Goldman-Chefvolkswirt Jim O'Neill "Vieles kann noch schiefgehen"

Die gute Nachricht - das Schlimmste haben wir hinter uns, sagt Goldman-Sachs-Chefökonom Jim O'Neill. Die schlechte lautet, dass es noch etliche Stolpersteine auf dem Weg zur vollständigen Gesundung der Weltwirtschaft gibt. Vor allem Politiker müssen jetzt aufpassen.
Von Arne Gottschalck

mm: Die Börse hat sich seit März gewaltig erholt. Und wie nachhaltig ist die wirtschaftliche Erholung?

O'Neill: Ich glaube, wir haben den schlimmsten Teil der Krise überstanden, und - was noch wichtiger ist - es wird keine zweite große Depression geben, die mit der der 30er Jahre vergleichbar wäre. Das weltweite Wachstum nimmt weiter zu, und es hat jetzt den Anschein, dass die tief greifende Rezession, die Ende 2007 in den USA ihren Ausgang nahm und sich dann auf viele andere Länder ausbreitete, endlich vorbei ist. Wichtige Kennzahlen für Belastungen im Finanzsystem haben sich verbessert, und risikoreiche Wertpapiere haben sich seit Mitte März in eindrucksvoller Weise erholt. Mit Blick auf die Zukunft gibt es in der Weltwirtschaft eine zunehmende Differenzierung zwischen den G3-Staaten mit ihren nach wie vor unsicheren Wachstumsaussichten und den meisten Schwellenländern - allen voran China und Indien - deren Wirtschaft kräftig wächst.

mm: Was sind die Hauptgefahren für diese Erholung?

O'Neill: Es gibt immer noch eine Reihe von Risiken. Zum Beispiel besteht die Gefahr, dass die Politik den Fehler macht, die Geldpolitik zu rasch wieder zu straffen oder dass es zu weiteren Verwerfungen im Bankensektor kommt, beispielsweise in Deutschland. Vieles kann immer noch schiefgehen. Davon abgesehen habe ich seit Anfang des Jahres gesagt, dass zwar die Wachstumsbeeinträchtigung gegen Ende vergangenen Jahres weit verbreitet und in hohem Maße synchron war, die Qualität der Erholung in den einzelnen Ländern vermutlich aber sehr unterschiedlich sein dürfte.

Dass sich einige Notenbanken anscheinend in Richtung einer strafferen Geldpolitik bewegen, hat uns in unserer Auffassung bestärkt, dass auch der Umfang und das Timing der Rückführung konjunkturstützender Maßnahmen sehr unterschiedlich sein wird. Das auffälligste Merkmal des bisherigen Aufschwungs ist die deutliche, im Verlauf einem V gleichende Erholung der Industrieproduktion in den Schwellenländern. Sie stellt sich ganz anders dar, als was wir bisher in den Industrieländern gesehen haben, und lässt darauf schließen, dass sich Länder mit weniger 'strukturellen' Problemen auch dann schneller erholen, wenn der vorangegangene Abschwung ausgeprägter war.

mm: Die meisten Länder haben ihren Schuldenstand in den vergangenen Monaten erhöht. Sollten Wirtschaftsräume wie die EU über eine Abschaffung ihrer Defizitregeln nachdenken, um sich so größeren finanzpolitischen Handlungsspielraum zu schaffen?

O'Neill: Ich glaube tatsächlich, dass die EU ihre finanzpolitischen Regelungen und ihre Schuldenkriterien überdenken sollte. Es ist offensichtlich, dass praktisch alle EU-Länder und auch die meisten EWU-Mitgliedsländer keine Aussicht haben, die Maastricht-Kriterien oder den Stabilitätspakt auf absehbare Zeit zu erfüllen. Und es ist noch offensichtlicher, dass die Länder ihre Finanzpolitik drastisch verschärfen sollten, um dieses Ziel zu erreichen. Was all diese Länder brauchen, ist Wachstum. Und die für die Wirtschaftspolitik Verantwortlichen sollten den diesbezüglichen Herausforderungen weiterhin offen begegnen. Eine neue "mittelfristige Finanzstrategie" auf der Grundlage von Verschuldungsobergrenzen und einer Kontrolle der laufenden Staatsausgaben und konsumtiven Ausgaben wäre eine gute Idee und wahrscheinlich auch ein besserer Rahmen.

Die Fehler der Banken

mm: Was haben die Banken aus der Krise gelernt - und welche Lehren sollten sie aus dem Fiasko ziehen?

