Madoff Der Jahrhundertbetrüger

Bernard Madoff ist ohne Zweifel der größte Finanzbetrüger aller Zeiten. Kein anderer hat so viele Investoren um so viel Geld gebracht. Wie ist es Madoff gelungen, über Jahrzehnte so viele Menschen zu täuschen? Amir Weitmann, Insider der Finanzbranche, gibt in seinem Buch Antworten. manager magazin präsentiert den ersten Auszug.
Von Amir Weitmann

Die Art von betrügerischem Geschäft, wie Madoff es betrieben hat, wird allgemein als Schneeballsystem - im Amerikanischen als "Ponzi scheme" - bezeichnet. Es handelt sich um ein pyramidenförmig aufgebautes Verkaufssystem mit sehr interessanten, aber fiktiven Gewinnerwartungen, die durch den Kapitalzufluss neuer Anleger finanziert werden. Benannt ist dieses System nach Charles Ponzi, der dadurch berühmt wurde, dass er in Boston einen Betrug nach diesem System begangen hatte.

Um besser zu verstehen, wie diese Art von Gaunerei funktioniert, stellen wir uns einen Anleger vor, der 100 Euro investiert. Wenn der Gauner eine jährliche Rendite von beispielsweise 15 Prozent verspricht, erhält der Investor am Jahresende 115 Euro ausbezahlt. Der Gauner gewinnt dann neue Anleger und zahlt die ersten mit dem Geld der jeweils neuesten aus. Dieses System erfordert eine ständig steigende Zahl von Neuanlegern, um die Illusion des Erfolgs aufrechtzuerhalten. Das geht bis zu dem unvermeidlichen Punkt gut, an dem das von den Neuanlegern investierte Kapital die fälligen Zahlungen an die Ausscheidenden nicht mehr deckt. Die Pyramide stürzt zusammen, und der Betrug kommt Knall auf Fall ans Licht. Um zu bestehen, erfordert das System einen beständig exponentiell steigenden Zustrom an Neuanlegern, was auf lange Sicht unmöglich ist. Früher oder später wird die Sache auf die eine oder andere Art aufgedeckt.

Man kann sich fragen, was denn eigentlich die Gauner erwarten, wenn sie doch wissen müssen, dass sie am Ende auffliegen! Da gibt es wahrscheinlich keine allgemeingültige Antwort, aber im Fall Madoffs muss man sich das wirklich fragen, weil er ja schließlich kein Amateur war. Vielleicht glaubte er, den Betrug aufrechterhalten zu können, indem er nur eine ziemlich niedrige Rendite versprach, im Gegensatz zu den typischen Schneeballsystemen, die gewöhnlich viel mehr in Aussicht stellen. Indem er eine jährliche Rendite von etwa 10 bis 12 Prozent ankündigte, die sich außerdem im Laufe der Zeit noch verringern sollte, begrenzte er die Geldmenge, die er andauernd aufbringen musste. So konnte er ziemlich lange durchhalten, und ohne die Krise wäre sein Betrug wahrscheinlich noch einige Jahre lang unentdeckt geblieben.

Bernie Madoffs Persönlichkeit

Um die Tragweite des Geschehenen zu begreifen, muss man Bernie Madoffs gesamtes Leben als eine einzige Inszenierung begreifen, die ihn wie eine Nebelwolke einhüllen und abschirmen sollte, damit er mitleidlos jeden, mit dem er zu tun hatte, hinters Licht führen konnte.

Madoff ist unauffällig. Das war er schon immer, von Jugend an. Er wirkt bescheiden und zurückhaltend und möchte seine Umgebung scheinbar nicht beeindrucken. Von Natur aus neigt er nicht zur Prahlerei, was seine Glaubwürdigkeit nur steigert. Schon als Gymnasiast gehört er nicht zu den "Coolen", bleibt immer zurückhaltend.

Deswegen erinnern sich seine Klassenkameraden an einen charmanten, sympathischen und loyalen Jugendlichen, an einen guten Zuhörer, intelligent und arbeitsam. Dieses Image sollte 31 sich nie verändern. Im Gegenteil, Madoff bekräftigt es in allen Phasen seines Lebens durch sein Verhalten. In den entscheidenden Momenten seiner Karriere als auch seines Privatlebens, bei der Wahl seiner Ehefrau wie auch bei seiner zwanghaften Sorge um kleinste Einzelheiten, setzt sich Madoff sehr präzise und mit allen Details in Szene. Sein Plan ist einfach: ein Vermögen machen und das Stigma des "Jungen aus Queens" loszuwerden, um in die oberste Schicht der amerikanischen Gesellschaft aufzusteigen, die auf einem essenziellen Wert gründet: Geld.

