Arbeitsmarkt Vernagelt und verschlossen

Deutschlands Unternehmen haben auf stur geschaltet. Die Bereitschaft, Mitarbeiter einzustellen, ist so gering wie seit Jahren nicht mehr. Jetzt zeigt sich, dass auch Frauen und Männer unter der Wirtschaftskrise leiden, die ihren Arbeitsplatz noch gar nicht verloren haben - unter Lohneinbußen.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, ganz schnell, der Blick ihres Gegenüber von ihr wegwandert, irgendwohin, dann weiß Marie Doerenkamp: Das hat gesessen. Weil sie ihrem Besucher, ihrem Kunden, wieder keinen Arbeitsplatz vermitteln konnte. "Ich habe das Gefühl, dass so etwas derzeit zu oft vorkommt", sagt die Vermittlerin der Düsseldorfer Filiale der Bundesagentur für Arbeit gegenüber manager-magazin.de. Ihr Gefühl hat sie nicht getrogen.

Hunderttausende Frauen und Männer dürften heute resigniert auf den gerade veröffentlichten Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit blicken, der widerspiegelt, was Marie Doerenkamp erlebt: Es gibt nur wenige freie Jobs in der Bundesrepublik, trotz des ersten kleinen Aufschwungs aus der Tiefe der Wirtschaftskrise heraus.

So verharrt der Stellenindex Bax der Bundesagentur für Arbeit dann auch seit fünf Monaten tief in den roten Zahlen: Verglichen mit dem Oktober 2008 lag die Arbeitskräftenachfrage zuletzt insgesamt mit 36 Punkten im Minus, im September lag der Vorjahresabstand noch bei -39, im Juli bei -44 und im Juli bei -46 Punkten, wie die Bundesagentur heute bekannt gegeben hat.

"Die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen ist in etwa so schlecht, wie im Oktober 2005, dem bisherigen Tiefpunkt der Erhebung. Auch wenn es so scheint, als ob zumindest der Abwärtstrend bei der Arbeitskräftenachfrage gestoppt ist und die Nachfrage sich zu stabilisieren beginnt", sagt dann auch BA-Expertin Judith Wüllerich zu manager-magazin.de; der so genannte Bax-Stellenindex gilt als der aktuellste in Deutschland und beruht auf konkreten Angeboten der Unternehmen für sozialversicherungspflichtige Jobs, auch denen für Freiberufler und Selbständige sowie denen der Zeitarbeitsfirmen.

Immerhin, die kleine Besserung, die sich aus der Bax-Zahlenreihe seit Juli ablesen lässt, kann heute der Verband der Zeitarbeitsfirmen bestätigen. "Die Zahl unserer Angestellten hatte im Mai mit 506.800 den Tiefpunkt erreicht. Seitdem werden wieder mehr Zeitarbeitnehmer von den Unternehmen hierzulande beschäftigt, auch wenn der Zuwachs nur sehr langsam vonstatten geht. Zuletzt waren es 575.000", sagt Mirja Drews zu manager-magazin.de, Referentin des Bundesverbandes Zeitarbeit. Das allerdings sind noch immer rund 285.000 weniger als im Oktober des vergangenen Jahres.

Insgesamt sind derzeit rund 3,4 Millionen Frauen und Männer in der Bundesrepublik nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit auf der Suche nach einem Arbeitsplatz.

Die Arbeitsplatzmisere macht sich sogar schon, wenn auch in stark abgemilderter Form, für all jene bemerkbar, die ihren Arbeitsplatz trotz Wirtschaftskrise behalten haben: Die Löhne vieler Frauen und Männer hierzulande steigen nicht so stark, wie es die teils kräftigen, vergangenen Tariferhöhungen eigentlich hätten erwarten lassen. Das zeigt der heute ebenfalls veröffentlichte Tarifindex des Statistischen Bundesamtes.

Gewerkschaften in Not

"Aufgrund von Kurzarbeit, der Kürzung von Sonderzahlungen, aber auch der vorübergehenden Aussetzung von Tarifsteigerungen durch Öffnungsklauseln profitieren nicht alle Tarifbeschäftigten in vollem Umfang von den vereinbarten Tariferhöhungen", sagt Bundesamt-Experte Markus Biermanski zur Begründung.

