Jahrhundertbetrüger Madoff Der Maestro des Verkaufs

Bernard Madoff ist ohne Zweifel der größte Finanzbetrüger aller Zeiten. Kein anderer hat so viele Investoren um so viel Geld gebracht. Wie ist es Madoff gelungen, über Jahrzehnte so viele Menschen zu täuschen? Amir Weitmann, Insider der Finanzbranche, gibt in seinem Buch Antworten. Lesen Sie heute bei manager magazin, wie auch Profis auf Madoff hereinfielen.

Die folgenden Beispiele sind alle auf absolut exakten Tatsachen gegründet. Jedes hat mir ein Augenzeuge in allen Einzelheiten berichtet. Aus verständlichen Gründen und um die Identifi zierung der Zeugen zu vermeiden, habe ich die Namen der Protagonisten, ihre biografi schen Details und in bestimmten Fällen auch die genauen Umstände durchgängig geändert, die dazu geführt haben, dass sie bei Madoff oder einem seiner Mittelsmänner investiert haben. Ich habe einige Details bewusst ausgelassen oder hinzugefügt, um Spuren zu verwischen, aber der Text gibt dennoch getreu die Ereignisse, das gesellschaftliche Umfeld und die Gründe wieder, die all diese Anleger dazu gebracht haben, Madoff ihr Geld anzuvertrauen, entweder direkt oder indirekt über einen Feeder Fund.

Lipstick Building, 885, Third Avenue, New York, 1998 Der Erzähler ist ein Hedgefonds-Analyst, der für eine in Genf ansässige Bank arbeitet. Er hat an der im Folgenden geschilderten Zusammenkunft selbst teilgenommen. In meinem Büro in der Rue du Rhône in Genf bereiten mein Kollege und ich uns auf eine einwöchige Geschäftsreise nach New York vor. Wir versuchen wie üblich, so viele Vermögensverwalter als möglich zu treffen; der Rekord liegt bei fünfzig Geschäftsbesprechungen in einer Woche.

1997 und 1998 werden die Finanzmärkte von der asiatischen Finanzkrise erschüttert, und die Portefeuilles, die zu sehr auf Aktien und im Besonderen auf den "asiatischen Tigern" basieren, erleiden zum ersten Mal seit Jahren einen herben Rückschlag. Unsere Kunden sind nicht zufrieden, und wir natürlich auch nicht.

Im Allgemeinen erscheint uns zu der Zeit der Aktienmarkt nicht genug attraktiv, als dass er große Risiken rechtfertigen würde. Außerdem hat uns die starke Baisse der Aktienmärkte im Gefolge der LTCM-Affäre sehr beunruhigt. Wir möchten also die Portefeuilles diversifizieren, indem wir sie mit Fonds ergänzen, die von erfahrenen, konservativen Verwaltern betreut werden, die ihre Fähigkeit bewiesen haben, auch unter schwierigen Marktbedingungen zu überleben. Zur Vorbereitung unserer Geschäftsreise verbringen Mathieu und ich viel Zeit mit der Analyse zahlreicher Fonds. Mathieu ist mein Hedgefonds-Analyst und hat drei Jahre Erfahrung, und damals wusste kaum jemand, was ein Hedgefonds überhaupt ist.

Während unserer Besprechungen lenkt er meine Aufmerksamkeit auf den Fonds von Madoffs Firma, Bernard L. Madoff Securities. "Hast du schon mal von Madoff gehört?" "Ja, aber nur vage. Soll ja eine Gelddruckmaschine sein. Warst du letzte Woche bei der Präsentation von Alberto, ihrem Verkäufer bei HUG Capital?" "Nein, wie war's da?" "Unglaublich! So etwas habe ich noch nie gesehen! Schau mal: Die Märkte steigen und fallen, und bei ihm - gar nichts! Seine Kurve ist völlig gerade! Es gibt praktisch keine Volatilität, so gut wie keine negativen Monate, es ist einfach großartig!" "Wir müssten uns trotzdem erst mal mit ihm treff en. Organisier das doch bitte über diesen Alberto." "Er trifft sich prinzipiell nicht direkt mit den Anlegern." "Bitte?" "Er ist sehr zurückgezogen. Er trifft sich nicht mit Anlegern."