Wie Madoff durch seine Frau Seriosität gewann

Seine Frau Ruth ist viel mehr als seine Lebensgefährtin. Von Anfang an arbeitet sie mit ihrem Mann gemeinsam in der Investmentfirma. Mit ihren guten Manieren, ihrer guten Erziehung und ihrer Liebenswürdigkeit nimmt sie alle für sich ein, die mit Bernie zu tun haben, dem vorbildlichen Ehemann und Familienvater von zwei Kindern. Ruth und Bernie geben sich als verliebtes Paar, vielleicht sind sie es sogar.

Bernie gewinnt so eine Aura von Respektabilität und Seriosität, die er fast fünfzig Jahre lang aufrechterhalten kann, umso mehr, als die beiden ihre Beziehung auf bewundernswerte Weise pflegen. 22 Jahre lang sieht man sie ein bis zweimal pro Woche im Primola essen, einem italienischen Restaurant auf der Upper East Side Manhattans. Die Upper East Side ist das Reichenviertel von New York, eine der teuersten Gegenden der Stadt und der ganzen USA. Das Primola ist ein gutes Restaurant, mit feiner, aber unprätentiöser Küche. Die Madoffs kommen meistens allein und setzen sich an einen ruhigen Tisch hinten im Saal, wo sie ungestört sind. Mit der Zeit werden solche Details natürlich bekannt und man redet über den "netten Bernie", der ein so liebender und treuer Ehemann zu sein scheint.

Dieses Bild eines beeindruckenden, aber bescheidenen Menschen begegnet einem in sämtlichen Aspekten von Madoffs Verhalten, geschäftlich wie privat. In den 1970er-Jahren wohnen die Madoffs in einem eher bescheidenen Haus in Roslyn, Nassau County, im Norden Long Islands. Mit wachsendem geschäftlichem Erfolg erwirbt Madoff weitere Immobilien. 1981 kauft er ein prächtiges Haus in Montauk, einem Fischerdorf an der Südwestspitze von Long Island nahe den Hamptons, den berühmten Ferienorten für Stars, Millionäre und Milliardäre aller Art.

Allein die Tatsache, dass man sich dort ein Haus kauft, ist ein untrüglicher Statusbeweis. 1990 nimmt er sich ein mehr als drei Millionen Dollar teures Doppel-Penthouse in der East 64th Street an der Upper East Side Manhattans zum Hauptwohnsitz, das heute auf etwa sieben Millionen Dollar geschätzt wird. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich Bernies wahre Persönlichkeit. Ruth erzählte ihren Freunden, dass sie ihn eines Abends in der neuen Wohnung ganz alleine im Wohnzimmer vorfand, wo er im Dunkeln saß und weinte. Er sagte ihr, er habe es geschafft, sein Ziel sei erreicht.

Des Weiteren besitzt er eine großartige Zweitresidenz in Palm Beach, Florida, die er 1967 für 79.000 Dollar gekauft hat und die heute etwa zehn Millionen wert ist. Sie liegt in einer der reichsten Städte der USA mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil. Dazu kommen ein herrschaftliches Anwesen bei Cap d'Antibes, ebenfalls sehr wertvoll, sowie eine beeindruckende 17-Meter-Jacht, die er 1977 für 462.000 Dollar gekauft hat und "Bull" nennt, eine Anspielung auf die Börse. Diese Immobiliensammlung wirkt sicher beeindruckend. Für jemanden mit Madoffs Vermögen war sie allerdings eher maßvoll und bescheiden, besonders im Vergleich mit einigen seiner Kollegen, die mehrere Anwesen im Wert von jeweils zweistelligen Millionenbeträgen besaßen. Die Stimmung, die von Madoffs Häusern ausging, die Ruth mit Hilfe einiger der besten Innenarchitekten der Welt geschmackvoll eingerichtet hatte, war einfach: Reichtum, aber ohne Prahlerei; Überfluss, aber in der Schlichtheit. Vertrauenswürdigkeit eben.

