Kapitalismus reloaded Wohlstand 2060 wird heute gebildet

Die in Deutschland aufflammende Verteufelung von Aktionären und Aktienbesitz hat fatale Folgen. Viele Menschen bilden kein Produktivvermögen, weil sie darin kein erstrebenswertes Ziel sehen. Der Leiter des ARD-Börsenstudios, Michael Best, diskutiert in seinem neuen Buch die Zukunft der Gesellschaft. Lesen Sie im zweiten Teil, warum Vermögen so ungleich verteilt ist.
Von Michael Best

Um Wohlstand zu erwirtschaften, bedarf es der Arbeit und es bedarf des Kapitals. Arbeit und Kapital sind aufeinander angewiesen, ohne Kapital greift Arbeit ins Leere, ohne Arbeit findet Kapital keine produktive Verwendung.

Zugleich ringen Arbeit und Kapital um die Früchte des Wirtschaftens, es gibt keine feste Verteilungsregel. Allerdings sollten sich beide Seiten um Fairness bemühen. Es ist für die dauerhafte Verwertung des Kapitals von Nachteil, wenn das Kapital die Arbeit übervorteilt.

Das schwächt die Motivation der Arbeitenden und untergräbt die Nachfrage für die erzeugten Produkte. Das Kapital sollte erkennen, dass eine faire Entlohnung auch in seinem Interesse ist. Der Kapitalismus ist ein System der Massenproduktion und des Massenkonsums, er rechnet sich nur durch den Wohlstand vieler. Umgekehrt ist es für die Arbeit von Nachteil, dem Kapital eine angemessene Rendite zu verwehren. Dann macht sich das Kapital davon und sucht anderswo auf der Welt sein Glück.

Wie die Teilung ausfällt, ist Verhandlungssache. Es ist das gute Recht jedes Arbeitnehmers, angemessene Entlohnung zu fordern, sich zu organisieren und nötigenfalls zu streiken. Ebenso haben auch Kapitalgeber das Recht, eine Rendite zu erwarten. Das ist genauso wenig sittenwidrig wie eine Lohnforderung.

Sittenwidrig können allenfalls überzogene Renditeansprüche sein, mit denen die Arbeitenden ausgepresst werden oder die Kapitalbasis geschmälert wird. Dasselbe gilt auch für überzogene Entlohnungsansprüche, die das Unternehmen schädigen.

Investmentbanker mit ihren übertriebenen Bonusforderungen haben hierfür ein abschreckendes Beispiel gegeben. Auch manche Vorstandsbezüge zeugen von einer verantwortungslosen Mentalität, mit der das Unternehmen, dem man doch dienen soll, ausgeplündert wird.

Woher stammt das Kapital? Es wird aus Ersparnissen gebildet und über Generationen angesammelt. Das geschieht durch Konsumverzicht.

Immer wenn Einkommen - Arbeitslohn oder Kapitaleinkünfte - nicht verbraucht, sondern angespart werden, bildet sich neues Kapital. Aber nur wenn es für die Erzeugung von handelbaren Gütern und Dienstleistungen verwendet wird, wirkt es produktiv und mehrt sich. Zwar zahlen auch Staaten auf ihre Anleihen Zinsen, aber sie erwirtschaften keine Kapitalrendite, so sinnvoll Ausgaben für Bildung oder Infrastruktur auch sein mögen. Sie müssen ihre Zinszahlungen mittels Steuereinnahmen bestreiten. Steuern aber können nur dann eingenommen werden, wenn der Unternehmenssektor floriert, wenn Arbeitseinkommen und Kapitaleinkünfte entstehen, die besteuert werden können. So beruht der gesamte Wohlstand auf Arbeit und auf der produktiven Verwendung von Kapital.