"Soll das ein Witz sein?" "Nein, nein, das stimmt wirklich. Es ist sehr schwierig, eigentlich unmöglich, einen Termin bei ihm zu bekommen." "Dann versuch trotzdem über deine Beziehungen, einen zu machen. Wir können ihm ja nicht 100 Millionen Dollar hinblättern, ohne ihn überhaupt getroffen zu haben, oder?" Nach mehreren Telefongesprächen, viel Beharrlichkeit und mehreren Tagen Geduld schafft es Mathieu dann dank des Verkäufers Alberto, einen Termin bei Bernard "Bernie" Madoff zu bekommen. Wir gehören zu einer besonderen Gruppe von Anlegern, die das Privileg haben werden, mit ihm zu sprechen. So weit, so gut.

Das Zauberwort lautet "10 Prozent jährlich"

In den folgenden Tagen informiere ich mich über Madoff und grübele über diese Investition nach. Außer einigen Privilegierten kennt ihn kaum jemand persönlich, aber er ist regelrecht von Legenden umwoben. Er ist es, der das elektronische Trading erfunden hat, das die ganze Welt von ihm übernommen hat. Seine Firma hält mindestens zehn Prozent des amerikanischen Markts, und vor allem, so hört man es überall, ist er vertrauenswürdig.

Niemand kann mir erklären, wie er das Geld seiner Kunden eigentlich anlegt, aber die Renditen sprechen für sich. Ich habe Kontakte, die behaupten, er betreibe sicher Frontrunning, und andere nehmen an, dass er wegen des großen Handelsumfangs seiner Firma einen besseren Überblick über den Markt als jeder andere hat. Auf jeden Fall hat er mit den besten Ruf in der gesamten Finanzwelt, zumal sich den Gerüchten zufolge unter seinen Anlegern sowohl große professionelle Investoren wie auch berühmte Persönlichkeiten befi nden. Solche Leute können sich ja nicht irren, oder? In New York fahren wir dann von einer Besprechung zur nächsten und treffen uns mit Fondsverwaltern, die verschiedene Strategien verfolgen, und jeder versucht uns zu überzeugen, dass er ein todsicheres Rezept entdeckt hat. Es sind die besten Fondsverwalter der Welt oder vielversprechende Newcomer, und alle sind intelligent, begabt und reich. Bei den erfolgreichsten sieht man an den Wänden ihrer Büros die Bilder berühmter Fotografen, manchmal auch das Modell des Privatjets auf dem Schreibtisch.

Sie sind die wahren Herrscher der Welt, diejenigen, die in fast jeder Lage noch Gewinn machen können. Rendite mit geringem Risiko ist das Schlüsselwort. Den Kunden dauerhaft eine konstante, berechenbare, nicht zu risikoreiche Rendite ohne Überraschungen bieten zu können. Gelingt einem das, sind Aufstieg und Vermögen garantiert. Das zieht uns an, das ist es, was wir suchen. Das Zauberwort lautet: 10 Prozent jährlich.

Dann ist es so weit; wir treffen den legendären Bernie Madoff. Eigentlich, so wird mir bewusst, habe ich mich unbewusst praktisch schon vorher entschieden: Wir werden wohl bei ihm investieren. Zu Anfang nicht zu viel, vielleicht fünf Millionen Dollar, um ihn erst einmal zu testen. Danach, wenn alles gut läuft, schieben wir eine größere Summe nach. Die Besprechung findet in seinen Geschäftsräumen im Lipstick Building statt, 885, Third Avenue, zwischen der East 53rd und der East 54th Street.

Das Lipstick Building ist ein rötliches, ockerfarbenes Gebäude mit merkwürdig ovalem Grundriss. Es liegt gerade noch innerhalb des magischen Zirkels der Park Avenue. Mit seinen 34 Stockwerken ist es nicht sehr hoch, und ich sage mir, dass es genau zu Bernie Madoffs etwas exzentrischer Persönlichkeit passt - diskret, mysteriös in seiner Erscheinung, anders. Vor einigen Jahren wurde es für 650 Millionen Dollar gekauft.

Wir betreten die große Lobby, wo uns Alberto schon ungeduldig erwartet. Er schleust uns durch die Sicherheitskontrolle, und ich suche währenddessen aus Gewohnheit auf der riesigen schwarzen Tafel Madoffs Namen. Dann finden wir uns im 19. Stock wieder, in einem ziemlich nüchtern und modern eingerichteten Konferenzraum. Wir sind etwa ein Dutzend Investoren, hauptsächlich Brasilianer anscheinend, Privatanleger, die viel Geld kontrollieren, meistens Familienvermögen. Einer hat eine lange Nase und wirkt aggressiv. Offenbar repräsentiert er eine wichtige brasilianische Familie.

