Obama in China Charmebolzen trifft Devisen-Dealer

Wenn US-Präsident Barack Obama am Sonntag zu seinem ersten Staatsbesuch in China eintrifft, dann muss der mächtigste Politiker der Welt seinen Gastgebern auf Augenhöhe begegnen, ja sogar ein wenig Demut und Bescheidenheit zeigen. Denn die weltweite Vorherrschaft der USA geht unweigerlich zu Ende. Und China ist der schärfste Rivale um die Nummer-eins-Position.

Partner, aber auch Wettbewerber nennt Barack Obama China. Wobei der US-Präsident vor allem an der Sache mit der Partnerschaft bei seinem ersten Besuch in der Volksrepublik noch arbeiten muss. Denn bisher war das Verhältnis der ersten Supermacht zu ihrem schärfsten Konkurrenten um die Position der stärksten Nation des Planeten alles andere als von Gleichberechtigung geprägt. Schulmeisterliche Belehrungen zu Menschenrechten, Demokratie aber auch das Verhältnis zum vorgelagerten Inselstaat Taiwan oder zu Tibet beherrschten die Tagesordnung. Ein paar nette Wirtschaftsabkommen dazu, fertig.

Heute aber ist China auf dem Sprung, zur größten Wirtschaftsmacht der Welt zu werden. Nach Berechnungen der US-Bank Goldman Sachs  wird das Reich der Mitte die USA schon im Jahr 2027 - also in gerade einmal 18 Jahren - als stärkste Ökonomie der Erde ablösen. Bislang waren die Volkswirte davon ausgegangen, dass die Chinesen dieses Ziel erst zehn Jahre später erreichen, nämlich 2037.

Doch von der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, die die amerikanische Volkswirtschaft ganz besonders stark zurückwirft, erholen sich die Chinesen extrem schnell. Auch wenn die beeindruckenden Wachstumsraten fast ausschließlich auf staatlicher Nachfrage beruhen, die Aufholjagd der Volksrepublik hat sich im Krisenjahr 2009 stark beschleunigt.

Und Peking weiß um diese Stärke. Die Führung um Premierminister Wen Jiabao tritt längst höchst selbstbewusst auf der internationalen Bühne auf. Ob Finanzkrise, Klimawandel oder Welthandel - bei allen brennenden Themen auf der globalen Agenda muss China einbezogen werden. Zumal die finanziellen, politischen und auch militärischen Spielräume des Westens - und allen voran der USA - durch gigantische Staatsschulden äußerst begrenzt sind.

Obama ist völlig bewusst, wie stark die beiden Riesenreiche mittlerweile voneinander abhängen. Schließlich sind die Chinesen seine wichtigsten Geldgeber. Rund 1,5 Billionen Dollar an US-Staatsanleihen hat Peking mit den Jahren zusammengekauft. Auf diese Weise blieb der Kurs des Dollar trotz des US-Leistungsbilanzdefizits relativ stabil, die Amerikaner konnten sich massenhaft billige chinesische Exportwaren leisten - bislang die Basis des chinesischen Wirtschaftswunders.

Dieses Spiel könnte noch eine Weile weitergehen - jedenfalls solange China weiter US-Staatsanleihen kauft. "China und die USA stehen in einer gegenseitigen Abhängigkeit wie Dealer und Junkie", urteilt Jim O'Neill, Chefökonom von Goldman Sachs.

Darauf, wie Obama diese Zwangspartnerschaft zwischen China und Amerika - im Politjargon auch gerne mal als G2 abgekürzt - in Zukunft gestalten wird, gab die China-Reise seiner Außenministerin im Februar einen ersten Vorgeschmack. Hillary Clinton vermied peinlich, Reizthemen wie Tibet oder Taiwan anzusprechen - um das Verhältnis in der Krise nicht zu belasten. Stattdessen bat sie die chinesische Regierung, die gigantische amerikanische Staatsverschuldung weiter zu finanzieren.

