Fritz Henderson Wie GM seinen Chef demontierte

Er war nur acht Monate im Amt, nun hat GM seinen Chef Fritz Henderson gefeuert. Der Autoveteran hatte beim Konzernumbau wenig glücklich agiert - und sich mit dem mächtigen Verwaltungsrat angelegt. Kurzfristig übernimmt Hardliner Ed Whitacre die Führung, langfristig muss GM nach einem neuen Lenker suchen.

Detroit - Die Pressekonferenz wurde am Dienstag plötzlich und ohne Vorwarnung einberufen. Es gehe darum, so die Ankündigung, "bedeutsame Entscheidungen" zu verkünden, die der Verwaltungsrat von General Motors soeben getroffen habe. Da ahnen die meisten Beobachter längst, welches Topthema auf der Agenda steht: der Abgang von Konzernchef Fritz Henderson.

Denn nach der Rosskur der letzten Monate - Insolvenz, Häutung, Neubeginn, Opel-Debakel - ist dem Konzern eigentlich nur noch eine einzige "bedeutsame Entscheidung" geblieben: die über das Schicksal des Vorstandschefs. Henderson, 51, gilt als Altlast, als ein Symbol für das frühere, kaputte GM. Im jüngsten Sanierungskampf war er immer häufiger mit den Verwaltungsräten aneinandergeraten - zuletzt unterlag er im Streit um den Verkauf von Opel. Henderson wollte die Europatochter losschlagen, jetzt saniert GM die Sparte in Eigenregie.

Sein Abgang hatte sich also angekündigt, dennoch wirken die Beteiligten bei der Verkündung konsterniert. Ed Whitacre, der Vorsitzende des GM-Verwaltungsrats, steht steif auf einer kleinen Bühne des Pressesaals, eine Hand tief in der Tasche, in der anderen einen Ordner und zwei Blätter, von denen er monoton die magische Floskel abliest: "Der GM-Verwaltungsrat hat den Rücktritt von Fritz Henderson als Präsident und CEO des Unternehmens akzeptiert."

Dann trägt Whitacre die obligatorischen Lobesworte vor: Henderson habe "bemerkenswerte Arbeit" geleistet, indem er GM durch "eine Phase der Herausforderung und des Wandels geführt" habe. "Aber wir alle waren uns einig, dass auf dem Weg voraus Veränderungen gemacht werden müssen." Ein freundlicher Abschied klingt anders, das hier ist Routine pur.

Whitacre redet nur knapp drei Minuten, dann verschwindet er, ohne Fragen zu beantworten. Es bleibt dem zerknirschten GM-Pressesprecher Chris Preuss überlassen, die Reporter zu besänftigen. Antworten hat auch er nur wenige. Nur eines wird zwischen den Zeilen klar: Henderson wurde gefeuert. "Der Verwaltungsrat hat beschlossen", sagt Preuss. "Fritz stimmte zu."

"Nie langweilige Tage gehabt"

Und so häutet sich GM ein weiteres Mal und lässt einen seiner ältesten Recken im Staub zurück: Seit 25 Jahren war Henderson bei dem größten US-Autokonzern, als Analyst, Südamerikachef, Europachef, Finanzchef und schließlich - seit acht Monaten erst - Krisen-Vorstandschef. "In meiner Zeit bei GM", sagte er kürzlich noch, "habe ich nie einen langweiligen Tag gehabt."

Das traf sicher auch für seinen letzten Tag zu. Die 13 Mitglieder des Verwaltungsrats waren zu ihrer Monatssitzung angereist, die November-Zahlen standen auf der Tagesordnung, die Zukunft von Opel, die Zukunft der vom Aus bedrohten schwedischen Tochter Saab. Und, wie sich herausstellte, auch die Zukunft Hendersons.

Was genau sich am Dienstag hinter den Kulissen des "Ren Cens" abspielte, wie Whitacre das GM-Hauptquartier Renaissance Center in Detroit nennt, blieb zunächst unklar. Nein, die Regierung habe keinen Einfluss genommen, versichert PR-Mann Preuss. Fest steht: Angedacht war Hendersons Abgang schon, geplant aber nicht. Die zuständigen Senatoren und Abgeordneten aus Michigan erfuhren erst in allerletzter Minute davon. Ein Nachfolger steht noch nicht bereit, Whitacre übernimmt nun kommissarisch die Konzernführung selbst.

