Quartalszahlen Konzerne sparen sich die Zukunft

Zehn Dax-Konzerne haben in dieser Woche über ihr Geschäft berichtet, fünf davon allein heute. Hoffnung versprühen die Schwergewichte der deutschen Wirtschaft nicht. Viele glänzen mit Gewinnen, doch dahinter stehen meist nur Sparprogramme. Das ist zwar eine Antwort auf die Krise, aber kein Ausweg.
Von Arvid Kaiser und Andreas Nölting

Hamburg - Viele Zahlen ergeben nicht unbedingt ein klares Bild. Da legen in dieser Woche gleich zehn Dax-Konzerne ihre mit Spannung erwarteten Ergebnisse für das dritte Quartal des Jahres vor und der Beobachter fragt gespannt, ob sich die vermeintlich anziehende Konjunktur nun auch endlich im Zahlenwerk der großen Unternehmen widerspiegelt, die Rosskur ein Ende findet.

Und siehe da, die Resultate erscheinen auf den ersten Blick vielversprechend: Daimler  hat sich in die Gewinnzone gespart, Bayer  sieht die Trendwende erreicht, die Deutsche Bank  schreibt Milliardengewinne, BASF  verdient trotz eines kräftigen Einbruchs Milliarden und SAP  verbessert seine Gewinnmarge.

Können wir also aufatmen? Feiern wir womöglich das Comeback der deutschen Konzernelite auf den Weltmärkten? Haben sich Zetsche, Ackermann, Wenning und Co. bewährt und ihre Unternehmen wieder auf die Spur gebracht?

Halt! Wir freuen uns zu früh, warnt Chefstratege Johannes Reich vom Bankhaus Metzler. Noch stehe der Aufschwung auf "tönernen Füßen" und ob der positive Trend nachhaltig ist, das sei äußerst fraglich. Die besseren Zahlen seien, so Reich, durch Kostensenkungsprogramme herbeigespart worden - bei (Achtung!) sinkenden Umsätzen.

Die Geschichte hinter den Zahlen ist keine Geschichte vom Aufschwung. Zwar steigern niedrigere Kosten den Gewinn, doch angesichts sinkender Umsätze steht die Nachhaltigkeit dieser Strategie infrage. Die meisten Kosten lassen sich nur einmal sparen, die Lager nur einmal räumen. Der Reigen der Quartalszahlen hinterlässt Ratlosigkeit: Wo soll das lang ersehnte Wachstum herkommen? Ähnlich wie die neue schwarz-gelbe Bundesregierung, die ohne Aufbruchsignal, ohne Plan und ohne Vision startet, bleiben die Konzerne eine Antwort auf diese Frage schuldig.

Daimler spart ums Überleben

Beispiel Daimler : Der Stuttgarter Konzern hat es im dritten Quartal knapp in die schwarzen Zahlen geschafft. Den kleinen Gewinn von 56 Millionen Euro verdankt Daimler vor allem dem Abbau von Lagerbeständen. Dabei setzt der Autokonzern fast ein Drittel weniger um als im Vorjahr. Konzernchef Dieter Zetsche fährt das aggressivste Sparprogramm weit und breit, kurzfristig sollen vier Milliarden Euro Ausgaben verschwinden - damit wurde das Sparziel verdoppelt, laut Zetsche wird es in diesem Jahr sogar "deutlich übertroffen". Zeitweise arbeiteten mehr als 50.000 Daimleraner kurz.

Mercedes-Sanierer Rainer Schmückle eilt der Ruf eines harten Besens voraus. Jede Ausgabe muss als notwendig begründet werden, Zulieferer müssen alles selbst vorfinanzieren. Auch wichtige Investitionen, die sich langfristig auszahlen würden, sind kaum noch möglich. "Es geht ums nackte Überleben", heißt es aus dem Aufsichtsrat. Doch sieht so eine langfristige Strategie aus? Was, wenn die Lager geräumt sind? Daimler bleibt nur die vage Hoffnung, mit seiner Strategie für Elektroautos, zu der auch der Brennstoffzellenantrieb gehört, richtig zu liegen.

Beispiel Bayer : Konzernlenker Werner Wenning erklärt den Tiefpunkt feierlich für überwunden. Bayer hat im dritten Quartal erstmals wieder den Betriebsgewinn - vor Sondereinflüssen - gesteigert. Doch der Umsatz ging weiter um 7 Prozent zurück. Vor allem in der Pharmasparte hat Bayer noch einige Produkte, die dank patentgeschützter Monopole hohe Gewinnmargen garantieren.

Doch an neuen Entwicklungen für zukünftige Blockbuster herrscht Mangel, zudem gehen die Regierungen aller Industriestaaten das Problem an, das steigende Arzneimittelausgaben für ihre Budgets bedeuten. Die ganze Branche steht vor einem Umbruch. Bayer antwortet mit dem Zukauf margenschwacher Produkte wie Generika - und mit einem Sparkurs, mit dem vor allem der Vertrieb deutlich verschlankt wird. Die Ausgaben für den Konzernumbau hat Wenning soeben auf 350 Millionen Euro erhöht.