Globalmissionar und Weltpolizist war gestern

Nun liegt dem Charmebolzen Obama mit seinem offenen und multilateralistischen Weltbild ein derart konziliantes Verhalten ohnehin im Blut. Doch dass er die Chinesen als Partner behandeln muss, ist auch und vor allem knallharte politische Notwendigkeit: Weil die USA jahrelang wirtschaftlich über ihre Verhältnisse gelebt haben, fehlt ihnen nun außenpolitischer Handlungsspielraum. Sie können sich eine Rolle als Globalmissionar und Weltpolizist schlicht nicht mehr leisten.

Dem solchermaßen geschwächten Amerikaner steht ein chinesischer Premier gegenüber, dessen außenpolitische Interessen denen der USA zum Teil diametral entgegenlaufen.

Beispiel Währungspolitik: Immer wieder zweifeln unterschiedlichste offizielle Stimmen in China am Dollar als internationaler Währung. Nur wenige Tage vor Obamas Antrittsbesuch kündigt nun die Notenbank in Peking an, den Kurs des Yuan in Zukunft an einem Devisenkorb zu messen. Damit würde die De-facto-Bindung an den Dollar beendet, die die Zentralbank seit Mitte 2008 praktiziert.

Beispiel Menschenrechte: Nach US-Auffassung soll die internationale Gemeinschaft über die Wahrung der UN-Menschenrechtserklärung wachen. China, das als UN-Mitglied die Charta auch ratifiziert hat, verbittet sich solche Einmischung in seine inneren Angelegenheiten. Peking will sich nicht mehr öffentlich kritisieren lassen müssen.

Beispiel Pazifik: Mit einem gewaltigen Flottenbauprogramm versucht die chinesische Volksarmee in den Gewässern der Region jene Vormachtstellung zu übernehmen, die bislang die US-Pazifikflotte innehat. Noch verkörpern die Flugzeugträger der US Navy eine unausgesprochene Sicherheitsgarantie für alle Schifffahrtswege und Staaten im Pazifik. Auch für Taiwan, jenes abtrünnige chinesische Territorium, das sich Peking ohne die US-Garantie lieber heute als morgen einverleiben würde.

Beispiel Welthandel: Für den Export seiner Industrieprodukte pocht China auf freie Weltmärkte. Beim Import aber denken die Chinesen vor allem bei Rohstoffen zuerst an ihre eigenen Interessen. Sie wollen den Zugang zu den Ressourcen kontrollieren und kaufen sich deshalb weltweit bei den Rohstoffbesitzern ein - etwa mit riesigen Ackerflächen in Afrika.

Beispiel Asien: Aggressiv suchen die Chinesen in ihrem näheren Umfeld an Einfluss zu gewinnen - mit bilateralen Handelsverträgen, mit riesigen Infrastrukturinvestitionen und Rohstoffprojekten in Myanmar und Indonesien, mit dem Bau von Straßen, Brücken und Bahnlinien in Kambodscha und Laos. Längst hat China die USA als Handelspartner und Geldgeber in der Region abgelöst - wichtiger als die Chinesen sind für die anderen Asiaten nur noch Japan und Europa.

Genug Themen, die Obama mehr oder minder sanftmütig bei seinem Besuch ansprechen muss. Wie vorsichtig diplomatisch er dabei vorgehen wird, zeigt sein Besuchsprogramm. Mit Visiten in Tokio und Singapur vor seiner Ankunft am Sonntag in Shanghai zeigt er Flagge bei den anderen asiatischen Nationen. In Singapur will er das erste Gipfeltreffen eines US-Präsidenten mit den politischen Führern der südostasiatischen Staaten abhalten - ein klares Bekenntnis und deutliches Signal an die Chinesen: Bei aller Partnerschaft, wir bleiben auch Wettbewerber.

Reiseplan: US-Präsident Obama in Asien

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