Wirtschaftsmacht Brasilien Die Kraft der 190 Millionen

Brasilien hat die Krise abgeschüttelt wie eine lästige Fliege. Präsident Lula verbindet den Kampf gegen die Armut mit rasendem Wachstum des Konsummarkts. Kommende Großereignisse wie die Fußball-WM und Olympia versprechen weiteres Prestige - und Milliardenaufträge für die deutsche Wirtschaft.

Hamburg - Selbst im prunkvollen Kaisersaal des Hamburger Rathauses kokettiert Luiz Inácio Lula da Silva mit seiner Vergangenheit als militanter Gewerkschaftsführer. Der brasilianische Präsident, am vergangenen Freitag auf Staatsbesuch in der Hansestadt, redet die versammelten deutschen Manager konsequent mit "Companheiros" an. Aber auch in Hamburg wird der "beliebteste Präsident der Welt" (US-Kollege Barack Obama über Lula) wohlwollend aufgenommen. In sieben Regierungsjahren hat sich der einstige Bürger- und Börsenschreck zum Darling der Weltwirtschaft gemausert.

Die deutsche und die brasilianische Wirtschaft seien schon immer eng verbunden gewesen, sagt Lula. "Die Zeit für einen neuen Sprung ist gekommen." Hamburg sei der ideale Ort dafür, umschmeichelt er die Hanseaten. Schließlich habe die Stadt schon 1826 das erste deutsch-brasilianische Handelsabkommen geschlossen, kurz nach der Unabhängigkeit seines Landes.

Gerade hat er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ein neues Abkommen vereinbart - Deutschland will Brasilien in der Vorbereitung von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen unterstützen, vor allem mit Investitionen in Energie, Infrastruktur und Sicherheitstechnik. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der die Initiative "Win-Win 2014/2016" mit angeschoben hat, erwartet Investitionen von mehr als 200 Milliarden Euro allein in die Infrastruktur, von denen einige in Aufträge für deutsche Konzerne münden sollen. Im Februar will Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) eine Delegation deutscher Unternehmer nach Brasilien führen.

"Brasilien könnte China als größte Baustelle der Welt ablösen, wenn diese Projekte alle verwirklicht werden", sagt Peter Rösler. Der Volkswirt ist stellvertretender Geschäftsführer des Lateinamerika Vereins, der seit 1916 die Interessen der deutschen Wirtschaft auf dem Kontinent vertritt. "Wir sind da natürlich nicht allein", sagt Rösler. "Andere schicken gleich ihren Präsidenten hin, wenn es um solche Aufträge geht", spielt er auf den jüngsten Besuch des französischen Staatschefs Nicolas Sarkozy an.

Das Land hat Werbung um Investoren nicht nötig

Nahezu konkret ist die Aussicht für Siemens  und die Deutsche Bahn auf eine 400 Kilometer lange Schnellzuglinie zwischen Rio de Janeiro und São Paulo. Das Projekt wird auf zehn Milliarden Euro taxiert. Von Berlin nach Hamburg ist Lula im ICE gereist, mit an Bord auch Siemens-Chef Peter Löscher und Bahn-Lenker Rüdiger Grube. BDI-Vizepräsident und ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz nennt das Abkommen einen "Meilenstein für die deutsch-brasilianischen Wirtschaftsbeziehungen".

Dabei weiß er selbst wohl am besten, dass Geschäfte in Brasilien nicht nur glücklich machen. Als Investitionsrekord feiern die brasilianischen Behörden das 4,5 Milliarden Euro teure Stahlwerk von ThyssenKrupp  in Rio de Janeiro, das im kommenden Juli eröffnet werden soll. Der deutsche Konzern ist allerdings von den gestiegenen Kosten und der längeren Bauzeit des Projekts wenig begeistert, der heimische Partner Vale  musste seinen Anteil aufstocken. Einer der Gründe ist die vielgeschmähte brasilianische Bürokratie - die Umweltbehörde ließ mit der Genehmigung für die kohleintensive Hütte in einem Mangrovengebiet auf sich warten.

Die Weltbank setzt Brasilien in ihrem Bericht "Doing Business 2010" nur auf Platz 129 im Länderranking, hinter Russland und Nigeria. Vor allem für das Steuersystem und die Genehmigungsverfahren gibt es schlechte Noten, immerhin im Mittelfeld der Rangliste landet das Land in punkto Kreditvergabe und Investorenschutz. Die deutsche Wirtschaft drängt auf ein neues Doppelbesteuerungsabkommen. Zum Investorenschutz haben die beiden Länder einen Vertrag geschlossen, Brasilien zögert aber mit der Ratifikation.

Peter Rösler sieht den Grund für die schlechte Bewertung in Handelshemmnissen. Die brasilianische Regierung fördere Produktion im eigenen Land, mache gleichzeitig aber Konkurrenten, die aus dem Ausland nach Brasilien importieren wollen, das Leben schwer. "Das ist auch Investitionsförderung, wenn Sie so wollen", sagt der Volkswirt. "Wenn man große Geschäfte in Brasilien plant, muss man sich einen einheimischen Partner suchen."

Doch das Land braucht Investoren auch kaum zu umwerben, schon allein die Größe und das Wachstum des Markts sprechen für sich. Volkswagen  will 2,3 Milliarden Euro in seine Fabriken und neue Modelle stecken - VW do Brasil ist Marktführer und soll das auch bleiben. "Wir erwarten dort für die nächsten Jahre deutliche Nachfragesteigerungen, auf die wir unsere Produktionskapazitäten jetzt konsequent ausrichten", erklärte Konzernchef Martin Winterkorn Ende November.

