Daimler Der sinkende Stern von Sindelfingen

Im größten Werk des Daimler-Konzerns stehen die Zeichen auf Kampf. Mehr als 10.000 Arbeiter protestierten heute gegen die drohende Verlagerung von Produktion in die USA. Der Konzern sorgt sich um den hohen Euro-Kurs, die Angestellten dagegen um den Standort Schwaben.

Sindelfingen - Erich Klemm bringt die Schwaben in Wallung. "Die Mannschaft ist kampferprobt", tönte der Betriebsratschef des Daimler-Konzerns . Kein Mitarbeiter dürfe Angst um seinen Arbeitsplatz haben, verlangte er am heutigen Montag auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen, die nach Angaben des Betriebsrats mehr als 10.000 Arbeiter besuchten. "Dafür brauchen wir die Produktion der C-Klasse."

Die C-Klasse, das meistverkaufte Auto von Mercedes-Benz, solle auch nach einem für 2014 geplanten Modellwechsel im größten Werk des Konzerns produziert werden. Nach anders lautenden Plänen des Managements seien, je nach Rechnung, 3000 bis 8000 Jobs in Gefahr. Schon zweimal, 1996 und 2004, haben die Sindelfinger um den Großauftrag gekämpft, beide Male konnte die Produktion mit dem Zugeständnis geringerer Lohnkosten im Werk gehalten werden. Diesmal sieht es nicht danach aus.

Laut Presseberichten könnte der Vorstand schon morgen entscheiden, ob die Fertigung ins wenig ausgelastete US-Werk Tuscaloosa (Alabama) abgezogen wird. Ein Sprecher des Unternehmens wollte das gegenüber manager-magazin.de nicht bestätigen. Bislang hatte Konzernchef Dieter Zetsche eine Frist bis Ende Januar genannt. In den Werken Bremen, Peking und East London (Südafrika) würde die C-Klasse demnach weiterhin hergestellt. Der wichtige Exportmarkt Amerika aber bekäme seine eigene Fertigung - Pech für Sindelfingen.

Zuvor hatte der Betriebsratschef schon via "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" die Instrumente gezeigt: "Ob ein Vorstand etwas taugt, zeigt sich daran, ob er die Beschäftigung sichert", sagte Erich Klemm - und spielte darauf an, dass Zetsches Vertrag 2010 ausläuft. Die Verlängerung steht nach Weihnachten an. Würde Zetsche sich auch ohne die Stimmen der Arbeitnehmer um Vizeaufsichtsratschef Klemm wiederwählen lassen? Und gegen die Stimmung im Ländle?

Zetsches nüchterne Standortrechnung

Doch anscheinend ist Zetsches Bereitschaft zu solchen Rücksichten gering. Mit einem aggressiven Sanierungskurs stemmt sich der Daimler-Vorstand gegen einen Milliardenverlust. Allein in diesem Jahr spart Daimler mehr als vier Milliarden Euro ein, besonders in der Autosparte Mercedes-Benz muss jede Ausgabe in den strengen Augen von Vizechef Rainer Schmückle gerechtfertigt sein. Schon im vergangenen Jahr strich der Konzern in Deutschland 5000 Stellen - und um überhaupt Jobs im baden-württembergischen Kernland zu halten, wurden in diesem Jahr zeitweise mehr als 50.000 Daimleraner in Kurzarbeit geschickt.

Entschieden ist in Sachen C-Klasse noch nichts, aber die Signale aus dem Konzern sind eindeutig. Von Szenarien ist zu hören, in denen die Vorteile einer Verlagerung durchgerechnet werden. Da spielt der Wechselkurs eine zentrale Rolle. Ein Euro-Kurs  von 1,50 Dollar sei "offensichtlich eine signifikante Belastung für das Ergebnis", sagte Zetsche Mitte November vor Journalisten in New York. Und Finanzchef Bodo Uebber ließ wissen, mehr Wertschöpfung in Amerika sei "grundsätzlich wünschenswert". Das Werk Tuscaloosa in Alabama ist schlecht ausgelastet, dort werden bislang nur die derzeit auch in Amerika wenig gefragten Geländewagen produziert. Die Fertigung der C-Klasse wäre willkommen, um die Lücke zu füllen.

Diese Argumentation unterstützt auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. "Auch wenn es schwerwiegende Folgen für die Beschäftigung hat, bin ich der Meinung, dass kein Unternehmen seine Produktion gegen ökonomische Zwänge gestalten kann", so der Professor. Und angesichts des teuren Euro seien diese Zwänge überwältigend:

Nach seiner Rechnung verkaufe Daimler die C-Klasse in den USA, immerhin 70.000 Fahrzeuge jährlich, derzeit mit Verlust - jedenfalls nach einer Vollkostenrechnung. Die US-Produktion würde die Kosten um 400 Millionen Euro im Jahr senken. Generell habe Daimler die Produktion mit 75 Prozent Inlandsanteil zu sehr auf Deutschland fokussiert - "es müssten aber 50 Prozent im Inland und 50 Prozent im Ausland sein", um Schwankungen der Wechselkurse auszugleichen.

Wirtschaftsmodell Baden-Württemberg in Gefahr

Solch nüchterne Kalkulationen mögen dem landläufigen Klischee des sparsamen Schwaben entsprechen, kommen in Baden-Württemberg aber denkbar schlecht an. "Ganze Generationen von Arbeitnehmern haben zum guten Ruf der Marke Mercedes beigetragen", betont der Böblinger Landrat Roland Bernhard, in dessen Landkreis Sindelfingen liegt. Der Abzug der C-Klasse wäre "ein Aderlass, ein verheerendes industriepolitisches Signal", warnt der Sindelfinger Oberbürgermeister Bernd Vöhringer.

Die Schwaben verweisen auf den Markenwert von Mercedes-Benz, der von guter Qualität "Made in Germany" gestützt werde. Erst im vergangenen Jahr zeichneten die Marktforscher von J. D. Power das Sindelfinger Werk mit einer Platinmedaille aus - für die Herstellung von Autos mit den wenigsten technischen Mängeln.

Doch der Stolz des Ländles ist ohnehin bedroht. Wie kein anderes Bundesland steht Baden-Württemberg für das deutsche Modell des Exportweltmeisters - mit einer Konzentration auf technisch hoch spezialisierte Industriebetriebe, besonders der Autobranche. Nirgendwo sonst ist die Wirtschaft in der Krise so stark eingebrochen, als die Absatzmärkte schwächelten. Und nun bedroht der starke Euro zusätzlich einst sicher geglaubte Arbeitsplätze "beim Daimler" und anderswo. Erich Klemm zumindest ist sich sicher: "Das wird nicht in aller Stille durchgewinkt werden."

mit Material von dpa-afx und reuters

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