Dubai-Krise Der Wüstensturm

Dubai sendet Schockwellen um die Welt. Denn das Land bittet seine Gläubiger um einen Zahlungsaufschub. Schon explodieren die Risikoaufschläge für entsprechende Anleihen - und in Dubai selbst herrscht Ratlosigkeit. Wie gefährlich aber ist die Krise im Wüstenstaat für die Weltwirtschaft?
Von Arne Gottschalck und Lutz Reiche

Hamburg - Seit Mittwoch stehen in Dubai die Telefone nicht still. Was ist bei Euch los? Wie ist die Stimmung? Wie geht es weiter? Investoren, Baufirmen und Journalisten wollen Antworten. Kein Wunder. Dubai hat die Welt geschockt.

Die Regierung des Emirats hat eingeräumt, seine Holding Dubai World benötige mehr Zeit für ihre Neuordnung. Man bemühe sich daher um einen Zahlungsaufschub für sein Projekt Palmeninsel bis mindestens zum 30. Mai 2010. Auf der arabischen Halbinsel schlagen seitdem die Emotionen hoch. Und nicht nur dort. Westliche Investoren fürchten um den Verbleib des dort investierten Geldes, vor Ort aktive Unternehmen um den Fortbestand ihrer Aufträge.

"Derzeit ist alles in Panik", sagt Rashad Khourshid, der mit dem Meridio Arab World einen Investmentfonds vor Ort verwaltet. "Das liegt aber auch daran, dass in Dubai selbst kaum jemand zu erreichen ist wegen einer Feierwoche. Es gibt daher viele Frage, aber niemanden, der antworten kann." Dazu kommt die fast traditionelle Intransparenz des arabischen Emirates. Die Herrscherfamilie gewähre schon zu normalen Zeiten nur wenig Einblick in ihre und die Geschäfte der Staatskonzerne, berichtet Arno Maierbrugger, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft der "Gulf News", gegenüber manager-magazin.de.

Andere decken ihre Karten dagegen schon auf: Das Finanzinstitut Abu Dhabi Commercial sei mit umgerechnet bis zu 1,6 Milliarden Euro bei dem Immobilienentwickler Dubai World engagiert und müsse nun entsprechende Rücklagen bilden, gab ein hochrangiger Vertreter der Bank am Freitag zu.

Die Panik kocht daher an vielen Stellen hoch, so Khourshid gegenüber manager-magazin.de. Und längst nicht mehr nur an den Aktienbörsen: "Man sieht es auch an den Anleihen eines der Unternehmen von Dubai World. Die Nakheel-Bonds laufen bis zum 14. Dezember 2010. Am Mittwochmorgen vor Bekanntgabe der Nachricht lag deren Kurs bei 112 Dollar, am Nachmittag bei 70, inzwischen bei 40 Dollar", sagt Fondsmanager Khourshid. Und bergab geht es auch an den Rohstoffmärkten:

Der Preis für Zink, Nickel und Blei etwa verbilligte sich um rund 3 Prozent, der für Aluminium und Zinn um mehr als ein Prozent - aus Angst vor sinkender Nachfrage der Industriestaaten als Folge der Dubai-Krise. "Die Lage dort ist eben sehr beunruhigend", sagte Rohstoffexperte Benson Wang von Commodity Broking Services in Sydney. "Die Leute sind offenbar besorgt wegen des möglichen Domino-Effekts, sollte Dubai seine Schulden nicht zurückzahlen können."

Doch droht aus einem lokalen Problem tatsächlich die Entwicklung einer weltweiten Lawine wie vor zwei Jahren, als aus einem anfänglich amerikanischen Problem die schwerste Finanzkrise der vergangenen sechzig Jahre wurde?

Die Suche nach dem reichen Bruder

Patryk Jablonowski rät zur Gelassenheit. "Wir müssen uns vor Augen führen, worum es eigentlich geht. Ein Unternehmen in einem kleineren Markt der Region, das sich in Staatsbesitz befindet, hat um einen Aufschub für die Rückzahlung von Krediten gebeten. Leider wurde diese Ankündigung vor den Feiertagen ohne weitere Erklärung veröffentlicht und dabei die Wirkung auf die internationale Investorenszene völlig unterschätzt", sagt der Fondsmanager des Deka Middle East and Africa Fonds zu manager-magazin.de.

Nach dem bislang insgesamt positiven Lauf an den Finanzmärkten in diesem Jahr seien die Investoren eben hoch sensibilisiert für Korrekturen, erklärt sich Folker Hellmeyer das Phänomen, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Seine Einschätzung: "Ich halte die Reaktionen aber für absolut übertrieben. Ich erwarte keinen Staatsbankrott Dubais mit entsprechenden Auswirkungen auf andere arabische Staaten", sagte Hellmeyer zu manager-magazin.de.

Vor Ort brodelt dennoch die Gerüchteküche. Angeblich sei Abu Dhabi bereit, sich des Problems anzunehmen. Genug Geld hätten die Scheichs für die Bruderhilfe: "Die könnten Dubai morgen übernehmen, das Geld wäre da. Sie haben den größten Staatsfonds der Welt", sagt Fondsmanager Khourshid. "Aber offenbar lassen sie die Herrscherfamilie in Dubai wohl noch ein wenig zappeln", so der lokale Experte Maierbrugger.

Auch Analyst Hellmeyer glaubt an die Nachbarschaftshilfe der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und eben allen voran des ölreichen Abu Dhabis. "Zwischen den Ländern besteht eine Art Länderfinanzausgleich, ein Versprechen, sich bei finanziellen Engpässen gegenseitig unter die Arme zu greifen", meint Hellmeyer.

Wenn es auch nur die geringsten Anzeichen für systemische Risiken oder einen ökonomischen Flächenbrand im arabischen Raum gebe, würden andernfalls die G20 und der IWF "sofort und nachhaltig" einschreiten, ist Hellmeyer überzeugt. Da passt es ins Bild, dass der IWF erst am Mittwoch bekanntgegeben hat, dass er Kreditzusagen von mehr als 600 Milliarden US-Dollar bereitgestellt hat, um Krisenbrandherde zu bekämpfen.

Vorerst bleibt viel Spielraum für Spekulationen. Auch darüber, wie stark deutsche Unternehmen von der Krise in Dubai betroffen sein könnten. Die Nachrichtenagentur Reuters zum Beispiel berichtete, unter ihr könne etwa die Hochtief-Tochter Leighton und damit indirekt der hiesige Baukonzern leiden. Doch Hochtief-Sprecher Christian Gerhardus winkt ab.

"Hochtief ist von der Finanzkrise in Dubai nicht betroffen", sagt er. "Unsere Schwerpunktmärkte in der Golf-Region sind vielmehr Abu Dhabi, Katar und Bahrain. Den dortigen Volkswirtschaften geht es weiterhin gut. Unsere Auftragslage in diesen Ländern ist sehr aussichtsreich und die dortigen Margen sind sehr gut." Und was ist mit der Beteilung in Dubai? "Wir gehen daher davon aus, dass sich aus der Finanzkrise in Dubai keine nennenswerten Auswirkungen auf uns ergeben."