Wirtschaftsexperten Merkels Krisenteam

Kanzlerin und Minister sind vereidigt, parlamentarische Staatssekretäre ernannt. Bei der Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise setzt Angela Merkel allerdings vor allem auf bewährtes - überwiegend nicht vom Volk gewähltes - Personal.

Wolfgang Schäuble (67) ist die wirtschaftspolitische Schlüsselfigur im schwarz-gelben Kabinett. Doch sein Job wird kein leichter sein: Eingeklemmt zwischen der alarmierend hohen Verschuldung einerseits und den Steuersenkungsversprechen aus dem Wahlkampf andererseits, wird der neue Finanzminister Druck von allen Seiten bekommen.

2010 müsste die Regierung eigentlich beginnen, auf Sparkurs umzuschwenken - so will es das Schuldenbremsen-Gesetz, so will es die Absprache der EU-Finanzfinanzminister. Schon beginnt der Streit mit den Bundesländern, die Einnahmeausfälle bei Steuersenkungen befürchten. Das ist erst der Anfang: Große Verteilungskämpfe stehen bevor, das Steuersystem soll grundlegend reformiert werden, neue internationale Finanzspielregeln müssen erarbeitet werden…

Gigantische Aufgaben, die kaum alle lösbar sein werden.

Immerhin: Schäubles Rüstzeug für den Posten des Finanzministers ist exzellent. Mit der Steuer- und Sozialpolitik kennt sich der frühere Chef der Unionsfraktion aus, zumal viele Themen der 90er Jahre derzeit wieder auf der Agenda stehen. In der Partei hat er politisches Gewicht wie kaum ein anderer. In der Öffentlichkeit genießt er hohe Glaubwürdigkeit. Nur in der jüngeren Generation der Topmanager und Banker, da ist der langjährige Innenpolitiker bislang persönlich nicht allzu gut verdrahtet.

Jörg Asmussen - Ein SPD-Mann bleibt im Finanzressort

Bankenrettung, Bundesbeteiligungen, Währungsfragen - kaum ein Thema, mit dem der 43-jährige Finanzstaatssekretär in seinem Ministerium nicht ver- und betraut wäre.

Gemeinsam mit seinen alten Bekannten Jens Weidmann (Kanzleramt) und Axel Weber (Bundesbank) sowie mit dem bisherigen Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba, der nun ebenfalls ins Finanzressort wechselt, leitete er die Bankenrettungen in die Wege.

In den Bürgschaftsfonds für Banken und Unternehmen zog er entscheidende Fäden. Bei der Telekom sitzt er im Aufsichtsrat. Asmussen, nicht immer unumstritten, gilt als geschickt, loyal und unideologisch. Möglich, dass er dennoch im Laufe der Legislaturperiode sein Amt zugunsten eines Unionsmanns wird räumen müssen.

Inzwischen ist er derart unverzichtbar, dass er, obwohl SPD-Mitglied, auch unter dem Unions-Finanzminister Schäuble zunächst im Amt bleibt. Asmussen gilt als exzellenter Kenner der Finanzszene und als international bestens vernetzt. Das Vertrauen von Ex-Finanzminister Peer Steinbrück in die Fähigkeiten seines stets kühl wirkenden Spitzenmitarbeiters war so groß, dass er sich von ihm gelegentlich bei G7-Treffen und anderen internationalen Foren vertreten ließ.

Umweltminister Norbert Röttgen - Der Gegen-Wirtschaftsminister

Kanzlerin Merkel hat den 44-Jährigen als eine Art Gegen-Wirtschaftsminister installiert. Der Umweltminister, der auch schon mal Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) werden sollte, hat den Auftrag, den FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle in Sachen Energiepolitik in die Schranken zu weisen.

Und Röttgen hat in seinem neuen Amt die Chance, sich vor großem Publikum zu profilieren: Die hochgradig emotionalen Themen Atom und Klimawandel sowie die gesamte künftige energiepolitische Strategie Deutschlands lassen sich in Person des smarten, stets angenehm nachdenklich wirkenden Röttgen verkaufen. Auch seine Vorgänge Jürgen Trittin (Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD) nutzten das Umweltamt, um Einfluss und Popularität auszubauen.

Röttgen kann auf eine solide Machtbasis bauen - mit kurzen Drähten ins Kanzleramt und in den Bundestag: Angela Merkel schätzt ihn als effizienten Umsetzer. Und als erster Parlamentarischer Geschäftsführer ist der CDU-Mann fest in der Unions-Fraktion verankert. Gegenspieler Brüderle vom Koalitionspartner FDP hingegen muss sich nach langen Oppositionsjahren erstmal ins Berliner Regierungsgeschäft einarbeiten.

Walther Otremba: Wechsel vom Wirtschafts- ins Finanzministerium

Er ist eine starke Figur in den Berliner Hinterzimmern. Der Unionsmann, zuletzt als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, wo er unter dem schwachen Minister Michael Glos der faktische Kopf der Behörde war, verstärkt nun als weiterer beamteter Staatssektretär Wolfgang Schäubles Finanzministerium.

