Gefahr für den Aufschwung "Kreditklemme sofort abwenden"

Deutsche Unternehmen fürchten unter der zweiten Welle der Wirtschaftskrise begraben zu werden, weil sie den Finanzanforderungen ihrer Banken nicht genügen können. Wichtige Wirtschaftsverbände fordern deshalb gegenüber manager-magazin.de, Schwarz-Gelb solle sofort etwas gegen die drohende Kreditklemme unternehmen. Jetzt hat Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle reagiert - und den Bankern gedroht.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Die Arbeitslosenzahlen stabilisieren sich derzeit bei etwa 3,4 Millionen, auch wenn es nur wenige frei Stellen in der Bundesrepublik gibt. Und die Wirtschaft scheint ganz langsam wieder Tritt zu fassen. Doch genau in dieser Situation meldet Europas Zentralbank, was Ökonomen fürchten: Die Kreditvergabe der Banken ist in den 16 Euroländern im September erstmals seit Einführung der Statistik 1992 gesunken.

"Das ist der der Vorbote einer neuen Konjunkturabschwächung, insbesondere in Deutschland", orakeln dann auch die Analysten der italienischen Großbank Unicredit . Deutschlands Wirtschafsverbände schlagen entsprechend Alarm.

In einer Umfrage unter bedeutenden hiesigen Wirtschaftsvereinigungen von manager-magazin.de forderten fast die Hälfte der befragten Verbände die Bundesregierung auf, sofort etwas gegen die drohende Kreditklemme zu unternehmen und dafür notfalls auch andere geplante Vorhaben des neuen Regierungsbündnisses hintenanzustellen.

"Es muss alles getan werden, damit der Wachstumsmotor möglichst bald wieder anspringt. Entscheidend dafür wird sein, dass die Regierung alles in ihrer Macht stehende unternimmt, die drohende Gefahr einer Kreditklemme von der mittelständischen Wirtschaft sofort abzuwenden", sagt beispielsweise Manfred Wittenstein zu manager-magazin.de, Präsident des Verbandes deutscher Maschinen- und Anlagenbauunternehmen.

Tatsächlich scheinen bereits jetzt viele hiesige Unternehmen Probleme zu haben, ihren laufenden Betrieb durch Anschlusskredite ihrer Banken aufrecht halten zu können. Nach Angaben des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts beklagen derzeit mehr als 41 Prozent der Unternehmen in der Bundesrepublik, nur schwer das nötige Bare von ihren Geldhäusern zu kommen. "Im September stuften zwar noch 43,7 Prozent die Vergabepraxis als zurückhaltend ein. Aus diesem Rückgang kann jedoch noch keine Entspannung der Finanzierungssituation abgeleitet werden", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. "Denn von den großen Unternehmen beklagen seit nunmehr neun Monaten mehr als die Hälfte der Befragungsteilnehmer eine restriktive Kreditvergabe der Banken", kommentierte Sinn die Entwicklung."

"Die Banken müssen dazu beitragen, die Kreditklemme in Deutschland zu lösen", forderte deshalb jetzt auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) im "Handelsblatt" . Sollte sich die Kreditvergabe nicht verbessern, werde die neue Bundesregierung die Banken notfalls zwingen. "Im Koalitionsvertrag haben wir uns bereits auf die Einschaltung eines sogenannten Kreditmediators verständigt, der zwischen Unternehmen und Banken vermitteln soll. Und wenn das nicht hilft, muss eben das Hausbankprinzip der Förderbanken zeitweise ausgesetzt werden", sagte der Wirtschaftsminister weiter. In diesem Fall würde die staatseigene Kfw direkt Kredite an deutsche Unternehmen vergeben.

Entsprechend fällt dann auch das Votum des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zum Koalitionsprogramm von Schwarz-Gelb aus. Dass der Mittelstand mit einer Reform der Unternehmensbesteuerung vor einer Kreditklemme bewahrt werden müsse, sei zwar richtig, greife aber zu kurz. "Die gesamte Realwirtschaft darf nicht in eine Kreditklemme geraten", sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Das allerdings scheint immer schwerer zu verhindern zu sein.

Wie die Europäische Zentralbank jetzt mitteilte, haben die Banken in der Euro-Zone ihre Kreditbedingungen zuletzt nochmals verschärft, wenn auch in geringem Umfang als schon in den Vormonaten. Wie aus der Kreditumfrage der Notenbank hervorgeht, erhöhten weitere 8 Prozent der teilnehmenden Banken ihre Standards bei Darlehen. Dabei hatten bereits im zweiten Quartal dieses Jahres gut ein Viertel der hiesigen Geldhäuser ihre Anforderungen an die Kreditwürdigkeit der Unternehmen angehoben; im ersten Quartal waren es sogar 43 Prozent.

Drastische Schnitte gefordert

"Vorrangig sind jetzt alle Maßnahmen, die Wachstum generieren", fordert dann auch Matthias Wissmann gegenüber manager-magazin.de, der Präsident des Präsident des Verbandes der Automobilindustrie.

Wirtschaftsverbände schlagen Alarm: Bundesregierung zu Sofortprogramm zugunsten der Wirtschaft aufgerufen

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Foto: DPA

Überhaupt sind viele Verbandslenker mit dem Finanzkurs der schwarz-gelben Bundesregierung unzufrieden. So forderte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHT), Hans Heinrich Driftmann, die Bundesregierung zu einem eisernen Sparprogramm auf. "An drastischen Einsparungen führt schlicht kein Weg mehr vorbei. Und das wird uns alle treffen. Auch die Wirtschaft wird sich von manch Liebgewonnenem trennen müssen", sagte Driftmann zu manager-magazin.de - und steht damit alles andere als allein.

"Das Handwerk fordert von der neuen Bundesregierung eine transparente Finanzpolitik. Ob im Haushalt oder in einem Sonderfonds - auf keinen Fall dürfen die krisenbedingten Defizite der Sozialversicherungen vergessen werden. Die Bundesregierung wird sich im kommenden Jahr auf durchgreifende Reformen etwa bei der Arbeitslosen- und der Krankenversicherung verständigen müssen", forderte Otto Kentzler gegenüber manager-magazin.de, Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks.

Dabei sind sich die Verbandspräsidenten durchaus der prekären Lage bewusst, in die Deutschland durch die Finanz- und Wirtschaftskrise geraten ist. "Die Konsolidierung der Staatsfinanzen ist außerordentlich wichtig. Und eine Wirtschaftskrise ist nicht der richtige Zeitpunkt für größere Sparbeschlüsse", sagt dann auch Utz Tillmann gegenüber manager-magazin.de, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Chemischen Industrie.

"Wenn die Bundesregierung Rückschläge vermeiden und die Haushaltskonsolidierung voranbringen will, kann sie in der aktuelle Lage nur Eines tun: Die Rahmenbedingungen am Industriestandort Deutschland verbessern und damit die Voraussetzungen für einen deutlichen Anstieg des Wirtschaftswachstums schaffen", sagte Tillmann.

Deshalb fordert die hiesige Wirtschaft: Strukturreformen bei der im Gesundheitssystem und dem Arbeitsmarkt, die Bildungsoffensive dringend zu verstärken, Elemente der Unternehmensbesteuerung zu ändern, eine steuerliche Forschungsförderung für alle forschenden Unternehmen - und der drohende Kreditklemme sofort entgegenzutreten.

Überblick: Was die Wirtschaft vom Regierungsprogramm hält

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