SAP fehlen die Ideen

Beispiel SAP : Massenhafter Stellenabbau ist neu für den Softwarekonzern. Mehr als 3000 Jobs hat SAP in diesem Jahr gestrichen. Auch sonst wurden Kosten gekürzt, vor allem im Marketing. Konzernchef Leo Apotheker konnte auf eine gesteigerte Ertragskraft verweisen: Die operative Rendite kletterte im dritten Quartal auf 26,9 Prozent. Doch zugleich schrumpfte der Erlös um 9 Prozent.

Der Markt für Softwarelizenzen an Großkonzerne, das Kerngeschäft von SAP, ist gesättigt. Mit der Expansion im Mittelstand kommt das Vorzeigeunternehmen der deutschen IT-Branche kaum voran. Also bleibt als Idee für die Zukunft nur die Hoffnung, irgendwann doch noch höhere Preise für Service- und Wartungsverträge durchsetzen zu können.

Beispiel Lufthansa : Konzernchef Wolfgang Mayrhuber freut sich über "ein größeres Stück von einem kleineren Kuchen". Dank mehrerer Zukäufe ist das Betriebsergebnis der Fluggesellschaft im dritten Quartal um 23,5 Prozent gestiegen. Ansonsten sieht es aber düster aus. Der Umsatz fiel um 9,4 Prozent, für das Gesamtjahr erwartet die Lufthansa rote Zahlen. Sparkurs auch hier, trotz der Expansion zu Europas größter Fluggesellschaft: Bis 2011 will die Lufthansa eine Milliarde Euro weniger ausgeben.

Beispiel BASF : Mit einem um ein Fünftel gesunkenen Betriebsgewinn zählen die Quartalszahlen von BASF zu den Enttäuschungen auf den ersten Blick. Der Umsatz ging um 19 Prozent zurück. Im Kunststoffgeschäft immerhin bringen Sparmaßnahmen schon höhere Margen. Mit der Übernahme des Schweizer Wettbewerbers Ciba will der weltgrößte Chemiekonzern jährlich 350 Millionen Euro einsparen. Dafür werden 33 Standorte geschlossen und 3800 Stellen gestrichen werden. In fast allen Geschäftsbereichen ist BASF auf Schrumpfkurs.

Konzernchef Jürgen Hambrecht ist stolz darauf, schon früh "Maßnahmen zur Anpassung der Kapazitätsauslastung und zur Kosteneinsparung" eingeleitet zu haben, die jetzt Wirkung zeigten. Das im Frühjahr 2008 aufgelegte Effizienzprogramm "Next" soll jährlich eine Milliarde Euro bringen. Der Konzern hat bereits etliche Anlagen rund um die Welt geschlossen, in Asien immerhin investiert BASF in neue Anlagen.

Volkswagen vermisst die Abwrackprämie

Beispiel Volkswagen : Europas größter Autohersteller geriert sich trotz eines drastisch gesunkenen Ergebnisses als Krisengewinner - zum Teil zu Recht. Mit ihrer Mehrmarkenstrategie und wichtigen Investitionen in Technik haben die Wolfsburger vieles richtig gemacht. Dank Abwrackprämie gewinnen sie Marktanteile und scheinen auf den Fersen des Konkurrenten Toyota  schneller voranzukommen als gedacht. Die Übernahme des Stuttgarter Sportwagenherstellers Porsche , mit der Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch das Verhältnis von Angreifer und Beute umkehrte, sorgt für Triumphstimmung.

Doch das könnte sich als ein Pyrrhussieg erweisen: Der Deal wird mit einem Kaufpreis von 12,4 Milliarden Euro und noch höherer Schuldenlast teuer. Porsche könnte für den globalen Autoriesen zum Bremsklotz werden, der die ambitionierte Wachstumsstrategie von Volkswagen behindert. Für die unmittelbare Zukunft droht der Einbruch auf dem europäischen Heimatmarkt, nachdem wichtige Absatzhilfen der Regierungen entfallen und die Nachfrage nur noch mit großen Rabatten zu stützen ist. Volkswagen muss sich über die Zeit retten, um seine großen Ziele bis 2018 zu erreichen - oder doch noch in den Chor der radikalen Sparer einstimmen.

Von Bayer bis Volkswagen - überall das ähnliche Bild: Sparen, optimieren, reorganisieren, umstrukturieren, auslagern. Das Geld zusammen kratzen, nur keine zusätzlichen Schulden machen. Denn Geld ist zwar billig, doch die Banken sind weiterhin risikobewusst.

Ein Stratege wie Johannes Reich sieht diese Entwicklung mit Sorge: "Die Liquidität der Zentralbanken ist in der Realwirtschaft noch nicht angekommen." In einem derart risikoscheuen Umfeld ist der große Sprung nach vorn - die Umsetzung visionärer Strategien, die Eroberung von Zukunftsmärkten - für die Konzernlenker natürlich problematisch.

Doch Sparen allein, davon ist der Privatbanker überzeugt, sei für die Zukunft auch keine Lösung.

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