Kommentar Die Illusion vom Aufschwung

Bessere Stimmung, stabiler Arbeitsmarkt, robuste Börsen - die Erholung scheint in vollem Gang. So scheint es jedenfalls. Doch zur Entwarnung gibt es keinen Grund: In den kommenden Monaten drohen einige böse Überraschungen.

Ein großes, vernehmbares Aufatmen prägt derzeit das öffentliche Bild von der deutschen Wirtschaft. Schließlich bietet eine ganze Reihe aktueller Daten Anlass zur Entspannung. Die Zahl der Arbeitslosen stagniert auf relativ niedrigem Niveau. Die Börsen machen immer noch ordentliche Gewinne. Das Ifo-Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe bewegt sich wieder in den positiven Bereich.

Auch die Gefahr einer Kreditklemme scheint sich für die Wirtschaft allmählich zurückzubilden, so jedenfalls die heute veröffentlichte Ifo-Umfrage zur "Kredithürde". Großunternehmen haben derzeit ohnehin keine Probleme, Schulden aufzunehmen - noch nie konnten europäische Firmen so viele Anleihen absetzen wie in den vergangenen Monaten, und das auch noch zu Zinsen auf Vor-Krisen-Niveau.

Alles prima also? Sind wir auf dem Weg zurück zur Normalität? Von wegen. Das Schlimmste liegt keineswegs hinter uns. Die schmerzhaftesten realen Folgen der Krise werden in den kommenden Monaten erst noch spürbar.

Warum? Weil das Wachstum schlicht nicht ausreicht, um die bestehenden Produktionskapazitäten auszulasten. In vielen deutschen Industriebranchen, die in den vergangenen Jahren vom starken Wachstum des Welthandels profitiert haben, lasten jetzt Überkapazitäten auf den Firmen. Und sie werden auf Jahre fortbestehen.

Nach einem tiefen Absturz - um bis zu 40 Prozent in einigen Branchen - bedeuten auch scheinbar hohe prognostizierte Zuwachsraten von um die 10 Prozent keineswegs eine Rückkehr zur Normalität. Denn unter dem Strich heißt das: nach wie vor mehr als 30 Prozent Überkapazitäten - zu viele Leute, zu große Produktionsanlagen, zu hohe Kosten.

Im aktuellen manager magazin beschäftigen wir uns in einem umfangreichen Report mit dem "Schicksalsjahr 2010". Denn kommendes Jahr geht es für viele Unternehmen, gerade in deutschen Vorzeigebranchen, ganz unmittelbar ums Überleben. Wer jetzt seine Kapazitäten nicht den eingetrübten Wachstumsaussichten anpasst, risikiert die Pleite. Wer hingegen den Kostenwettbewerb anführt, hat die Chance als Sieger aus der Krise hervorzugehen. Das ist die betriebliche Logik, brutal, aber unabweisbar.

Die nächsten Wellen der Krise kommen bestimmt. Entlassungen, Betriebsschließungen, Effizienzprogramme - das wird die Wirtschaft im kommenden Jahr prägen, und der Staat wird mit traditionellen Instrumenten wie dem Kurzarbeitergeld, öffentlichen Krediten oder Bürgschaften wenig dagegen ausrichten können.

So angenehm der derzeit aufkeimende Optimismus sich anfühlen mag, er droht von der Realität eingeholt zu werden. Schon bald könnte eine ganze Reihe schwacher Jahresausblicke großer Unternehmen die gute Stimmung an den Börsen versauen. Steigende Unsicherheiten könnten die derzeit wieder reichlich risikounempfindlichen Bondmärkte - manche sprechen von der nächsten Blase - abstürzen lassen. Umso schwieriger würde die Lage der Banken und die Kreditversorgung der Realwirtschaft. Das gefürchtete Doppel-Tief-Konjunkturmuster ("double dip") wäre Realität.

Die Rezession mag zu Ende gehen - die anschließende Strukturkrise hat gerade erst begonnen.