Samstag, 14. Dezember 2019

Kreditklemme Diskussion ohne Basis

Kaum eine Frage bewegt die Wirtschaftspolitik zurzeit so sehr wie die einer möglichen Kreditklemme. Die Datenlage für diese Diskussion ist aber eher dürftig. Wollen wir diese Frage ernsthaft diskutieren, müssen wir neu darüber nachdenken, wie wir eine Kreditklemme messen können.

Berlin - Die Diskussion zieht sich schon fast seit dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise im Sommer 2007 hin. Kreditnehmer und Politiker beklagen die zögernde Kreditvergabe der Banken, diese wehren sich mit dem Hinweis auf das sich verschlechternde Wirtschaftsklima. So warnt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer wöchentlichen Videobotschaft vor einer Kreditklemme: "Hier müssen wir feststellen, dass wir in einer sehr kritischen Situation sind."

Jörg Rocholl, Associate Professor an der ESMT (European School of Management and Technology)
In das gleich Horn stößt der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel: "Die Banken geben den Betrieben weniger Geld, um das Eigenkapital zu refinanzieren, das sie vorher verbrannt haben." Andreas Schmitz, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), kontert: "Wir haben in Deutschland bis dato keine allgemeine Kreditklemme."

Wer hat Recht? Die vorliegenden Zahlen und Statistiken mögen Anhaltspunkte geben, können aber leider nicht viel Licht ins Dunkel bringen.

Die Konfusion beginnt bereits mit der präzisen Definition einer Kreditklemme. Die vage Beschreibung, dass weniger Kredit zur Verfügung stehe, wird zwar häufig verwendet, kann aber keine verlässliche Aufklärung leisten. Ben Bernanke, der Präsident der amerikanischen Zentralbank, hat bereits 1991 eine genauere Definition vorgenommen. Eine Kreditklemme liegt demnach dann vor, wenn selbst bei konstantem Realzinssatz und gleichbleibender Qualität möglicher Kreditnehmer das Kreditangebot sinkt.

Wie aber kann man eine Kreditklemme messen? Eine Möglichkeit bietet die Betrachtung der Entwicklung des Kreditvolumens an Unternehmen in Deutschland. Der Monatsbericht der Bundesbank im September etwa zeigt, dass Kreditgenossenschaften und Sparkassen im Juli 2009 knapp sieben und sechs Prozent mehr Kredite an Unternehmen vergaben als im Jahr zuvor. Selbst die Großbanken wiesen noch eine knapp positive Wachstumsrate auf.

Wie passt das aber zu den gleichzeitigen Feststellungen großer Verbände wie BDI, BGA, HDE, und ZDH, dass sich die Kreditvergabe erschwert habe? Bedeutet nicht ein Anstieg des gesamten Kreditvolumens - wie wir ihn übrigens auch in den USA während der Krise erleben - notwendigerweise, dass wir keine Kreditklemme haben?

Wohl kaum. Ein Anstieg könnte von wenigen großen Kreditnehmern getrieben sein, während der Großteil der Kreditnehmer weiter händeringend nach Finanzierungsmitteln sucht. Oder Unternehmen rufen in der Vergangenheit zugesagte, aber bisher nicht in Anspruch genommene Kreditlinien ab. Diese erhöhen dann zwar das Kreditvolumen, sagen aber nichts darüber aus, wie sich die Kreditvergabepraxis gegenwärtig darstellt. Zusätzlich ist völlig unklar, zu welchen Konditionen diese Kredite abgeschlossen wurden. Was hilft dem Kreditnehmer die Zusage eines Kredits, wenn er dafür höhere Zinsen zahlen muss, wie das die jüngste Umfrage der Europäischen Zentralbank nahelegt? So fordert bereits Hans Michelbach, der Vorsitzende der CSU-Mittelstandsunion, dass die Banken die niedrigen Leitzinsen an ihre Kunden weiterreichen sollen.

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