Niemand möchte vor Madoff als Idiot dastehen

Bernie kommt in den Raum. Er ist nicht sehr groß, etwa sechzig, mit graumelierten Haaren und wirkt ernsthaft. Nachdem er uns herzlich die Hand geschüttelt hat, nimmt er am Kopf des Tisches Platz. "Ich muss mich zunächst bei Ihnen entschuldigen", beginnt er. "Ich war gerade einige Tage geschäftlich in Japan, und vorgestern habe ich mit dem Präsidenten der Bank of Japan (BoJ) zu Mittag gegessen. Ich sehe ihn von Zeit zu Zeit, weil ich früher Chef der Nasdaq war. Er hat mich um meine Meinung zur aktuellen Krise und mögliche Auswege gebeten. Es war ein sehr interessantes Gespräch, aber das Sushi, das sie uns serviert haben, war nicht mehr frisch, und so hatte ich eine Lebensmittelvergiftung. Ich fühle mich immer noch nicht besonders gut. Bitte entschuldigen Sie mich also."

Aha, denke ich, er isst mit dem Direktor der BoJ … schon beeindruckend. Und scharfsinnig ist er, dieser Bernie … Eine allgemeine Diskussion über die asiatische Wirtschaftskrise und ihren Einfluss auf die Märkte beginnt. "Und Sie, wie denken Sie über die Krise?" Bernie erklärt Ursachen und Auswege, und alle nicken zustimmend mit dem Kopf. Ja, Bernie, natürlich, Bernie … Nach über zwanzig Minuten allgemeinem Geplänkel und Anekdoten wird der Brasilianer langsam ungeduldig. Er ist ja sehr nett, dieser Bernie mit seinen japanischen Geschichten, aber wir sind schließlich geschäftlich hier.

"Mr. Madoff , ich habe mir Ihre Performance angesehen, und die ist auf jeden Fall beeindruckend. Was ich aber nicht verstehe, ist, wie eigentlich Ihre Strategie genau aussieht. Könnten Sie die vielleicht erläutern?" "Grob gesagt handelt es sich dabei um eine Strategie der splitstrike conversion. Ich kaufe ein Aktienbündel aus dem S & P 100, zwischen 30 und 35, das ich mit dem Kauf von Put-Optionen schütze, und diese Strategie finanziere ich mit dem Verkauf von Call-Optionen." "Und das ist alles? Damit erreichen Sie mehr als 98 Prozent positive Monate mit fast null Volatilität? Könnten Sie vielleicht etwas mehr in die Einzelheiten gehen?" "Leider nein; bitte verstehen Sie, dass die Einzelheiten der Strategie geheim sind."

Alle anderen schweigen. Die Investoren in diesem Raum repräsentieren ein potenzielles Anlagekapital von mehreren Milliarden Dollar, aber niemand wagt Bernie zu widersprechen. Manche sprechen nur unbeholfen Englisch und wagen nicht einmal direkt das Wort an Bernie mit seinem Brooklyn-Akzent zu richten, während andere einfach fürchten, als Idioten dazustehen, wenn sie zugeben, dass sie seinen Erklärungen nicht folgen konnten.

Mathieu und ich sprechen beide gut Englisch, aber wir sind keine Options-Spezialisten. Wenn Bernie sagt, dass es funktioniert, wird das schon stimmen. Schließlich ist er seit dreißig Jahren im Geschäft und hat schon mit Derivaten gehandelt, als die meisten von uns noch zur Schule gingen. Nur der Brasilianer lässt sich nicht beeindrucken und nimmt einen neuen Anlauf.

"Sie stellen das so einfach dar, dass man sich fragt, warum Sie der Einzige sind, der diese Strategie anwendet." "Ich habe über dreißig Jahre Erfahrung auf dem Markt, wissen Sie." "So what! Andere aber auch. Ich kenne die meisten der erfolgreichsten Fondsverwalter der Welt und habe noch nie eine Gewinnbilanz wie die Ihrige gesehen!" Bernie setzt daraufhin zu einer langen Abhandlung über das Wesen der Finanzmärkte an. Wir alle verstummen vor seiner Weisheit und seiner Kenntnis der Märkte und der menschlichen Natur.

