Airbus Major Toms schwierige Mission

Die Luftfahrtbranche befindet sich in einer beispiellosen Krise. Die Airlines schreiben Milliardenverluste, Geld für neue Jets ist kaum da. Trotz eines dicken Auftragsbuchs erfassen die Turbulenzen auch Flugzeugbauer Airbus stärker, wie Chef Tom Enders bei einem Auftritt in Hamburg durchblicken ließ.

Hamburg - Thomas Enders hat keine Scheu, das Debakel beim Namen zu nennen. Worte wie "Desaster", "Problem" und "Krise" gehen dem Airbus-Chef leicht über die Lippen, wenn er vom Auslieferungschaos um den Riesenflieger A380 spricht, unter dem sein Konzern bis heute ächzt. 20 Maschinen sind ausgeliefert, seit Air France KLM  heute in Hamburg ihre erste übernommen hat. Eigentlich hätten es schon mehr als doppelt so viele sein sollen.

Doch Enders wäre nicht Enders, würde er dem Gau nicht auch etwas Positives abgewinnen. "Durch die A380-Krise wurde deutlich, dass wesentliche Aufgaben im Konzern nicht gemacht waren", sagte der blonde Hüne am Donnerstag Abend vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten . "Wenn wir als Folge das Sparprogramm Power 8 nicht aufgelegt hätten, stünden wir in der jetzigen Krise wesentlich schlechter da."

Da ist er, der Zweckoptimismus des Tom Enders, oberster Airbus-Krisenmanager seit 2007. Er benennt zwei gigantische Probleme: die A380-Produktion und den weltweiten Absturz in der Luftfahrtbranche. Doch deren Wirkung scheint sich in seinen Augen durch gleichzeitiges Auftreten eher zu verringern als zu verstärken. Aus der einen Krise gelernt, tut die nächste gleich nicht mehr so weh.

Doch reicht das mehr oder weniger passable Pannenmanagement beim A380, um den Flugzeugbauer durch die beispiellose Luftfahrtkrise zu steuern, die sich mit immer drastischeren Folgen ausbreitet? Gelingt es Airbus, mit staatlicher Hilfe und etwas Glück gegen den Rivalen Boeing  in der Krise zu bestehen?

Solche Fragen parieren Enders und sein "legendärer" (O-Ton Enders) Verkaufschef John Leahy meist mit beeindruckenden Zahlen. Mehr als 3400 Flugzeuge habe das Unternehmen in den Auftragsbüchern, werden sie nicht müde zu betonen - rechnerisch ist das genug für sechs Jahre Produktion.

Fluggesellschaften auf Crashkurs

Für die Zeit danach sieht es allerdings düster aus. Schon jetzt brechen die Aufträge für neue Flugzeuge weg. "Die wichtigste Aufgabe unserer Verkäufer ist derzeit, dafür zu sorgen, dass die Kunden ihre Bestellungen nicht zurückziehen", sagt Enders. Airbus verwendet fast seine gesamte Kraft darauf, Käufer bei der Stange zu halten, anstatt neue zu gewinnen.

Airbus legt seine Kunden quasi auf die Couch - und die können die Fürsorge bestens gebrauchen. Denn weltweit fliegen die Airlines tief in die Verlustzone. Für dieses Jahr rechnet der internationale Verband der Luftfahrtindustrie IATA mit einem Minus in der gesamten Branche in Höhe von elf Milliarden Dollar. Außer dem schmerzhaften Preiskampf um die in der Rezession verbliebenen Kunden belasten auch noch steigende Treibstoffpreise das Geschäft.

Geld für neue Maschinen ist unter diesen Umständen kaum vorhanden. "Viele Fluggesellschaften können neue Flugzeuge nicht mehr über den Cash flow finanzieren", sagt Enders. Also hilft er, wo er kann. Mit späteren Auslieferungsterminen - was im Fall der A380 nicht weh tut - oder Finanzierungshilfen wie Bürgschaften, für die letztlich einzelne Staaten gerade stehen.

Solche Instrumente wurden nach Enders' Worten 2008 bei 20 Prozent der Auslieferungen in Anspruch genommen. In diesem Jahr verdoppelt sich die Quote seiner Einschätzung zufolge auf 40 Prozent. Airbus' Geschäfte stehen somit auf immer wackeligeren Beinen.

Analysten sehen nicht nur Finanzierungsschwierigkeiten als Grund für die Kaufzurückhaltung. "Belege für eine umfangreiche Nachfrage zum Ersatz alter Maschinen sind nicht zu erkennen", sagt Steve East von Credit Suisse. Die Airbus-Mutter EADS  werde unter einem Gewinnrückgang leiden, während die meisten anderen Industrie-Unternehmen sich von der Konjunkturkrise erholten.

"Das schmerzt mich sehr"

Es überrascht daher kaum, dass Enders bei seinen selbst gesteckten Zielen schon vorsichtiger wird. Die monatliche Auslieferung von kleineren Maschinen mit einem Mittelgang ("Single Aisle") hatte das Unternehmen bereits von 36 auf 34 zurückgefahren. Im kommenden Jahr "werden wir die Produktion eher weiter nach unten als nach oben anpassen", sagt Enders nun und nennt die Zahl 32, um sogleich zu beschwichtigen. "Das macht mir keinen Blutdruck." Damit liege die Produktion noch immer auf dem Niveau des Boomjahres 2008.

Umsatz und Cash-Flow würde eine weitere Drosselung jedoch deutlich schmälern. Etwa 80 Prozent des Kaufpreises zahlen Airbus-Kunden bei Auslieferung, 20 Prozent fließen vorab - als eine Art potenzielle Vertragsstrafe, falls ein Kunde den Flieger doch nicht abnimmt.

An diese Vorabzahlungen klammert Airbus seine Hoffnungen, dass Fluggesellschaften bestellte Maschinen auch wirklich abnehmen. Doch die Rechnung geht nur auf, wenn die Krise keine größeren Insolvenzen mit sich bringt. In einem solchen Fall würden aus Bestellungen eben doch Stornierungen, die es laut Airbus bisher in kaum nennenswerten Umfang gegeben hat. Dann aber käme der harte Aufprall, auf den Airbus jedoch kaum vorbereitet ist.

Doch auch an den tatsächlich verkauften Fliegern hat Airbus derzeit weit weniger Freude als geplant. Der starke Euro, der um einen Kurs von 1,50 Dollar pendelt, macht dem Flugzeugbauer einen Strich durch die Rechnung. Der Dollarkurs "schmerzt mich sehr", sagt Enders.

Im Sparprogramm Power 8 hatte das Unternehmen noch mit 1,35 Dollar für einen Euro gerechnet. Airbus produziert überwiegend im Euroraum, verkauft seine Maschinen gemäß den internationalen Gepflogenheiten aber gegen Dollar.

In einem wesentlichen Punkt meldet Enders immerhin Vollzug. Das während des A380-Chaos stark belastete Verhältnis von Franzosen und Deutschen im Konzern habe sich wieder verbessert. Auch Enders' Wunsch, Englisch als Geschäftssprache im Unternehmen einzuführen, habe sich inzwischen erfüllt. Heute konnten zudem die Franzosen Gelassenheit in der Nationalitätenfrage vorleben, als die erste A380 an Air France ausgeliefert wurde - in Hamburg-Finkenwerder.

Verwandte Artikel