Tadellose Umgangsformen machten ihn zu Gentleman

Bernies Titel standen nicht auf seiner Visitenkarte, obwohl er gleichzeitig Präsident, CEO und Direktor seiner Firma war. Manche seiner Freunde schildern ihn als scheu, aber alle bewunderten ihn für seine Diskretion, sein Taktgefühl und sein höfliches Wesen. Bernie begegnete jedermann zuvorkommend, sogar Leuten, die er nicht in seinen Fonds aufnahm. 1999 wollte ein Anleger fünf Millionen Dollar bei ihm investieren, wurde aber abgewiesen, und zwar mittels einer Nachricht auf seinem Anrufbeantworter.

Bernie rief ihn später am Tag nochmals an, um sich für den Mangel an Takt und Höflichkeit seiner Ablehnung zu entschuldigen, die er allerdings wiederholte und mit der - wohlgemerkt falschen - Ausrede begründete, der Fonds sei geschlossen. Dem Kunden wurde zwar der Eintritt in Bernies "Club" verweigert, aber er beendete das Telefonat unter dem Eindruck, mit einem Gentleman gesprochen zu haben. Diese tadellosen Umgangsformen legte Madoff in all seinen gesellschaftlichen Beziehungen an den Tag, und sie faszinierten jeden, der mit ihm zu tun hatte.

Trotz einer anscheinend beeindruckenden Karriere bleibt Madoff fast anonym. Markopolos sieht darin ein Alarmsignal. Wie kommt es, dass ein Vermögensverwalter, der so erfolgreich ist, seinen Erfolg nicht von den Dächern herunter ruft? In Wirklichkeit gehört es in Madoffs Theaterstück zur Inszenierung seiner fiktiven Persönlichkeit, nicht von den Dächern zu schreien; damit verstärkt er seine Glaubwürdigkeit.

Als Designer für seine Büroräume wählt er Philippe Starck, der sie in einem nüchternen, dunklen und kühlen Stil ausstattet, passend zu Madoffs Persönlichkeit. Die Büros selbst folgen einem identischen Schema: Im Lipstick Building gelegen, einem Gebäude mit ovalem Grundriss, sind sie schön, ohne kitschig zu wirken. Ein weiterer Charakterzug Madoffs offenbart sich, allerdings nur den Angestellten von Madoff Securities: der krankhafte Ordnungs- und Kontrollwahn. Außer den Büros in New York hat Madoff Securities auch einen Sitz in London, und Madoff, der ständig über alles auf dem Laufenden sein wollte, ließ dort Kameras installieren. In London und New York sind Möbel, Teppichboden und Dekorelemente dieselben, alle in Schwarz, Weiß und Grau. Auch sein Privatflugzeug ist in ebendiesen Farben gehalten.

Computermäuse, Kühlschränke, Rechner: Alles ist einheitlich, minutiös angeordnet und bizarr rechtwinklig - in einem ovalen Gebäude! Madoff duldet weder Schmutz noch Unordnung. Schreibtische und Büros der Angestellten mussten stets aufgeräumt sein. Ein Angestellter, der gerade eine Birne aß, musste sich einmal harsche Vorwürfe anhören, weil er etwas Birnensaft auf den Teppich getropft hatte. Bernie suchte hastig in einem Schrank nach einer Teppichfliese, um die fleckig gewordene zu ersetzen! In diesem Verhalten entdeckt man leicht eine manische und zwanghafte Haltung, aber abgesehen von solchen unangenehmen Einzelheiten ist Bernie Madoff als Chef genauso beispielhaft wie als Ehemann.

Alle wollten in den "Klub der Bernie-Investoren"

Die Angestellten von Madoff Securities sind verwöhnt, überbezahlt und erhalten zum Beispiel jedes Jahr ein besonderes Geschenk: ein Gruppenwochenende auf Kosten der Firma. Was man von ihnen immer wieder über Madoff hört, wie eigentlich von jedem, der mit ihm zu tun hat, ist, dass er einer von der alten Schule sei, geradeheraus, ehrlich, integer, ein Mann mit Grundsätzen.