Dauerstreit mit den Verwaltungsräten

Hendersons Rausschmiss zeigt, wie enorm die Herausforderungen für GM auch weiterhin sind. Trotz der erfolgreichen Insolvenz in nur 40 Tagen, die einer Gesundschrumpfung im Rekordtempo gleicht. Trotz der langsam anziehenden Absatzzahlen. Trotz der Ankündigung, sich schnellstmöglich von Washington wieder freikaufen zu wollen. Selbst den jüngsten Quartalsverlust von 1,2 Milliarden Dollar verkaufte GM noch als Erfolg.

Das alles konterkariert jetzt Hendersons Abgang. Er schwor, eine neue "Kultur" bei GM einzuführen, leider war der gebürtige Detroiter selbst zu sehr Repräsentant der alten Garden, die den Autogiganten in die Krise bugsiert hatten. "Als Fritz ernannt wurde, war die lauteste Kritik, dass er nur ein weiterer GM-Lebenslanger war", sagte die Autoanalystin Rebecca Lindland. Schon im März schätzte die "Financial Times" die Chancen, dass sich Henderson "länger" im Amt halte, auf gerade einmal "50/50".

Der frisch bestallte Verwaltungsrat - ein Gremium aus gnadenlosen Firmensanierern - ließ ihn den Malus täglich spüren. Immer wieder stieß Henderson an seine Entscheidungsgrenzen, vor allem beim Versuch, Opel loszuwerden. Nach wochenlangen Verhandlungen mit der deutschen Bundesregierung und gegen den Willen Hendersons kassierte der Verwaltungsrat den unterschriftsreifen Magna-Deal. Es war nicht nur eine Peinlichkeit für die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Düpiert war vor allem Henderson.

Auch andere Deals missrieten dem "Mann mit dem härtesten Job der Welt" ("Wall Street Journal"). Der Verkauf des Spritschluckers Hummer an eine chinesische Gruppe klemmt seit Monaten. Die Abgabe von Saturn an den Rennwagenmogul Roger Penske platzte, jetzt wird Saturn liquidiert. Vorige Woche dann winkte auch Saab-Interessent Koenigsegg ab. Wenn sich bis Jahresende keine Lösung findet, wird GM, wie es kurz zuvor am Dienstag mitgeteilt hatte, die "geordnete Abwicklung" der 60-jährigen schwedischen Traditionsmarke einleiten.

Auf der Suche nach dem Nachfolger

All das bleibt jetzt an Whitacre hängen. Sein Auftritt war geradezu mitleiderregend, zum Schluss bat er die Berichterstatter, ihn "laufen zu lassen". Schließlich hat er allerhand zu tun - er muss jetzt gleich drei Spitzenmanager finden: einen Finanzchef, einen Chef für die Europa-Geschäfte und einen für den Konzern insgesamt.

Es ist wahrscheinlich, dass GM für letzteren Posten einen Außenseiter an Bord holt. Schon werden Kandidaten genannt: Robert Lane, Ex-Boss des Landmaschinenherstellers Deere, George Buckley und Jim Owens, die Chefs von 3M und Caterpillar. Die "New York Times" spekulierte über eine Rückkehr von GM-Legende Bob Lutz, der erst neulich aus dem Pensionsstand geholt worden war. Lutz, 77, wird Henderson an diesem Mittwoch bei der Autoshow in Los Angeles vertreten, ist aber nach Ansicht von Experten zu alt für den Job.

Die Suche wird jedenfalls kein leichtes Spiel. Denn vorerst bleibt GM ein Staatsmündel: Nach diversen Finanzspritzen hält die US-Regierung 60,8 Prozent an dem Konzern, Kanada besitzt 11,7 Prozent. Reich wird man da als Topmanager zurzeit nicht, denn der staatliche Mehrheitseigner klemmt die Gehälter und Boni ab. Die Stellenausschreibung könnte so aussehen: Schleudersitz für Autoliebhaber, unsichere Aussichten, zahlreiche Vorgesetzte, Gehaltsverzicht bevorzugt.

Wie lange es dauern würde, bis die Erbfolge geklärt sei? Auch diese Frage behagte GM-Sprecher Preuss gar nicht: "Diese Sachen dauern normalerweise Monate, nicht Wochen."

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