Müllers Welt Merkel und die zahmen Männer

Der heutige Wirtschaftsgipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt: Noch nie waren sich Staat und Wirtschaft so nahe wie in diesen Zeiten. Ist das gut? Ist das schlecht? Diskutieren Sie mit!

Zuerst war es Fremdeln. Eine Frau, hochintelligent, selbst- und machtbewusst, vordergründigen männlichen Charmeoffensiven gegenüber resistent - viele Topmanager wussten zunächst nicht recht, wie sie mit Angela Merkel umgehen sollten, als sie vor vier Jahren ins Amt kam. Die Pfarrerstochter aus dem Osten im höchsten deutschen Regierungsamt war nicht der gewohnte Umgang der Wirtschaftsleute.

Gewöhnt waren sie damals Gerhard Schröder: Schulterklopfen, lautes Gefeixe, Alphatier-Rituale - "schwitzige Männer-Umkleideraum-Atmosphäre", wie ein Topmanager sagt. Es folgte: Distanz, Kühle, manchmal auch verbale Rempeleien, die unter Männern üblich sein mögen, aber nicht unbedingt in männliche Erwartungsmuster von weiblichem Verhalten passen.

So treffen sie nun beim Krisengipfel im Kanzleramt zusammen, vier Jahre später: die Kanzlerin und die Männer aus der Wirtschaft. Sie haben sich aneinander gewöhnt, sind längst nicht in allem einer Meinung, sicher nicht innig befreundet, aber sich doch bewusst, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Das ist die fundamentale Erfahrung des vergangenen Jahres: die schockierende Erkenntnis, ein gemeinsames Schicksal zu teilen. Vorbei sind die Zeiten des Triumphalismus der Globalisierer, als Dax-Konzern-Chefs schon mal halböffentlich mit dem Gedanken spielten, die Firmenzentrale steuerschonend ins Ausland zu verlagern.

Die Wirtschaft stützt sich auf den Staat. Immer noch. Und womöglich noch für viele Jahre: Die Banken sind längst nicht gesund. Teilen der Industrie steht das Schlimmste erst noch bevor. Die Gefahr einer Kreditklemme steigt. Und weitere unkalkulierbare Schocks an den Finanzmärkten - Grüße nach Dubai - werfen Schatten über Anzeichen des Aufschwungs. 2010 wird ein Schicksalsjahr, wie wir bereits in Heft 11 analysiert haben.

Soffin, Deutschlandfonds, KfW - das Hunderte-Milliarden-Instrumentarium des Staates steht. Es sichert Merkel und ihrer Mannschaft Einfluss auf Banken und Betriebe in einem Ausmaß, wie es noch vor zwei Jahren undenkbar erschien. Entsprechend vorsichtig gehen die Topmanager mit ihr um.

Helmut Kohl und Gerhard Schröder mussten sich mit bissiger Kritik an ihrer Wirtschaftspolitik herumplagen. Unter Merkel ist die Wirtschaft handzahm.

Vor der Krise murrten sie noch manchmal - halblaut - über den Stil der Kanzlerin, über die reformerisch ambitionsarme Agenda der Großen Koalition, die so weit hinter Merkels neoliberalem Leipziger Programm ("Bierdeckel-Steuer", "Kopfpauschale") zurückblieb. Doch auch damit ist längst Schluss. Heute geriert sich sogar ein Verbandspräsident wie Patrick Adenauer (ASU) als Verteidiger der Kanzlerin; nachdem Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin kürzlich Merkels Politik konzeptionslos genannt hatte, sprang ihr Adenauer eilfertig bei und verkündete: "Sarrazin weiß nicht, wovon er spricht."

Braucht Deutschlands erste Frau wirklich solche Helfer?

Die Spitzenverbände BDI, BDA und DIHK versuchen, mit gemessenen Worten einige selektive Verbesserungen für ihre Mitgliedsfirmen herauszuholen. Aber sie fordern nicht mal jene Steuersenkungen, die die Regierung in Aussicht stellt. Verkehrte Welt.

Auch früher gab es wirtschaftspolitische Konsensrunden ("Bündnis für Arbeit"), ähnlich dem heutigen Krisengipfel, doch die scheiterten stets - an den unüberbrückbaren Eigeninteressen der Akteure und persönlichen Animositäten. Heute wird zumindest der Anschein des Konsenses gewahrt. Merkel und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann mögen grundlegende Meinungsverschiedenheiten haben - aber eine direkte öffentliche Auseinandersetzung werden sie meiden. Man braucht sich noch.

Der große nationale Krisenkonsens bügelt die Interessengegensätze zwischen Staat und Wirtschaft glatt. Es herrscht Ruhe, vermutlich noch für Jahre.

Ist das gut? Ist das schlecht? Kommt drauf an.

Gut - falls letztlich doch noch neue, zukunftsweisende Projekte dabei herauskommen sollten.

Schlecht - falls das Land still und starr ruht. Dann dehnt sich die Rezession zur Dauerkrise aus.

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