Konsumklima Die Konsumkiller schlagen zu

Erstmals seit September 2008 verschlechtert sich das Konsumklima in Deutschland. Der private Verbrauch, in diesem Jahr noch die wichtigste Stütze gegen die Krise, wird zur größten Gefahr für den Aufschwung.

Hamburg - Zwischen alle Hoffnungsschimmer von einem Ende der Krise fällt wieder etwas mehr Schatten. "Der private Verbrauch dürfte schlecht ins neue Jahr starten und sich erst allmählich wieder fangen", sagen die Volkswirte Michael Bräuninger und Jörg Hinze vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) voraus. Das werde den beginnenden Aufschwung auf eine harte Probe stellen: "Die Raten können vorübergehend sogar nochmals leicht negativ sein."

Der am heutigen Montag veröffentlichte Konsumklimaindex für November der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) gibt einen Vorgeschmack auf eine Trendwende. Zum ersten Mal seit über einem Jahr sinkt der Wert, der einen Ausblick auf die Entwicklung des privaten Verbrauchs gibt. Der Rückgang von 4,2 auf 4,0 Punkte ist zwar kein großer Einbruch, bei einer monatlichen Zeitreihe nah an der statistischen Fehlertoleranz. Doch Volkswirte hatten stattdessen einen Anstieg erwartet, im Schnitt auf 4,5 Punkte. Und sie hatten auf mehr Zeit gehofft, bevor die Krise auch den bislang stabilen Konsum erreicht.

Der Konsum scheint sich gegenläufig zur Gesamtwirtschaft zu entwickeln: In diesem Jahr wurde er noch vor den Staatsausgaben zur wichtigsten Konjunkturstütze, während die Exporte um 15 Prozent und die Investitionen um 20 Prozent einbrachen. Im kommenden Jahr wird sich das Verhältnis laut dem Herbstgutachten der Konjunkturforschungsinstitute für die Bundesregierung umkehren: Die realen Konsumausgaben gehen demnach um 0,2 Prozent zurück. Das HWWI sagt sogar ein Schrumpfen um 0,9 Prozent voraus. Das erhoffte Wachstum muss daher anderswo herkommen. Leicht wird das nicht. Weil der private Konsum fast 60 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung ausmacht, ist die Gefahr für den Aufschwung groß.

Erstmals seit Mai rechneten in der GfK-Umfrage wieder mehr Verbraucher als im Vormonat damit, künftig weniger Geld zur Verfügung zu haben. Der entsprechende Index verschlechterte sich um 3,1 auf 12,9 Punkte.

Der Index der sogenannten Anschaffungsneigung büßte fast zehn auf 26,1 Punkte ein, liegt damit aber immer noch deutlich über dem Vorjahr von minus 18,2 Punkten. Dass die Kaufneigung der Deutschen überhaupt positive Werte aufweist, ist kurioserweise der Finanzkrise zu verdanken: "Es besteht noch immer ein ganz großes Vertrauensdefizit in die Finanzmärkte", meint Studienautor Rolf Bürkl von der GfK. Zudem verlocke das niedrige Zinsniveau nicht gerade zum Geldanlegen. Also geben die Bürger ihr Geld lieber aus als zu sparen. In dieser Hinsicht sind gute Nachrichten von der Stabilisierung der Banken schlecht für die Konjunktur: Wenn sich die Menschen mehr Sorgen um ihren Arbeitsplatz als um ihr Sparbuch machen, geht die Kauflaune weiter zurück.

Aufwärts ging es nur mit den Konjunkturerwartungen der Konsumenten. Allerdings hat dieser Teil der Umfrage am wenigsten Aussagekraft. Schließlich haben die Befragten ihr Wissen über die allgemeine Wirtschaftslage überwiegend aus zweiter Hand. Aus eigener Anschauung kennen die Befragten dagegen ihre persönliche Lage und ihre Aussichten. Und die sehen weniger gut aus.

Welche Faktoren den Konsum ausbremsen

Konsumkiller Nummer eins: Arbeitsmarkt

"Die Arbeitslosigkeit bleibt der größte Bremsklotz für den Konsum", betonte Studienautor Rolf Bürkl von der GfK. Noch ist der Arbeitsmarkt erstaunlich stabil, das ist aber vor allem der Kurzarbeit von 1,5 Millionen Beschäftigten zu verdanken. Die Industrie nutzt ihre Kapazitäten nur noch zu rund 70 Prozent. Früher oder später werden die Unternehmen ihren Personalstand an den Bedarf anpassen, um nicht in die Kostenfalle zu laufen. "Die Lage am Arbeitsmarkt dürfte sich über den Winter verschlechtern und negativ auf das Konsumklima durchschlagen", sagt Jörg Lüschow von der WestLB.

"Jeder kennt doch irgendwen, der arbeitslos geworden ist oder dem die Arbeitslosigkeit droht", erklärt GfK-Mann Bürkl. Das verunsichere die Menschen und sorge für eine geringere Kauflust selbst bei denen, die nicht selbst arbeitslos werden und sich noch etwas leisten können. Laut dem Herbstgutachten dürften zudem die Bruttolöhne um 0,6 Prozent zurückgehen.

Konsumkiller Nummer zwei: Ende des Abwrackbooms

"Das Ende der Abwrackprämie scheint sich bemerkbar zu machen," meint Volkswirt Lüschow von der WestLB. In den vergangenen Monaten waren staatlich subventionierte Autokäufe und das ruhige Preisklima laut GfK die Stützen für die Konsumneigung. Nach dem Auslaufen der Abwrackprämie geraten nun Autohersteller und viele Zulieferer in Probleme. So zeigt sich, dass bereits über die vergangenen Monate auch die privaten Haushalte nur mit Staatshilfe die Konjunktur stützen konnten.

Konsumkiller Nummer drei: Energiepreise

Der Rohölpreis  ist im Oktober dieses Jahres wieder deutlich gestiegen und hat Mitte des Monats sein Vorjahresniveau überschritten. Deshalb ist zu erwarten, dass vom Energiemarkt in der nächsten Zeit keine weiteren preisdämpfenden Einflüsse ausgehen werden, schreibt die GfK. Die niedrigen Rohölpreise waren hauptverantwortlich für die geringe Inflation im ersten Halbjahr 2009. Folglich wird dieser kaufkraftstärkende Stimulus an Wirkung verlieren. Zwar sind die meisten anderen Verbraucherpreise wegen der schwachen Nachfrage eher auf dem Rückzug, doch an der Tankstelle spüren die Autofahrer, dass sich ihr Geldbeutel noch stärker leert.

Konsumkiller Nummer vier: Aussicht auf Belastungen

Die Menschen seien verunsichert, was die neue Regierung vorhabe und hielten sich mit größeren Ausgaben erst einmal zurück, erklärte GfK-Forscher Bürkl. Kein Wunder: Die künftige Bundesregierung will den Bürgern zwar in ihrem ersten Jahr keine großen Belastungen zumuten, hier und da gibt es sogar etwas mehr netto, zum Beispiel 20 Euro mehr Kindergeld. Die große Steuerreform aber ist erst einmal vertagt - und offen, was dabei herauskommt. Die Bürger wissen, dass die Koalition die hohe Staatsverschuldung und die ab 2011 greifende Schuldenbremse im Hinterkopf hat. Von der privaten Zwangsversicherung für die Pflege bis zu höheren Müllgebühren drohen an vielen Stellen neue Belastungen, die am Ende die versprochenen Entlastungen im Einkommensteuertarif mehr als aufwiegen dürften. Ein solches Szenario schlägt, wen wundert es, auf die Konsumbereitschaft durch.

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