Der 58-jährige gebürtige Norddeutsche kennt das Finanzministerium seit fast drei Jahrzehnten. Lange beschäftigte er sich mit Grundsatzfragen der Finanzpolitik, bereitete für den damaligen Finanzminister Theo Waigel (CSU) auch die Europäische Währungsunion mit vor.

Unter den SPD-Finanzministern Oskar Lafontaine und Hans Eichel erlitt Otremba einen Karriereknick; 2002 wechselte er auf den Chefposten bei der Bundesanstalt für Post und Telekommunikation, bevor er 2006 ins Berliner Wirtschaftsministerium wechselte. Nun ist er wieder da - mit einem vollen Arbeitspensum.

Bislang entschied er in den Lenkungsausschüssen der Banken- und Unternehmensrettungsfonds zusammen mit Finanzstaatssekretär Asmussen und Kanzlerinnenberater Weidmann über Milliardenhilfen und Bürgschaften. Sein neuer Arbeitsschwerpunkt dürfte nun die Steuerpolitik werden: Er soll die ehrgeizigen Pläne der Koalition für eine echte Steuerreform umsetzen.

Jens Weidmann - Wirtschaftsabteilungsleiter im Kanzleramt

Jens Weidmann - Wirtschaftsabteilungsleiter im Kanzleramt

Der Wirtschaftsabteilungsleiter im Kanzleramt ist für die Wirtschaft das Tor zu Angela Merkel. Manager, Unternehmer, ausländische Wirtschaftspolitiker - sie alle treffen auf ihrem Weg zur Kanzlerin zunächst auf Jens Weidmann.

Im Zuge der Krise hat der 41-Jährige enorm an Statur gewonnen. Zusammen mit seinem Studienkollegen Jörg Asmussen und Bundesbank-Präsident Axel Weber organisierte er die Stützung des Finanzsektors. In den Lenkungsausschüssen des Soffin (Bankenrettungen) und des "Bürgschaftsfonds Deutschland" (Unternehmensrettungen) entscheidet er über Leben und Sterben angeschlagener Unternehmen mit.

Für die Bundesregierung verhandelte er federführend den Fall Opel. Kein Zweifel: Weidmann ist eine Schlüsselfigur in Merkels wirtschaftspolitischem Zirkel. Der Ökonom, eigentlich ein gelernter Neoliberaler - er diente zuvor beim Internationalen Währungsfonds und Axel Weber bei der Bundesbank -, musste nach seinem Amtsantritt Interventionismus erst lernen: EADS vor dem Zugriff der Franzosen retten, gesetzlichen Schutz gegen Staatsfonds organisieren und schließlich Banken verstaatlichen und Unternehmen päppeln. Weidmann, im Umgang freundlich und zurückhaltend, dürfte auf absehbare Zeit für die Kanzlerin unverzichtbar sein.

Axel Weber - Bundesbankpräsident

Axel Weber - Bundesbankpräsident

Sein Wort hat Gewicht in Berlin. Die Kanzlerin schätzt ihn, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück agierte mit ihm zusammen auf internationaler Ebene als dynamisches Duo. Auch mit dem neuen Finanzminister Wolfgang Schäuble dürfte der 52-jährige Bundesbank-Präsident zurecht kommen.

Die neue Regierung belohnt seine tragende Rolle während der Krise, indem sie der Bundesbank die Kompentenzen für die Bankenaufsicht überträgt. Dass Notenbanken auch die Überwachung der Banken übernehmen sollten, ist ohnehin eine Lehre aus der Krise, die viele andere Länder bereits gezogen haben. Doch ohne Webers hohes Ansehen wäre es nicht so weit gekommen. Wenn 2012 der Posten des Präsidenten der Europäischen Zentralbank zu vergeben ist, gilt Weber neben dem italienischen Notenbanker Mario Draghi als chancenreichster Kandidat. Die neue Bundesregierung wird ihn hinter den Kulissen unterstützen.

Mit seinen alten Bekannnten Jörg Asmussen (Finanzstaatssekretär) und Jens Weidmann (Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt) berät er sich fast täglich und prägt dadurch das ökonomische Denken der Regierung. Aber auch zu den anderen Fraktionen, sogar zur Linkspartei, pflegt Weber seit Jahren arbeitsfähige Kontakte. In der beginnenden Legislaturperiode wird er eine zentrale Figur bleiben. Ihm eilt der Nimbus des coolen Krisenmanagers voraus. Bei der Haaresbreite-Rettung der HypoRealEstate war er in den entscheidenden verfahrenen Momenten der Moderator. Die Idee zur Schaffung eines Bankenrettungsschirms (später Rettungsfonds Soffin) stammt von ihm.

Krisenteam: Merkels Experten für Wirtschaft und Finanzen

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