Quelle Unruhe vor dem Ausverkauf

Heute ist der letzte Arbeitstag für Tausende Beschäftigte des Versandhändlers Quelle. Am Sonntag soll der Ausverkauf der restlichen Waren beginnen - doch selbst der steht unter großen Fragezeichen. Die Deutsche Post unterbrach erneut den Versand von Quelle-Produkten, das Restgeschäft muss ohne Banken finanziert werden.

Nürnberg/Fürth - Klaus Hubert Görg ruft zur großen Rabattschlacht. Der Insolvenzverwalter des Handelskonzerns Arcandor will ab Sonntag die rund 1,8 Millionen Waren aus den Lagern des Versandhändlers Quelle ausverkaufen lassen, die Firma wird abgewickelt. "Ab 6 Uhr wird die mit neuen Preisen überarbeitete Internetseite www.quelle.de  freigeschaltet", sagte sein Beauftragter für den Versandhandel, Jörg Nerlich, am Freitag.

Damen-, Herren-, Kindermode, Wäsche, Schmuck, Sport und Schuhe sollen mit 30 Prozent, Möbel, Heimtextilien und Hartwaren mit 20 Prozent und Technikware mit 10 Prozent Rabatt verkauft werden. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen werden angepasst. "Ratenzahlung ist nicht mehr möglich bei diesen Superpreisen", sagte Nerlich. Alles müsse binnen 14 Tagen bezahlt werden. Die jeweiligen Herstellergarantien gälten jedoch unverändert.

Dass Quelle keine Ratenzahlung mehr akzeptiert, liegt aber nicht nur an den "Superpreisen". Dem Unternehmen droht ein massiver Engpass bei der Finanzierung des laufenden Geschäfts, weil die Hausbanken Valovis, Commerzbank  und BayernLB abgesprungen sind.

Nun könnte Quelle bei der Bezahlung von Rechnungen in Schwierigkeiten geraten, wie aus einem Schreiben des Versandhauses an Lieferanten hervorgeht, schrieb die "Süddeutsche Zeitung" am Freitag. Dadurch werde Quelle "absehbar in eine sehr kritische Liquiditätssituation geraten".

Der Insolvenzverwalter prüfe daher, ob er einen Antrag auf Masseunzulänglichkeit beim zuständigen Insolvenzgericht stellen müsse, steht in dem Schreiben. Auch werde "geprüft, ob die laufenden Bestellungen bezahlt werden können". Ein Sprecher des Insolvenzverwalters bestätigte der Zeitung die Echtheit des Schreibens. Es sei "rein vorsorglich verschickt worden". Im Brief heißt es, man gehe davon aus, "dass die Liquiditätsunterdeckung nur vorübergehender Natur" sein werde.

"Wir Banken haben nie ein Konzept gesehen"

Valovis-Bank-Chef Robert Gogarten bestätigte gegenüber manager-magazin.de, dass man die Finanzierung eingestellt habe - allerdings schon zum 19. Oktober, als Insolvenzverwalter Görg die Abwicklung der Quelle ankündigte. "Das ist das Normalste der Welt, bei dieser Sachlage", sagte Gogarten. "Wir haben uns weiß Gott alle Mühe gegeben, dem Insolvenzverwalter Zeit zu kaufen, damit er Investoren findet."

Die Rettung der Quelle sei nicht an den Banken gescheitert, sondern am gescheiterten Geschäftsmodell des Versandhändlers, der seit Jahren tiefrote Zahlen abliefert. Auch die zwei in Gespräche mit Görg getretenen Finanzinvestoren hätten nicht dargelegt, was sie daran ändern könnten. "Weder die anderen Banken noch wir haben je ein entscheidungsreifes Konzept gesehen", so Gogarten.

"Wir wären als Banker alle bereit gewesen zuzuhören und der Quelle ein Leben nach dem Tod zu ermöglichen. Ich hätte es auch den Mitarbeitern gewünscht." Doch "auf Verdacht eine Millionenzusage" zu machen, wie es offenbar einer der Interessenten verlangt habe, sei dann doch zu viel verlangt und außerdem nach dem Kreditwesengesetz unzulässig.

