Avtovaz Lada droht Insolvenz

Russlands Automarkt - Hoffnungsträger auch von New Opel - liegt am Boden. Dem Lada-Hersteller Avtovaz droht sogar das Aus. Der Kreml könnte das marode Unternehmen für viel Geld vor dem Schlimmsten bewahren - wieder einmal. Doch selbst dann ist ein Scheitern wahrscheinlich, bei dem auch Renault mit in den Strudel geraten kann.

Buxtehude/Bergisch Gladbach - Das Werk in Togliatti produziert "Autos von außergewöhnlich niedriger Qualität", es fehlen "eigene konkurrenzfähige Entwicklungen und Know-how". Harte Worte, die den Hersteller der Marke Lada, die russische Avtovaz, da treffen. Doch das Schlimmste ist die Quelle: Die Zitate stammen von der eigenen Werksleitung.

Was sich derzeit bei Lada abspielt, ist ohne Beispiel. Die Fabrik in Togliatti, knapp tausend Kilometer östlich von Moskau gelegen und einst als russisches Detroit gepriesen, kämpft um ihre Existenz. Der gesamte russische Automarkt ist im Krisenjahr 2009 um die Hälfte eingebrochen. Im Vorjahr hatte Lada einen Marktanteil von etwa einem Viertel, 728.000 Autos.

"Avtovaz kann solche enormen Schwankungen nicht durch Auslandsgeschäfte auffangen", erklärt Stefan Bratzel, Autoökonom an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach. In den sowjetischen Jahrzehnten konnte sich Lada eine Monokultur erlauben, weil es keine westliche Konkurrenz gab. Doch auch danach stiegen die Exportquoten nur wenig an. Die Autos sind im Rest der Welt kaum konkurrenzfähig.

Schon seit Jahren schwelt daher eine Krise bei Lada. Dann wurde 2007 das alte Management durch Getreue des Kremls ersetzt. Der Boom am russischen Automarkt eröffnete vielversprechende Perspektiven. Von einer Weltmarktexpansion war die Rede. 2008 konnte gar ein westlicher Partner gefunden werden. Renault  stieg mit einer 25-Prozent-Beteiligung ein und träumte von einem Billigautoimperium im Osten - bislang besteht das nur aus der rumänischen Erfolgsmarke Dacia.

Doch seither ist Wirtschaftskrise. Auch westliche Hersteller mussten ihre kühnen Hoffnungen für den russischen Markt aufgeben, nachdem sie geglaubt hatten, die dortigen Autoverkäufe würden jene in Deutschland noch 2009 oder 2010 übertreffen.

5000, 22.000 oder 50.000 Kündigungen?

Dieter Trzaska hat sich auf die Krise bei Lada schon eingestellt. Der Unternehmer im norddeutschen Buxtehude ist deutscher Alleinimporteur von Lada. "Die Lage ist ernst bei Lada", bestätigt auch er. Als sich die aktuelle Krise zusammenbraute und in Deutschland gleichzeitig die Abwrackprämie die Schnäppchenjäger in die Autohäuser trieb, füllte er seine Lager. Von Januar bis September verzeichnete er Zuwächse von 140 Prozent bei den Zulassungen.

"Doch jetzt muss ich mir um die Lieferungen keine Sorgen machen", sagt er. In Togliatti ist man offenbar dankbar für jedes Auto, das man fertigstellen kann. Um mit der bestehenden Belegschaft von knapp 100.000 Mitarbeitern rentabel zu arbeiten, so der Report der Werksleitung, müsste man in diesem Jahr 660.000 Autos absetzen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres waren es aber nur 270.000.

Massenentlassungen sind daher im Gespräch, es kursieren die unterschiedlichsten Zahlen, mit absurder Streuung. Regierungsvertreter sprechen von 5000 Mitarbeitern, die man auf die Straße setzen müsste, die Avtovaz-Führung von 22.000, der russische Vizeindustrieminister von 50.000. Für die Region Togliatti, die hauptsächlich von Autos lebt, eine Horrorvision.

Renault macht zu dem bösen Spiel gute Miene. Die Franzosen haben zugesagt, ein Nissan-Modell, den Dacia Logan und ein russisches Billigauto in Togliatti zu produzieren. Bereits jetzt arbeiten Renault-Beauftragte an einer besseren Qualität im Werk. Sollte Lada zusammenbrechen, wäre das ein gefährlicher Schaden für den ohnehin angeschlagenen Renault-Konzern: Der hat seine Sperrminorität mit 1,2 Milliarden Dollar erkauft.

Die neuen Autos unter französischer Regie sollen erst 2012 vom Band rollen. Da könnte es zu spät sein. Avtovaz-Vizepräsident Oleg Lobanow arbeitet verzweifelt an einer Umschuldung. Anfang der Woche sagte er, es drohe die baldige Insolvenz, wenn die Kredite nicht verlängert würden.

Die letzten Hoffnungen ruhen einmal mehr auf dem Kreml. Sollte es zu Massenentlassungen kommen, rechnen Beobachter fest mit sozialen Unruhen. Das könne Moskau nicht zulassen. Schon einmal hat die Regierung in diesem Jahr ausgeholfen, mit rund 570 Millionen Euro, deren Wirkung aber verpuffte. Lobanow beziffert den Finanzbedarf bis Jahresende mit zusätzlichen 1,6 Milliarden Euro.

"Selbst wenn der Kreml noch mal aushilft, ist das langfristige Überleben von Avtovaz ungewiss", sagt Autoexperte Bratzel. Denn an den schlechten Kostenstrukturen ändert sich ja nichts. Und selbst wenn die Qualität der Produkte sich bessern sollte, ist der Ruf ruiniert. Außerdem: "Der russische Markt wird 2010 nur leicht anziehen - wenn überhaupt."

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.