O'Neill: Im Zuge der jüngsten Ereignisse hat man sehr viel gelernt - und zwar nicht nur bei den Banken. Die aus meiner Sicht wichtigste Lehre aus dieser Krise ist, dass Banken nicht so handeln dürfen, als ob sie von den Gesellschaften und Volkswirtschaften, in denen sie tätig sind, unabhängig wären. Als Wirtschaftszweig ist es den Banken oft nicht gelungen, ihre Geschäftstätigkeit zu erklären. Diese ist größtenteils komplexer und abstrakter als die Geschäftstätigkeit anderer Branchen. Wir brauchen mehr Transparenz und Aufklärung sowie eine bessere Bewertung der Risiken im Bankgeschäft. Mehrere positive Beispiele haben gezeigt, dass sich ein solides Risikomanagement für Finanzdienstleister auf lange Sicht bezahlt macht. Ich glaube, alle großen Akteure im Bankensektor sind sich einig, dass wir unsere Anstrengungen fortsetzen sollten, um die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Schocks im Finanzsystem zu reduzieren und den Schaden zu begrenzen, der aus solchen systemischen Schocks entsteht.

mm: Einige Experten denken über die Schaffung einer globalen Aufsichtsbehörde nach, um so eine Krise künftig zu vermeiden. Was halten Sie davon?

O'Neill: Nach den Schocks der vergangenen Monate und den damit verbundenen schmerzlichen wirtschaftlichen Folgen besteht der verständliche und berechtigte Wunsch nach einer umfassenden Regulierungsreform. Wir sollten jedoch der Versuchung widerstehen, eine Reform durchzuführen, die ausschließlich dazu dient, uns vor einem Jahrhundertsturm zu schützen. Wenn man Risiko vollständig aus dem System nimmt, wird das zulasten des Wirtschaftswachstums gehen. Wir wissen aus der Wirtschaftsgeschichte, dass die Übernahme von Risiken die Voraussetzung ist für Innovation - und für die neuen Branchen und Arbeitsplätze, die daraus entstehen.

Wir müssen den Wert von Risikokapital erhalten und gleichzeitig das Vertrauen der Anleger durch wirkliche Transparenz, effektive Beaufsichtigung und klare Führung stärken. Wenn es uns nicht gelingt, dort ein Gleichgewicht zu erreichen, schränken wir damit unsere Fähigkeit ein, unseren Weg aus der Krise heraus zu finanzieren, und schwächen die Bestandteile unseres Finanzsystems.

mm: Die australische Notenbank hat ihre Leitzinsen erhöht, andere Zentralbanken zaudern noch. Sollten die Zentralbanken auf der ganzen Welt nicht weiterhin konzertiert vorgehen?

O'Neill: Nein, es ist nicht klug, wenn sich die Zentralbanken auf dem Weg aus der Krise so aktiv abstimmen wie dies auf dem Weg in die Krise der Fall war. Einige Länder sind wirtschaftlich sehr eng mit den Schwellenländern verflochten und stark rohstoffabhängig, und ihr Bankensystem war nicht angeschlagen. Australien gehört zu diesen Ländern. Für sie sind Zinserhöhungen sinnvoll. Andere Länder wie Norwegen, Schweden und vielleicht auch Kanada sind in einer ähnlichen Lage. Klar ist auch, dass BRIC-Länder wie China und Indien ihre Zinsen erhöhen können. In den großen Industrieländern - insbesondere in den USA - ist die Situation anders. Sie müssen sicherstellen, dass die Rezession vorbei ist, bevor sie an solche Maßnahmen denken.

Das starke China

mm: China ist anscheinend die Lokomotive der derzeitigen Erholung. Das Land gehört zu den vier BRIC-Staaten. Sehen Sie das als Beleg dafür, dass BRIC mehr ist als nur ein Konzept?

O'Neill: Wenn wir auf die Krise zurückblicken, zeigt sich, dass die BRIC-Länder das Bild beim Wirtschaftswachstum noch stärker dominieren als während der weltweiten Hochkonjunktur - auch wenn wir unsere Prognose für 2009 für Russland erheblich nach unten revidiert haben. Der Kontrast wird noch ausgeprägter, wenn man sich unsere Prognosen für die Binnennachfrage ansieht. Für 2010 gehen wir weltweit von einem Plus von 4,4 Prozent aus, für die BRIC-Länder aber von 9,2 Prozent - mit China an der Spitze. Im Gegensatz zu der vor wenigen Monaten von einigen Beobachtern geäußerten, eher pessimistischen Auffassung, dass der "BRIC-Traum" wegen der Krise platzen könnte, erscheint der Aufstieg dieser Länder relativ betrachtet sogar noch stärker. Wir haben nie gesagt, dass unsere Hochrechnungen für die BRIC-Länder bis zum Jahr 2050 unsere Prognosen sind. Vielmehr zeigen diese Hochrechnungen nur, was geschehen "könnte". Ich glaube, das BRIC-Modell ist besser geeignet als andere, solange sich die Globalisierung im weiteren Sinne fortsetzt und solange insbesondere China und Indien bestrebt sind, deren Vorteile zu nutzen.

