US-Berichtssaison "Sparen wird auf Dauer nicht reichen"

An der Wall Street flirtet der Dow Jones mit der Marke von 10.000 Punkten. Zugleich strebt die US-Arbeitslosenquote auf 10 Prozent. Auch die Quartalsgewinne von Alcoa und Pepsi, welche die Börse derzeit erfreuen, sind mit Stellenstreichungen und Staatsmilliarden teuer erkauft. Das Fundament für die Erholung der Firmengewinne ist brüchig - solange die Nachfrage nicht deutlich anzieht.

Hamburg - Ein Gewinn statt des erwarteten Verlusts, endlich. 124 Millionen Dollar Gewinn meldete der größte US-Aluminiumhersteller Alcoa zum Ende des dritten Quartals, und die Wall Street jubelte. Um mehr als 6 Prozent schoss die Aktie nachbörslich nach oben, und auch der Dax  bekam durch den zarten Gewinn des Industriegüterkonzerns neuen Schwung.

Investoren feiern den bescheidenen Überschuss als Zeichen, dass die knapp zweijährige Rezession in den USA vorbei ist und die Konzerne endlich, endlich wieder bessere Zahlen melden: Alcoa sorgte für einen Auftakt nach Maß in die US-Berichtssaison, in deren Verlauf Corporate America das Ende der Rezession besiegeln soll.

Zur Nebensache geriet, dass die schwarzen Zahlen von Alcoa  vor allem Ergebnis eines rigiden Sparkurses sind, den Konzernchef Klaus Kleinfeld in dem Unternehmen durchgepeitscht hat. Alcoa hat Zehntausende Stellen gestrichen, die Produktion stark gedrosselt und seine Sparziele für 2009 bereits übererfüllt: Da reicht schon eine leichte Stabilisierung der Nachfrage, um die Rendite nach oben zu treiben.

"Die schwarzen Zahlen von Alcoa sind vor allem ein Restrukturierungserfolg", sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus. US-Unternehmen hätten die Flexibilität ihres Arbeitsmarktes massiv genutzt. Im ersten Quartal 2009 seien in den USA so viele Stellen gestrichen worden wie zuletzt im dritten Quartal 1945, als die Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten.

Doch ein harter Restrukturierungskurs bedeute noch nicht die Lösung aller Probleme: "Das bringt kurzfristig Erfolge, aber Sparen wird auf Dauer nicht reichen."

Auch PepsiCo profitiert vom Sparkurs

Ähnlich sind die steigenden Gewinne bei PepsiCo zu bewerten. Der Coca-Cola-Konkurrent verdiente mit 1,72 Milliarden Dollar 9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor - nicht auf Grund steigender Umsätze, sondern als Folge eines Sparprogramms und auf Grund wachsender Nachfrage in Asien. Der Gesamtumsatz von Pepsico sank im dritten Geschäftsquartal um 1,5 Prozent - eine um 9 Prozent schwächere Nachfrage im US-Heimatmarkt setzte dem Unternehmen zu.

Auf Dauer müssten für eine nachhaltige Erholung der Unternehmensgewinne eben auch mehr Umsatz und eine höhere Nachfrage hinzukommen, sagt Schilbe. Und die Umsatzerlöse lagen zum Beispiel bei Alcoa im dritten Quartal noch immer um rund ein Drittel unter dem Vorjahreszeitraum. Mit 4,6 Milliarden Dollar sieht der Quartalsumsatz weiterhin bescheiden aus, umso mehr, weil der Konzern als Zulieferer der Automobilindustrie auch von der amerikanischen Variante der Abwrackprämie profitiert hat.

Ende August lief das Programm "Cash for Clunkers" aus, und im September brachen prompt die Umsätze etwa von General Motors und Chrysler wieder um jeweils rund 40 Prozent ein.

"Die Lohnsumme fällt, und die Kreditvergabe weist nach unten"

"Die US-Regierung hat durch Subventionen die Nachfrage temporär gedopt, doch diese Nachfrage wird in der Zukunft fehlen", sagt Schilbe. Zudem wirkte der schwache Dollar segensreich für Alcoas Exporte. Die weitere, umsatzgetriebene Erholung, auf die viele Käufer am Aktienmarkt spekulieren, wird mühsam sein.

Wo soll die stärkere Nachfrage herkommen, mit deren Hilfe die US-Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückkehren will? Vom US-Verbraucher, der bislang tragende Säule der Wirtschaft war, sicher nicht.

"Die Lohnsumme in den USA fällt, auf dem Arbeitsmarkt sieht es düster aus, und auch die Kreditvergabe der Banken in den USA weist deutlich nach unten", betont Schilbe. Allein im September haben US-Unternehmen noch einmal 263.000 Jobs gestrichen, deutlich mehr als erwartet.

Eine steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne und weniger Zugang zu Krediten: Das alles spricht für eine künftig fallende und nicht für eine steigende Nachfrage - zumal zahlreiche mit Steuergeld finanzierte Impulse künftig ausfallen.

"Wenn der Job unsicher ist, das Einkommen bestenfalls stagniert, und es schwierig ist, einen Kredit von der Bank zu bekommen, denkt man eher darüber nach, auf welche Anschaffungen man verzichten kann", erklärt Schilbe. Der Schuldenabbau, für die konsumfreudigen US-Bürger ein ungewohnter Prozess, werde noch viel Zeit brauchen. Die US-Bürger stellen sich neu auf, statt die Shopping-Mall zu stürmen: "Ein konsumgetriebener Aufschwung ist in den USA nicht zu erwarten", sagt Schilbe.

Bestenfalls können ein anziehender Export sowie eine stärkere Nachfrage aus Asien, dessen Volkswirtschaften wieder substanziell wachsen, wieder Impulse für die US-Konjunktur setzen. Doch damit fällt eine Erholung schwächer aus als ein Wachstum, das von einer stärkeren Binnennachfrage getragen wird.

Anleger, die nach sechs Monaten Rally am Aktienmarkt aufgrund erfreulicher US-Quartalsergebnisse jetzt in Aktien investieren, sollten prüfen, ob sie damit lediglich erfolgreiche Sparprogramme der Unternehmen entlohnen oder echte Chancen für ein Umsatzwachstum sehen. Alcoa hat sich aus der Krise gespart. Das ist ein Hoffnungszeichen, aber mehr auch nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.