"Wir interessieren uns nicht für Abenteurer"

Er spricht von Risikoakzeptanz, von der Angst zu verlieren und der Verlockung des Gewinns. Das ist es, was die Menschen verantwortungslos handeln lässt - das Streben nach übertriebenen Renditen, während man in Wirklichkeit einfach nach einer korrekten Rendite für das eingesetzte Geld streben soll. Man muss konservativ agieren, nicht wie bestimmte Leute, die goldene Berge versprechen. "Deshalb sucht sich Bernard L. Madoff Securities seine Kunden sehr sorgfältig aus", erklärt uns Bernie. "Wir interessieren uns nicht für Abenteurer, die nach dem Unmöglichen streben, als Anleger. Wir verwalten solide, diversifizierte Portefeuilles, konservativ strukturiert, für Familienväter und wohltätige Stiftungen - darunter auch meine eigene -, und können es uns nicht erlauben, das aufs Spiel zu setzen, um Kunden mit übertriebenen, unbegründeten Erwartungen zufriedenzustellen.

"Wamm! Treffer! Diesmal hat er es verstanden! Was glaubt er denn, wo er ist? Beim Karneval in Rio? Bernie hat's ihm gezeigt! Mathieu sieht mich mit einem gedämpften Lächeln an, und wir verstehen uns: Das ist genau die Art Anlage, die wir suchen. Solide, keine Experimente, schönen Reden oder unbedachten Versprechungen, genau das, was unsere Kunden wollen. Wir hatten das Privileg, Bernie zu treffen, und sind sicher, dass er uns als Kunden annehmen wird. Um die Details können wir uns kümmern, wenn wir zurück in Genf sind, aber unsere Entscheidung ist gefallen und stimmt mit unserer Haltung vor dem Termin überein: Wir werden bei ihm investieren.

Nach vierzigminütiger Diskussion gibt der Brasilianer sich geschlagen. Ich weiß nicht, ob er verstanden hat, dass er auf seine Fragen keine Antworten bekommen wird, oder ob er überzeugt ist, aber er sagt nichts mehr. Mathieu und ich sind von Bernies Meisterschaft wirklich beeindruckt. Man sieht sofort, dass er ein echter Profi und wirklich integrer Mensch ist.

Das Meeting endet, und Bernie zeigt uns den Börsensaal seiner Firma. Alles ist komplett computerisiert, und darauf ist er sehr stolz. Er ist damit weltweiter Vorreiter, und das verschafft ihm ganz klar einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Die Tastaturen der Rechner sind altmodisch und ziemlich laut. Das ist Absicht, damit man die Angestellten arbeiten hört. Sehen Sie, bei Madoff wird gearbeitet, das ist keine Show. Bernie stellt uns seine beiden Söhne Mark und Andrew vor. Zwei gut aussehende junge Männer in den Dreißigern, die für den Broker-Dealer-Zweig des Familiengeschäfts verantwortlich sind. Sie begrüßen uns, zeigen uns den Börsensaal und ihre Büros.

Wir besichtigen alles, und Mathieu sagt diskret zu mir: "Siehst du, ein richtiges Familienunternehmen. Heutzutage hat man das nicht mehr oft. Das erinnert mich an eine andere Zeit; ich finde das fast bewegend." Anschließend verlassen wir die Geschäftsräume zusammen mit brasilianischen Investoren, die fast genauso begeistert sind wie wir, bis auf den Brasilianer, der mürrisch dreinblickt. Er hat keine Antworten auf seine Fragen bekommen und hat das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Wird er investieren? Ehrlich gesagt interessiert uns das nicht. Wer ist er schließlich, dass er es wagt, an Bernie Madoff zu zweifeln? Wir vereinbaren mit Alberto, uns mit ihm in Genf erneut zu treffen, und fahren zu unserem nächsten Termin.

Im Flugzeug nach Cointrin, dem Genfer Flughafen, haben wir Zeit, unsere Reise zu rekapitulieren. Wir sind auf mehrere hochwertige Fonds gestoßen, und einige davon werden sicherlich in unserem Portefeuille landen. Trotzdem müssen wir für jeden einzelnen der Fonds, die unser Interesse geweckt haben, unsere Due Diligence erstellen, eine Analyse vom legalen und praktischen Gesichtspunkt wie auch vom Anlagenstandpunkt aus. Nur ein einziger erscheint uns von vornherein problemlos, der Fonds von Bernard L. Madoff Securities.

Teil 1: Der Betrug

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