So reichte die Spannbreite der durchschnittlichen Tariferhöhungen von 0,9 Prozent im Handel bis 3,1 Prozent in der Öffentlichen Verwaltung. Und in den kommenden Monaten wird es mit den Durchschnittslöhnen wohl kaum noch weiter deutlich nach oben gehen. Denn jetzt winken selbst gestandene Gewerkschafter bei dem Gedanken an deutliche Lohnerhöhungen in den kommenden Monaten resigniert ab.

"Ich sehe im Moment nicht, dass wir in den kommenden Wochen große Entgeltforderungen stellen werden", bekannte jetzt Berthold Huber, Chef der IG Metall und damit der größten Arbeitnehmerorganisation innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsverbundes. Alleine 2,3 Millionen Frauen und Männer sind in der IG Metall organisiert. "Die Luft für Tariferhöhungen ist dünn. Mit der klassischen Formel aus Inflation und Produktivitätsfortschritt kommen wir dieses Mal nicht weiter" sagte Huber. Die IG Metall plane deshalb keine Lohnforderungen im üblichen Sinn. Sie werde stattdessen die Priorität auf den Erhalt von Arbeitsplätzen legen.

Damit nicht genug. Auch die drittgrößte Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie mit ihren 701.000 Mitgliedern will in den nächsten Tarifverhandlungen ebenfalls den Erhalt von Jobs anstelle von Lohnerhöhungen in den Vordergrund rücken, wie Vorstandsmitglied Peter Hausmann der "WAZ" sagte. Nur die ebenfalls mitgliederstarke Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hält derweil an Lohnforderungen fest. Unter dem Strich sind steigende Löhne auf breiter Front deshalb wohl vorerst kaum zu erwarten. Der vermeintliche Sinneswandel der Gewerkschafter kommt allerdings nicht von ungefähr.

"Würden die Gewerkschaften bei ihrer üblichen Lohnforderung als Ausgleich für die Produktivitätsänderung plus Inflationsrate bleiben, dann müssten sie bald sogar niedrigere Löhne anstreben. Denn die Produktivität sinkt und die Teuerung geht gegen Null. Aber das wollen auch die Arbeitgeber nicht, um die Konjunktur nicht wieder in die Rezession zu drücken", sagt Hagen Lesch zu manager-magazin.de, Arbeitsmarktexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Grund dafür ist erneut die Wirtschaftskrise: Weil nicht wenige Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes derzeit kaum Aufträge haben, lasten sie ihre Maschinen nicht den kompletten Arbeitstag aus, beispielsweise durch Kurzarbeit. "Wir haben zuletzt Stunden entlassen, nicht Angestellte", bestätigte IG-Metall-Chef Huber die Entwicklung gestern bei der Friedrich Ebert Stiftung in Bonn. Die Produktionsmenge sinkt allerdings genauso - und damit auch die Produktionsleistung der Angestellten pro Arbeitsstunde, also ihre Produktivität. "In diesem Jahr werden wir deshalb wohl ein Produktivitätsminus von 2 bis 3 Prozent erleben", schätzt IW-Experte Lesch.

Jetzt rächt sich, dass die Gewerkschaften viele Jahre lang die jeweils aktuelle Produktivitätsänderung zur Grundlage ihrer Verteilungsformel gemacht haben - und nicht den Durchschnitt über mehrere Jahre, die sogenannte Trendproduktivität. Denn die ist auch derzeit wohl noch mit etwa mit 1,5 Prozent im grünen Bereich, schätzen Experten. So aber werfen IG Metall und IG Bergbau, Chemie, Energie dann doch lieber schnell ihre alte Produktivitätsforderung über Bord und setzen stattdessen auf Beschäftigungssicherung.

Die Düsseldorfer Arbeitsvermittlerin Marie Doerenkamp hofft, dass Deutschlands Unternehmen deshalb nicht doch noch in den kommenden Wochen vermehrt Angestellte entlassen. "Der Stellenindex, der heute rausgekommen ist, zeigt ja immerhin eine Stabilisierung. Das gibt mir ein etwas besseres Gefühl." Das zumindest hat sie zuletzt nicht getrogen.

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