Montag, 22. Juli 2019

Deutsche Einheit Das 1,6-Billionen-Investment

Sie schien für die Ewigkeit gebaut, doch am 9. November 1989 fiel die Mauer. Damit wurde zugleich ein Crashtest für die Zusammenführung zweier Volkswirtschaften gestartet. Heute, 20 Jahre danach, macht das Ergebnis zumindest in Teilen Hoffnung: Wirtschaftsforscher fordern nach einem Einsatz von 1,6 Billionen Euro die Abschaffung des Soli, weil der Osten den in wenigen Jahren nicht mehr brauche.

Düsseldorf - Das letzte Gesicht der DDR hat schulterlange, dunkelblonde Haare und ist vielleicht auch bald weg. Sarah Klier hat es 1990 geschafft, genau zwei Minuten vor der Vereinigung der einst beiden deutschen Staaten in Leipzig auf die Welt zu kommen. Als letztes Kind der DDR. Das ist jetzt 19 Jahre her, längst lebt sie in Borsdorf, ein paar Kilometer von Leipzig entfernt, bald will sie Tourismusmanagement studieren - und einen Teil ihrer Zeit bis dahin in Lateinamerika verbringen.

Ob sie denn nach Sachsen zurückkommen und dauerhaft dort bleiben möchte? "Heutzutage muss man flexibel sein. Ich bin's sowieso, weltoffen", sagt sie.

Damit könnte die ehemalige DDR kurz davorstehen, 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer auch noch ihr letztes Kind zu verlieren. Weil es womöglich nachmacht, was Hunderttausende vor ihr schon taten: in den Westen auswandern.

"Die Einwohnerzahl in den neuen Ländern hat zum 31.12.1989 noch etwas mehr als 15 Millionen betragen. Schon im Jahr 2007 waren dort nur noch 13 Millionen Einwohner zu verzeichnen. Dies entspricht einem Rückgang von 13 Prozent", hat Joachim Ragnitz ermittelt, Experte des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts in Dresden. "Und bis zum Jahr 2025 wird sich die Zahl der Menschen dort im besten Alter sogar wohl weiter drastisch verringern", fürchtet mittlerweile das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg.

Neustart 1989: Die Mauer wird gestürmt
Genau dieses Abstimmungsergebnis mit den Füßen überlagert zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung die wirtschaftliche Bilanz der Zusammenführung der einst beiden deutschen Staaten. Und lenkt zugleich den Blick hinweg über durchaus beachtliche Fortschritte.

"Vielfacher Grund für die Abwanderung ist die Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland, die bis zum heutigen Tag das Hauptproblem der Vereinigung ist", sagt Professor Klaus Schroeder von der Freien Universität in Berlin, an der sich ein Forschungsverbund SED-Staat gebildet hat.

Tatsächlich weist die aktuelle Arbeitslosenquote in Ostdeutschland genau darauf hin: Mit aktuell 11,8 Prozent liegt die Erwerbslosenquote in den östlichen Bundesländern nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch immer nahezu doppelt so hoch, wie in den westlichen Bundesländern, wo zuletzt 6,6 Prozent der Erwerbsfähigen einen Job suchten. Vor allem in der Ostindustrie waren nach der Wende zu viele Arbeitsplätze verloren gegangen, als dass sie durch neue auch nur annähernd ausgeglichen werden konnten.

"Im Nachhinein wird deutlich, in welchem Maße ostdeutsche Unternehmen zusätzlich zu ihren schlechten Ausgangsbedingungen durch die gewählte Währungsumstellung und vor allem durch die massiven Lohnerhöhungen unmittelbar vor und nach der Vereinigung in ihrer Wettbewerbsfähigkeit schwer beeinträchtigt wurden. Da außerdem der Markt im Osten gleichsam über Nacht zusammenbricht, konnten viele Betriebe trotz milliardenschwerer Subventionen nicht überleben", sagt Schroeder.

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