Um auf Ihre Frage zu antworten: Ich meine, es ist inzwischen deutlich geworden, dass BRIC mehr ist als nur ein wirtschaftliches Konzept. Die BRIC-Länder stellen eigentlich eine recht natürliche Gruppierung dar. Damit zusammenhängend hat der Handel zwischen den BRIC-Ländern deutlich schneller zugenommen als das ohnehin explosionsartige Weltwirtschaftswachstum in diesem Jahrzehnt. Zudem entwickeln die Dinge eine Eigendynamik, und ich habe den Eindruck, dass die BRIC-Länder langsam auch politisch stärker zusammenwachsen. Es hat bereits Treffen der Finanz- und Außenminister der BRIC-Länder gegeben und die Staats- und Regierungschefs der BRICs werden nächstes Jahr zu einem ersten Gipfeltreffen zusammenkommen.

In der Frage, was ein BRIC-Land ausmacht, sage ich seit Jahren, dass man sich darunter am besten ein Entwicklungsland vorstellen kann, das bereits 5 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet oder das Potenzial dazu hat.

mm: Bedeutet dies zwangsläufig, dass das Folgekonzept der "Next Eleven", kurz N11, näher und realistischer ist als zunächst angenommen?

O'Neill: Nachdem die BRIC-Story mittlerweile ja wohlbekannt ist, wecken allmählich auch die N11 das Interesse der Anleger. In letzter Zeit hat sich die wirtschaftliche Lage dieser Länder verbessert, und auch ihre Aktienmärkte haben sich erfreulich entwickelt. Als Gruppe betrachtet haben die N11 vielleicht nicht die Größe, um auf absehbare Zeit eine den BRIC-Ländern vergleichbare Wirkung auf die Weltwirtschaft zu entfalten. Aber sie könnten zumindest beim Wirtschaftswachstum nahe an die G7 herankommen. Von den N11-Ländern verfügen nur Mexiko, Südkorea und - mit Einschränkungen - die Türkei und Vietnam über das Potenzial und die Voraussetzungen, um mit den derzeitigen großen Wirtschaftsnationen oder auch den BRIC-Ländern gleichzuziehen. Als eine Gruppe potenziell großer und rasch wachsender Märkte könnten die N11 einen wichtigen Beitrag zum Wachstum leisten und interessante wirtschaftliche Perspektiven bieten.

Der schwache Dollar

mm: Einige Experten sagen, der Dollar verliere schleichend an Bedeutung. Was meinen Sie?

O'Neill: Obwohl der Dollar in naher Zukunft zyklisch bedingt schwach bleiben wird, rechnen wir danach mit einer allmählichen Erholung der US-Währung. Wir haben auf die zyklischen Faktoren hingewiesen, die zur Dollar-Schwäche beitragen. Dazu gehört, dass die Korrelationen zwischen verschiedenen Vermögensgegenständen bestehen bleiben …

mm: ... soll heißen, Öl und riskante Assets und der Dollar sind negativ korreliert …

O'Neill: Ja, und die per saldo zu beobachtenden Mittelabflüsse aus US-Staatsanleihen drücken derzeit ebenfalls auf den Dollar-Kurs. Diese Kräfte könnten die Schwäche des Greenback in der nahen Zukunft untermauern. In der etwas ferneren Zukunft sehen wir Potenzial für einen stärkeren Dollar. Das genaue Timing ist unsicher, aber wir gehen von einem Zeithorizont von zwölf Monaten aus.

Dies liegt hauptsächlich daran, dass im weiteren Verlauf des Konjunkturzyklus strukturelle Faktoren den Dollar stützen dürften. Möglicherweise werden wir Kapitalzuflüsse in Verbindung mit einem deutlich niedrigeren Leistungsbilanzdefizit der USA sehen, sodass sich die weit gefassten Zahlungsbilanzströme insgesamt stützend auf den Dollar auswirken werden.