Volkswagen produziert schon seit 1953 im Land, in dieser Zeit siedelten sich auch andere deutsche Konzerne wie BASF  oder Daimler  an. Heute sind mehr als 1200 deutsche Firmen in Brasilien aktiv. Früher kamen aus Deutschland fast so viele Direktinvestitionen wie aus den USA. Auch heute noch investierten die Deutschen viel in Brasilien, dafür reiche aber oft der Cash Flow der brasilianischen Töchter, berichtet Volkswirt Rösler. "Früher hat man das eher als verlängerte Werkbank gesehen", sagt er. "Heute ist das ein sehr interessanter Konsummarkt."

Wie Lula die verhasste Konsumgesellschaft fördert

Auf diese Erkenntnis setzt auch Lula da Silva. Brasilien wurde später und milder als andere Länder von der internationalen Rezession getroffen, und kam schneller wieder heraus. Schon in diesem Jahr soll die Wirtschaft laut Regierungsprognose wieder um 5 Prozent wachsen, fast so stark wie China und Indien und das aus eigener Kraft. Der Außenhandel macht nur ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus. "Unser Vorteil ist ein jungfräulicher Binnenmarkt", weiß Lula. Er spricht von 190 Millionen Bürgern, von denen viele bislang kaum die einfachsten Bedürfnisse befriedigen konnten - und von seiner Sozialpolitik, die den Kampf gegen die Armut zur Wachstumsstrategie mache.

"Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, die Konsumgesellschaft zu kritisieren", witzelt Lula. Nun sorge er dafür, sie durchzusetzen. Seine Regierung gibt Milliarden an Finanzhilfen für Kleinbauern, hat Millionen Haushalte auf dem Land endlich ans Stromnetz angeschlossen, in sieben Regierungsjahren stets den Mindestlohn stärker erhöht als die Inflationsrate.

Während seiner Präsidentschaft habe sich die verfügbare Kreditsumme vervielfacht, sagt Lula - ohne die Stabilität der Banken zu gefährden. "Kein kapitalistisches Land funktioniert ohne Kapital", erklärt er. Am wichtigsten aber sei "Bolsa Família", die Familientüte - Sozialhilfe in der Höhe von 80 Euro monatlich, die 12 Millionen bedürftigen Familien zugute kommt.

Anfangs wurde das Programm als populistisch belächelt, es mache die Ärmsten abhängig von staatlichen Zuwendungen. "Das ist eine Investition direkt in die Kaufkraft der Massen", beharrt Lula. "Sie geben das Geld aus, kaufen sich erst ein Kilo Zuckerrohr, dann einen Kühlschrank, später ein Auto und wer weiß irgendwann ein Flugzeug." Ganz so märchenhaft läuft der Aufstieg der Unterschicht in der Realität nicht.

Doch mit seinem Urteil mag der Präsident richtig liegen: "Daher rührt die Erholung der brasilianischen Wirtschaft, gestützt vom ärmsten Teil der Bevölkerung." Erstmals konsumiere das ärmste Fünftel der Bevölkerung im Nordosten, dem brasilianischen Armenhaus, 50 Prozent mehr als die reichste Schicht im etablierten Süden des Landes.

Das Luxusproblem der zu großen Kapitalzuflüsse

Lula weiß seine Erfolge in Szene zu setzen. Seit 2004 hat die Zentralbank ihr Inflationsziel (derzeit 2,5 bis 6,5 Prozent) nicht mehr verfehlt, kein Vergleich mit der Hyperinflation der Vergangenheit. Das Land mit der einst höchsten Auslandsverschuldung der Welt ist inzwischen Nettogläubiger und hat Devisenreserven von 240 Milliarden Dollar angehäuft - mehr als Exportweltmeister Deutschland. Seit 2005 exportiert Brasilien mehr Industrie- als Grundprodukte - auch wenn im Export nach Deutschland immer noch die Rohstoffe dominieren: Kaffee, Soja, Eisenerz, sogar Fleisch, das von der EU mit einem Einfuhrzoll von 103 Prozent belegt wird.

Brasilien hat offensichtlich andere Sorgen als die Außenwelt: Der Leitzins der brasilianischen Zentralbank beträgt immer noch 8,75 Prozent - und das ist nach einem Jahrzehnt der Politik des harten Geldes mit zweistelligen Zinssätzen von bis zu 45 Prozent schon ein Niedrigrekord.

Seit November verlangt das Land von Ausländern, die Aktien oder Anleihen kaufen, eine 2-prozentige Steuer, um die Kapitaleinfuhr und die Aufwertung der Landeswährung Real zu bremsen. Die hohen Zinsen machen zwar Kredite und Investitionen in Brasilien teuer, sie locken aber ausländisches Kapital an - besonders über die wieder auflebenden Carry Trades, in denen Geld beispielsweise zu null Zinsen in den USA geliehen und dann hochrentabel in Brasilien angelegt wird.

"Im Lauf von 20 Jahren hat das Weltfinanzsystem es für gut befunden, sich vom produktiven Bereich abzukoppeln und der Spekulation zuzuwenden", schimpft Lula in Hamburg. Und da ist er wieder, der linke Arbeiterführer: "Vielleicht liegt das an der Vorherrschaft der Lehre vom minimalen Staat." Kritische Worte über die "weißen Männer mit blauen Augen", die das Desaster in der Weltwirtschaft angerichtet hätten, verkneift Lula sich diesmal aber lieber.

Erdöl, Flieger und Biosprit: Die Wirtschaftsmacht Brasilien

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