Notenbanken Geldschwemme ohne Grenzen?

Monatelang haben sie die Märkte mit Liquidität geflutet. Nun suchen die Notenbanken nach Wegen, die Geldmassen wieder abzuziehen. Mögliche Exit-Strategien sind derzeit das wichtigste Thema der Zentralbanker. Denn die Geldschwemme birgt große Gefahren - und lässt sich nur schwer eindämmen.

Hamburg - Eine Eins mit zwölf Nullen: So sieht die amerikanische Geldflut aus. Mehr als eine Billion Dollar hat die Notenbank Fed bereits in die krisengeplagte Finanzwirtschaft gespült, indem sie Wertpapiere aufkaufte - darunter auch US-Staatsanleihen. Der Staat erwarb seine eigenen Schuldscheine, und drückte damit die langfristigen Zinsen künstlich nach unten. Überdies senkte die Fed den Leitzins derart großzügig, dass Banken sich bis heute Geld zum Nulltarif leihen können.

Die Bank of England (BoE) folgte diesem Vorbild. Sie senkte den Leitzins in der Krise auf 0,5 Prozent und kaufte Staatsanleihen für 175 Milliarden Pfund. Damit nicht genug: Angesichts der schweren Rezession dehnten die Briten ihr offensives Rückkaufprogramm Anfang November noch einmal aus - um weitere 25 Milliarden Pfund. Ein gefährliches Spiel. Denn inzwischen hält die Notenbank fast ein Drittel des Gesamtbestands an britischen Staatsanleihen. Damit macht sie den Ausstieg immer komplizierter: Mit einem massenhaften Verkauf würde die BoE wohl ein Marktbeben auslösen.

Notenbanken rund um den Globus eint derzeit ein gemeinsames Schicksal: Sie haben dem globalen Finanzsystem Billionen an Liquidität zur Verfügung gestellt. Geldmassen, die zum ernsthaften Risiko für die Stabilität der Weltwirtschaft werden könnten. Denn zu viel Geld bläht die Nachfrage künstlich auf, treibt die Preise in ungesunde Höhen.

An einzelnen Märkten sind solche Entwicklungen schon heute zu beobachten: Der Ölpreis ist in den vergangenen zwölf Monaten bereits um 50 Prozent gestiegen. Und auch die derzeitige Börsen-Hausse ist nicht zuletzt ein Ergebnis der Geldschwemme. "Je länger die Notenbanken abwarten und je mehr sie in den Markt pumpen, desto schlimmer könnte der spätere Rückschlag werden", warnt Joe Saluzzi, US-Börsenexperte und Gründer des Wertpapierhändlers Themis.

An einem Ausstieg führt also kein Weg vorbei. Doch der Exit dürfte sehr schwer werden. Denn in der Hochphase der Krise haben die Zentralbanker neben Zinssenkungen auch eine Reihe unkonventioneller Maßnahmen ergriffen, die sich nur schwer revidieren lassen.

Beispiel Europäische Zentralbank: Noch vor der Krise verlieh die EZB nur begrenzte Mengen an Geld, und nur für eine Laufzeit für eine Woche oder drei Monate. Der Preis für das Zentralbankgeld, der Zins, bildete sich je nach Nachfrage. Nach der Lehman-Pleite lockerte die Notenbank die Zügel, vergab unbegrenzt Barmittel mit Laufzeiten von bis zu einem Jahr - und das zu einem festgelegten, rekordniedrigen Zins.

"Ausstieg durch Nichtstun"

Nun will die EZB gegensteuern. Sogenannte Jahrestender soll es ab 2010 nicht mehr geben, im Juni steht eine Rückzahlung von satten 442 Milliarden Euro an. Marktbeobachter erwarten, dass die Notenbank bald auch keine Geschäfte mit drei- und sechsmonatigen Laufzeiten mehr abschließen wird. Sobald die Mittel fällig werden, würde die Liquidität am Markt automatisch reduziert. Analysten nennen diesen Kniff "Ausstieg durch Nichtstun".

Doch mit der Streichung einiger Liquiditätsprogramme wird es wohl kaum getan sein. Schon im Frühjahr, erwarten Experten, müsste die EZB radikalere Maßnahmen ergreifen. Zunächst könnte sie die Größe der zu vergebenden Geldpakete wieder begrenzen, im nächsten Schritt einen variablen Preis dafür verlangen. Darüber hinaus, prognostizieren Experten der Commerzbank, dürfte die EZB das umlaufende Kapital zu verknappen versuchen, indem sie Schuldverschreibungen ausgibt. Das Resultat: Steigende Marktzinsen könnten einer Inflation entgegenwirken.

Dann müsste die nächste Stufe des Ausstiegs folgen: eine schrittweise Erhöhung des Leitzinses. Eine erste Anhebung erwartet Elga Bartsch, Europa-Chefvolkswirtin bei Morgan Stanley, Mitte 2010. Doch für eine solche Entscheidung benötige die EZB "ein vernünftiges Maß an Zuversicht, dass die Wirtschaftserholung nachhaltig ist." Schwächelt die Ökonomie auch im nächsten Jahr, wird die Zentralbank den Schritt weiter hinauszögern müssen.

Die Lage der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte sei derzeit noch sehr unsicher, warnt Bartsch: Schon kleine Änderungen der Geldpolitik, so die Analystin, könnten den Markt erheblich beeinflussen.

Die Analystin erinnert an das Jahr 1987, als die Deutsche Bundesbank mit einem geringfügigen Eingriff weltweit für Verunsicherung sorgte: Die Frankfurter Notenbanker erhöhten den Zinssatz für kurzfristige Finanzierungsinstrumente, sogenannte Repos, um lächerliche 0,1 Prozentpunkte. Dieser Schritt wurde in den USA als Angriff auf die Stabilität des Dollar gedeutet - und trug letztlich zu einer Talfahrt des US-Aktienmarktes bei.

Im Angesicht solcher Risiken scheuen einige Notenbanken den Stopp der Geldschwemme. Die US-Notenbank Fed will zwar ihre Rückkaufprogramme für Staatsanleihen auslaufen lassen. Hingegen werde der Leitzins "noch für einen längeren Zeitraum außerordentlich niedrig" bleiben.

Noch offensiver agieren die Londoner Notenbanker: Die BoE verkündete unlängst, sie sei "komplett offen, ob wir weitere Wertpapiere aufkaufen oder nicht." Der Markt ist bereits überschwemmt, doch die Geldflut fließt weiter.