zu einer normalen Erholung, weiterhin niedrigen Zinsen und einer vernünftigen Finanzpolitik, dann sind die Staatshaushalte in Deutschland und Frankreich der Untersuchung zufolge sicher. Übrigens schneiden die USA und Großbritannien deutlich schlechter ab, aber das nur am Rande.

Die Lage ist schwierig genug. Entsprechend werden die Finanzminister in Berlin und Paris sich hüten, auch noch die Schulden anderer Mitgliedstaaten mitzutragen. Der Staatsbankrott eines so kleinen Mitgliedstaates wie Griechenland könnte sogar als willkommene Abschreckungsmaßnahme gegenüber anderen Ländern mit laxer Finanzführung gesehen werden. Ein hellenischer Staatsbankrott könnte ein Exempel statuieren, das am Ende die Währungsunion stärkte, weil dadurch die finanzpolitischen Spielregeln klarstellen würden.

Ein knallharter Kurs. Aber werden Paris und Berlin ihn durchhalten? Fraglich. Denn ein Bankrott könnte eine Kettenreaktion auslösen. Anleger könnten sich geschockt auch aus anderen, schwächeren Staatsanleihen zurückziehen. Was wäre, wenn das große, hochverschuldete, schwach wachsende Italien - mit einem großen Bondmarkt, vergleichbar dem deutschen - keine neuen Anleihen absetzen kann? Das würde das Euroland im Kern bedrohen - und in Deutschland wären Abermillionen von Lebensversicherungen bedroht, die in italienische Euro-Staatsanleihen investiert haben. Dann müssten die Euro-Partner, Deutschland vorneweg, wohl prompt einspringen - und eine weitere Verschlechterung ihrer eigenen Staatsfinanzen risikieren.

Aufregende Aussichten. Die Schuldenorgien der Vergangenheit und Gegenwart werden uns noch noch lange Zeit begleiten.

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