ZEW-Index "Abflauen mit Ansage"

Der ZEW-Index ist gefallen. Droht nun der Rückfall in die Rezession? Nein, sagen die von manager-magazin.de befragten Volkswirte. Vorbei sei die Krise zwar noch lange nicht. Das niedrigere Indexniveau spiegele aber die Besinnung der befragten Finanzexperten wider - nach zwischenzeitlichem Überschwang.
Von Arne Gottschalck und Christoph Rottwilm

Hamburg - Es war ein Einbruch mit Ansage. Vorige Woche erst meldete das Statistische Bundesamt nach vier Monaten des Anstiegs wieder einen Rückgang der deutschen Exportzahlen. Und im Mai schon hatte der US-Starökonom Nouriel Roubini für die USA vor der "Gefahr eines doppelten Tiefpunkts" gewarnt, vor "einer Rezession in Form eines W am Ende des kommenden Jahres".

Sollte Roubinis Vorhersage auch für Deutschland zutreffen? Fast scheint es so. Aber eben nur fast.

Zwar fiel das ZEW-Barometer, das auf der Befragung von monatlich rund 300 Analysten und institutionelle Anlegern beruht, für die Konjunkturerwartungen im Oktober auf 56,0 von 57,7 Punkten im Vormonat, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte.

Die meisten Experten sehen darin aber kein Signal für ein erneutes Abrutschen der Konjunktur. Eher schon eine kosmetische Korrektur.

"Der Index war zuletzt stark gestiegen, die befragten Finanzexperten hatten einige positive Konjunktursignale offenbar sehr stark aufgenommen", sagt etwa Michael Bräuninger, Volkswirt am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), gegenüber manager-magazin.de. "Davon waren sie wohl selbst überrascht, der Rückgang des Index ist insofern zum Großteil eine zyklische Anpassung an die tatsächliche Erwartungshaltung."

Auch Christoph Kind, Leiter der Abteilung Asset-Management der Fondsgesellschaft Frankfurt Trust, findet den Rückgang bei ZEW-Index "alles andere als überraschend". "Auch bei anderen Frühindikatoren ist nach den zahlreichen kräftigen Anstiegen in den vergangenen Monaten nun eine Phase der Konsolidierung eingetreten."

Und Michael Herzum, Kapitalmarktexperte von der Fondsgesellschaft Union Investment, sagt: "Das war fällig. Wir hatten in den vergangenen Monaten ein sehr starkes Wachstum. Es war klar, dass sich dessen Tempo verlangsamen musste. Ich würde da von einem Abflauen mit Ansage sprechen."

Die Gefahr eines weiteren Abrutschens der Wirtschaft, einer Ausbildung der zweiten Hälfte des vielzitierten "W" also, sieht dagegen keiner der befragten Ökonomen. "Trotz der enttäuschenden Exportdaten im August zeigt der Trend bei den 'harten' Konjunkturdaten klar nach oben", so etwa Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank , zu manager-magazin.de.

"Im dritten Quartal sollte das deutsche Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem zweiten Vierteljahr ordentlich zugelegt haben. Und der starke Anstieg der Auftragseingänge legt nahe, daß auch das vierte Quartal gut ausfallen sollte."

"Wirtschaftsaufschwung wird erst Mitte 2010 selbsttragend sein"

Weltweit holen die Unternehmen laut Krämer jetzt einen Teil der Investitionen nach, die sie nach dem Schock der Lehman-Pleite abrupt zurückgestellt hatten. "Allerdings sollte man das sich abzeichnende kräftige zweite Halbjahr nicht bedenkenlos in die Zukunft fortschreiben", gibt er zu Bedenken. "Irgendwann werden die Unternehmen ihre leergeräumten Lager aufgefüllt haben. Wir rechnen damit, daß sich das Wachstum nach der Jahreswende normalisiert."

"Wir befinden uns weiter in der Krise, aus der wir nur sehr langsam wieder herauskommen", stimmt HWWI-Experte Bräuninger zu. Das HWWI hatte erst in der vergangenen Woche eine aktualisierte - nach oben korrigierte - Prognose veröffentlicht. Demnach wird die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr um 5 Prozent schrumpfen und 2010 um 1 Prozent zulegen. "Die Trendwende beruht stark auf den Stützungsmaßnahmen des Staates", sagt Bräuninger. "Wir erwarten, dass der Wirtschaftsaufschwung erst Mitte 2010 selbsttragend sein wird."

Es gibt allerdings auch Stimmen, die - wie eben US-Volkswirt Roubini - noch wesentlich lauter zur Vorsicht mahnen. Kenneth Rogoff etwa hebt den Zeigefinger. Der Wirtschaftsprofessor der renommierten Harvard-Universität zur Frage einer neuen Blase an den Finanzmärkten: "Es ist keine Frage des "'ob', sondern eine des 'wann'", sagte er zur Frage einer neuen Blase an den Finanzmärkten. In einem neuen Buch "This Time Is Different: Eight Centuries of Financial Folly" skizziert er die Probleme. Der Strom des Kapitals, das weltweit die profitabelsten Investments suche, sei eine Gefahr.

"Die Verbesserungen auf der Makroseite hat auch der letzte Pessimist geschluckt", sagt Herzum. Die künftige wirtschaftliche Entwicklung werde allerdings nicht mehr so stark vonstatten gehen. Aufs Jahr 2009 betrachtet rechnet Union Investment damit, dass das Bruttoinlandsprodukt um 5,3 Prozent fallen werde. 2010 soll es ein Plus von 0,9 Prozent sein.

"Der ZEW ist ein Frühindikator, dass heißt er läuft der tatsächlichen Entwicklung um etwa drei bis sechs Monate voraus", erklärt Kind. "Die realwirtschaftlichen Zahlen werden daher noch eine Weile positiv sein. Wir rechnen frühestens im ersten Quartal 2010 mit einem Rückschlag in der konjunkturellen Erholungsbewegung."

Könnte die Politik so einem Rückschlag entgegenwirken - und hätte sie überhaupt die Kraft dazu? Urteil Kind: "Weder noch. Angesichts der extrem angespannten Haushaltslagen sind die Spielräume für weitere fiskalische Erleichterungen nur sehr begrenzt gegeben beziehungsweise müssen gegenfinanziert werden. Konjunkturpakete mit einer größeren Nettoentlastung des privaten Sektors sind nicht zu erwarten."

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