Klaus-Michael Kühne "Die höhere Maut ist gut verkraftet worden"

Lange galt die Logistik als Gewinner der Globalisierung - und dann als großer Verlierer der globalen Krise. Logistik-Doyen Klaus-Michael Kühne erklärt im Interview mit manager-magazin.de, warum diese Sicht falsch ist. Und er gibt Schwarz-Gelb überraschende Hausaufgaben mit auf den Weg.

mm.de: Herr Kühne, heute nehmen Sie am deutschen Logistikkongress teil. Wie ist die Lage der Branche?

Kühne: Insgesamt nicht schlecht. Bei unseren größten Wettbewerbern soll es teilweise Probleme geben, zum Beispiel bei der Bahn. Die Post leidet wohl an unterdurchschnittlichen Renditen in ihrer Logistiksparte. Aber ich kann natürlich nicht für die Konkurrenz sprechen.

mm.de: Wie haben die Logistiker die Krise gemeistert?

Kühn: Das Gröbste ist ausgestanden. Die allermeisten sind gut durch die Krise gekommen, und es gab kaum größere Ausfälle, weder bei den Mittelständlern noch bei den Großunternehmen. Die Logistik galt immer als Gewinner der Globalisierung, und als die Krise einsetzte, hieß es: Nun wird sie der große Verlierer sein. Dieser Meinung war ich nie, denn die Globalisierung geht ja weiter. Wir werden auf einem niedrigeren Niveau wachsen als bisher. Aber gute Geschäfte sind weiterhin möglich.

mm.de: Das Betriebsergebnis Ihres Unternehmens Kühne + Nagel  ist im dritten Quartal um 10 Prozent gesunken.

Kühne: Der Einbruch zum Jahresbeginn war viel dramatischer! Da mussten wir Volumenrückgänge von etwa 20 Prozent verkraften. Die haben wir aber durch ein stringentes Kostensparprogramm auffangen können. Außerdem haben wir investiert und so Marktanteile hinzugewonnen. Damit haben wir die Rückgänge bei unseren Altkunden teilweise ausgleichen können. Unsere Nettorendite ist um rund 15 Prozent zurückgegangen. Das ist angesichts der Umstände sehr erfreulich.

mm.de: Seit Anfang des Jahres gilt eine höhere Lkw-Maut in Deutschland. War das eine unnötige Härte?

Kühne: Unser Unternehmen fährt kaum mit eigenen Fahrzeugen. Unsere Vertragspartner haben die gestiegenen Kosten natürlich an uns weitergegeben und wir wiederum an die Kunden. Das sind durchlaufende Kosten. Ganz offensichtlich sind diese Kostensteigerungen gut verkraftet worden.

"Ich finde es richtig, wenn eine Maut erhoben wird"

mm.de: Sie stören sich überhaupt nicht an der Maut?

Kühne: Entscheidend daran ist doch, wofür das Geld verwendet wird. Ich halte es grundsätzlich für richtig, dass eine Maut erhoben wird und denke, dass das Transportgewerbe das verkraften kann. Nur sollte sichergestellt sein, dass die Gelder in den Ausbau und die Instandhaltung der Straßen investiert werden. Dann kann eine Maut auch betriebswirtschaftlich gut eingesetztes Geld sein. In der Vergangenheit war das nicht immer so.

mm.de: Dann stören Sie sich auch nicht an der Idee, die Lkw-Maut von den Autobahnen auf alle Straßen auszuweiten?

Kühne: Nein. Wir nutzen alle Straßen für unser Geschäft, der Ausbau dieser Infrastruktur ist dringend erforderlich. Es ist nur richtig, dass der Staat dafür Geld einsammelt, solange es nicht zweckentfremdet wird.

mm.de: Die Mauterhöhungen sollen ja auch steuernd wirken: Beim Versuch, den CO2-Ausstoß in Deutschland zu reduzieren, wird Ihre Branche immer wieder in den Blick geraten. Wie sollten sich die deutschen Logistiker darauf vorbereiten?

Kühne: Der Klimaschutz ist ein so zentrales Thema geworden, dass man sich dem nicht entziehen kann. Allerdings sind wir nur am Rande betroffen. Ich bin ein leidenschaftlicher Befürworter des Schienenverkehrs, weil er umweltfreundlicher ist und die Straßen entlastet. Ich finde es richtig, wenn die Schiene als Transportweg gefördert wird. Allerdings sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Die größte Anteil des Transportwesens wird sich immer auf der Straße abspielen. Da müssen Techniken zur Förderung des Schadstoffausstoßes gefördert werden.

"Eigene Gütertrassen im Schienennetz"

mm.de: Wo sehen Sie Defizite im Schienenverkehr?

Kühne: Ich würde mir mehr Wettbewerb wünschen. Das geht aber nur, wenn Schiene und Bahnbetrieb voneinander getrennt werden. So lange die Bahn gleichzeitig als Logistikanbieter und Schienendienstleister antritt, wird es zu Nachteilen für andere Logistiker kommen, das ist offensichtlich. Über das Thema ist viel gestritten worden, aber es hat sich nichts geändert. Hier muss die neue Regierung eingreifen.

Nachteilig war auch die Übernahme des Logistikers Schenker durch die Bahn. Damit ist unser Güterverkehrspartner Bahn schlagartig zu einem Konkurrenten auf vielen Gebieten geworden. Schenker wird seither einseitig gefördert und muss sich dem freien Wettbewerb nicht stellen. Hier wäre eine Privatisierung von Schenker nötig. Das würde die Zusammenarbeit mit der Bahn erheblich erleichtern, und wir könnten deutlich mehr Güter auf der Schiene transportieren, als es heute der Fall ist.

mm.de: Was wünschen Sie sich sonst von der Politik?

Kühne: Für eine leistungsstarke und umweltfreundliche Logistik in Deutschland braucht das Schienennetz eigene Gütertrassen, damit Waren unabhängig vom Personenverkehr transportiert werden können. Bislang haben Personenzüge nämlich überall Vorrang.

mm.de: Eine Frage zu Hapag-Lloyd: Die Reederei, an deren Rettung Sie beteiligt sind, hat durch Staatshilfen aus dem zweiten Konjunkturpaket Zeit gewonnen. Welche Chancen räumen Sie dem Unternehmen ein?

Kühne: Die Hilfen verschaffen Luft, das sollte für zwei oder drei Jahre reichen. Die werden schwierig, da darf man sich nichts vormachen. Zwar zieht der Markt im Containergeschäft wieder an, er wird aber nicht so schnell das alte Niveau erreichen. Hapag-Lloyd muss auch restrukturiert werden, um wieder erfolgreich zu sein. Ich befürworte außerdem die Partnerschaft mit einer anderen Reederei, sei es durch eine Allianz, durch einen Einstieg oder gegenseitige Beteiligungen. Allerdings habe ich das ja nicht allein zu entscheiden, ich bin nur einer von mehreren Gesellschaftern.

mm.de: Bevorzugter Investor soll laut Presseberichten die Reederei Nippon Yusen Kaisha (NYK) sein.

Kühne: Das ist eine Mutmaßung, von der ich auch aus der Presse erfahren habe. Die NYK würde allerdings gut passen, weil sie eine ähnliche Größenordnung hat und mit Hapag-Lloyd bereits in der Grand Alliance zusammenarbeitet. Von daher ist das eine interessante Überlegung, die Richtung könnte stimmen. Verhandlungen mit den Japanern gibt es aber bisher nicht.

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