Mit faszinierendem Zynismus schreibt er später selbst auf seiner Webseite: "In einer Ära gesichtsloser Firmen, die anderen genauso gesichtslosen Firmen gehören, gemahnt Bernard L. Madoff Investment Securities LLC an eine frühere Epoche der Finanzwelt: der Name des Eigentümers steht auf dem Türschild. Die Kunden wissen, dass Bernard Madoff ein persönliches Interesse daran hat, die makellose Geschichte einer Firma, die nach Grundsätzen, mit Fairness und nach hohen ethischen Standards handelt, weiterzuführen." Diese Werte finden sich auch in der karitativen Tätigkeit der Madoffs verwirklicht.

Bernie und Ruth gründeten 1998 eine wohltätige Stiftung, die Madoff Family Foundation. Madoff investierte 1998 und 1999 etwa vier Millionen Dollar in die Stiftung und fügte 2000 noch einmal die beeindruckende Summe von 25 Millionen Dollar hinzu. 2008 verblieben nominell noch etwa 19,1 Millionen Dollar in der Stiftung. Diese war unter der Verwaltung von Ruth zu einer wichtigen philanthropischen Institution geworden. Ihre Mittel kamen hauptsächlich Krankenhäusern und jüdischen Einrichtungen zugute, im Gefolge zweier tragischer Ereignisse dann auch dem Kampf gegen den Krebs.

Bernies Sohn Andrew erkrankte 2003 an einem Lymphom, einer Form von Krebs. Er genas wieder und übernahm selbst die Leitung der Lymphoma Research Foundation, einer Stiftung, die sich der Krebsforschung widmet. Madoff trug 2006 ebenfalls zum Aufbau einer Stiftung bei, im Andenken an seinen Neff en Roger Madoff . Peters Sohn war mit 32 Jahren an Leukämie gestorben.

Man muss sich die Größenordnung von Madoffs Spenden vor Augen führen, um zu verstehen, dass es sich um bedeutende Summen handelte. Im Jahr 2003, als die Spendensumme am höchsten war, verteilten die Madoffs fast sechs Millionen "In an era of faceless organizations owned by other equally faceless organizations, Bernard L. Madoff Investment Securities LLC harks back to an earlier era in the financial world: the owner's name is on the door. Clients know that Bernard Madoff has a personal interest in maintaining the unblemished record of value, fair-dealing and high ethical standards that has always been the firm's hallmark.

Dollar an die Krebsforschung und mehr als eine Million Dollar an andere Einrichtungen. Diese Spenden in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren öffneten Madoff die Türen zur Welt der Großspender und schufen ihm eine solide Reputation als Philanthrop. Das änderte sich 2007, als die Gesamthöhe der Spenden kaum noch 90 000 Dollar erreichte, während es 2006 noch 1.277.000 Dollar gewesen waren. Im Nachhinein versteht man diesen Absturz sehr gut, aber damals schien ihn erstaunlicherweise niemand zu kommentieren. Madoff s Image, wie es seinem Gefolge präsentiert wurde, war fiktiv, aber ein voller Erfolg. Unter allen Blickwinkeln und für alle Welt wirkte Bernie Madoff immer gleich: als vertrauenswürdiger Mann mit Grundsätzen, eine Säule der Wohltätigkeit.

Madoffs Verkaufsstrategie Über Madoffs Persönlichkeit hinaus gab es auch noch die Verkaufsargumente. Zumindest hätte es sie geben müssen. So funktioniert jedes Geschäft der Welt a priori: Der Verkäufer bemüht sich, die Art seines Produkts und seiner Dienstleistungen potenziellen Kunden zu erklären. Nicht so bei Madoff, dessen Geniestreich darin bestand, diesen Teil des Verkaufsvorgangs praktisch zu eliminieren oder ihn auf geradezu verstohlene und geheimnistuerische Weise an Dritte zu delegieren. In den allermeisten Fällen weigerte er sich einfach, seine potenziellen Anleger zu treff en, was die Mär eines exklusiven, geschlossenen Klubs nur verstärkte.

Das Verlangen der Anleger, dort zu investieren, stieg, proportional zu ihrer Enttäuschung, aus dem "Klub der Bernie-Investoren" ausgeschlossen zu bleiben. Schon einen Termin bei Bernie zu bekommen, konnte Monate oder Jahre dauern, so dass der Anleger ohne innere Reserve und mit nur noch einem Ziel dort erschien: als Kunde akzeptiert zu werden.

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