Das Konsortium hatte Kundenverbindlichkeiten über einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten für Quelle vorfinanziert. Im Lauf des Insolvenzverfahrens wurde diese Zusage verlängert, um die Suche nach einem Investor zu erleichtern. Valovis gehört dem KarstadtQuelle-Mitarbeitertrust. Vor der Insolvenz des Quelle-Mutterkonzerns Arcandor wurde die KarstadtQuelle Bank unter das Dach von Valovis gebracht. Insolvenzverwalter Görg hatte das Scheitern seiner Suche nach einem Quelle-Käufer auf die Weigerung der Banken zurückgeführt, das Factoring weiter zu finanzieren.

Arbeitsagentur nennt Last-Minute-Kündigungen "ungewöhnlich"

Die Deutsche Post  nahm am Freitag den kurzzeitig unterbrochenen Versand von Quelle-Produkten wieder auf. "Nachdem sichergestellt ist, dass wir für die Dienstleistung bezahlt werden, fahren wir den Service ab heute wieder hoch und erbringen wie gewohnt unsere Leistung", teilte Postchef Frank Appel am Freitag in Bonn mit. Der Versand sei vorübergehend eingestellt worden, um Schaden vom Unternehmen Post abzuwenden.

Damit hat sich die Post offenbar mit Görg auf eine ausstehende Zahlung geeinigt. In der Nürnberg-Ausgabe der "Bild-Zeitung" (Freitag) hatte es geheißen, tausende Pakete stapelten sich im Retourenlager in Fürth. Schon im Juni zu Beginn der Insolvenz hatte die Post vorübergehend den Versand gestoppt.

Die Post-Tochter DHL hat bislang einen Abbau von 960 Arbeitsplätzen in Zusammenhang mit der Quelle-Pleite angekündigt. Die Versandzentren in Bochum, Lehrte und Nürnberg, die auf den Großkunden Quelle ausgerichtet sind, sollen geschlossen werden. Noch aber seien die betroffenen Beschäftigten "alle in Lohn und Brot", betonte ein Post-Sprecher gegenüber manager-magazin.de. Zunächst werde ein Sozialplan erstellt, auch der Ablauf der Liquidation von Quelle spiele eine Rolle.

Bei Quelle selbst sollen noch 4300 Beschäftigte für die Dauer des Ausverkaufs weitermachen dürfen. Ihnen wird dann nach und nach gekündigt, sofern sie nicht im Verkauf von Einzelteilen des Unternehmens eine neue Perspektive bekommen. "Diese Zahl ist größer, als manche gedacht haben", betonte der Sprecher des Insolvenzverwalters, Thomas Schulz, gegenüber manager-magazin.de. Bisher seien 3300 Kündigungen bei Quelle ausgesprochen worden. Viele der Gekündigten seien auch im Ausverkauf noch dabei. Etwa 1900 Beschäftigte würden zum 1. November freigestellt, weitere 850 hätten von sich aus gekündigt.

Die Nürnberger Arbeitsagentur und der Quelle-Betriebsrat beklagten Kündigungen in letzter Minute. Viele hätten erst wenige Stunde vor ihrem Ausscheiden die Information erhalten, dass sie von kommendem Montag an nicht mehr der Quelle-Belegschaft angehörten, berichtete der Betriebsrat. Einigen sei am Donnerstag, manchen sogar erst am Freitag gekündigt worden. Solche Lastminute-Kündigungen zeugten von dem schlechten Umgang des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg mit den Beschäftigten, hieß es.

Nach Angaben von Elsa Koller-Knedlik, Leiterin der Nürnberger Agenturniederlassung, war bis Freitagvormittag noch nicht bekannt, welche Mitarbeiter genau ab Samstag ihren Job verlieren. "Das ist ungewöhnlich", sagte sie. Die evangelische und die katholische Kirche wollen den Betroffenen bei einer ökumenischen Mahnandacht vor dem Quelle-Versandzentrum in Nürnberg Trost bieten. Sowohl die Kirchen als auch die Arbeitsagentur haben eigene Räume am Quelle-Versandzentrum geöffnet.

mit Material von dpa und ddp

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