Verteufelung des Aktienhandels

Es gibt verschiedene Wege, auf denen Ersparnisse in den Unternehmenssektor gelangen und zu produktiv verwandtem Kapital werden können. Am einfachsten ist es, wenn der Inhaber sein eigenes Vermögen einsetzt. Doch diese Form der Finanzierung gerät sehr schnell an ihre Grenzen. Eine andere Möglichkeit ist die Finanzierung über das Bankensystem, über Bankkredit. Aber Kredit kann die Kapitalbasis eines Unternehmens zwar ergänzen, er kann niemals deren Kern bilden. An diesem Punkt kommt der Kapitalmarkt ins Spiel, speziell der Aktienmarkt.

Er ist die klassische Börse für die Vermittlung von haftendem Eigenkapital. Das ist seine zentrale Rolle im System der kapitalistischen Marktwirtschaft. Der Aktienmarkt verschafft einer Vielzahl von Sparern die Möglichkeit, ihre Ersparnisse zu investieren. Er erlaubt den Aktiengesellschaften, sich haftendes Eigenkapital zu besorgen, das im Gegensatz zum Kredit unternehmerisches Risiko trägt. Der Kapitalmarkt selbst ist nicht produktiv, aber er wird gebraucht, um Kapital in produktive Verwendung zu lenken.

Eigenkapital ist flexibler als Kredit. Bei einer Kreditfinanzierung gilt: Die Zinsen sind zu zahlen, in fester Höhe. Das Eigenkapital hingegen nimmt Teil an den Wechselfällen unternehmerischen Geschicks und am Auf und Ab der Märkte. Ist das Unternehmen erfolgreich, steigt die Eigenkapitalrendite an. Ein Teil des Gewinns kann den Kapitalrücklagen zugeführt werden, ein anderer Teil steht für Ausschüttungen an die Eigner zur Verfügung. Wendet sich das Glück, schrumpft die Rendite oder es fallen gar Verluste an. Diese verzehren einen Teil des eingesetzten Kapitals.

Oft wird dem Aktienmarkt vorgehalten, er vermittle gar kein Eigenkapital, am Aktienmarkt würden nur die Eigentumsrechte an längst verfügbarem Eigenkapital hin und her geschoben. Es werde dort auf Kursentwicklungen gewettet wie in einem Spielkasino, für die Unternehmen und deren Kapitalausstattung habe das keine Bedeutung. Wer so argumentiert, übersieht, dass es Aktien nur gibt, weil ursprünglich eine Kapitaleinlage geleistet wurde.

Beim Weiterverkauf einer Aktie wird ein Eigentumsanteil mit höchst realem Gehalt übertragen. Der Verkäufer der Aktie verlangt sein eingesetztes Kapital nicht von der Aktiengesellschaft zurück, er überträgt stattdessen das Eigentumsrecht auf einen neuen Inhaber, dieser tritt an die Stelle des alten. Der neue Aktionär hält nun einen Anteil am Stammkapital der Aktiengesellschaft, er schlüpft in die sozioökonomische Rolle eines Kapitalgebers und nimmt damit Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

Die in Deutschland immer wieder aufflammende Verteufelung von Aktionären und Aktienbesitz hat fatale Folgen. Viele Menschen bilden kein Produktivvermögen, weil sie darin kein erstrebenswertes Ziel sehen. So konzentriert sich der Besitz von Unternehmensanteilen in wenigen Händen. Noch weit ungleicher als die auseinanderklaffende Verteilung der Einkommen ist in Deutschland die Verteilung der Vermögen. Dass zwischen beiden ein enger Zusammenhang besteht, wird oft übersehen. Vermögenseinkünfte konzentrieren sich auf ein Drittel der Gesellschaft, dadurch werden die Einkommensunterschiede verschärft, das Wohlstandsgefälle nimmt zu.

"Wohlstand für alle" bleibt vage

Eine gleichmäßigere Verteilung der Vermögen hat für die Gesellschaft positive Effekte. Mehr Menschen fühlen sich als Teilhaber des Gemeinwesen und seiner Produktivkraft. Das stärkt ihr individuelles Verantwortungsbewusstsein und festigt den Zusammenhalt der Gesellschaft. Diese Teilhabe kann sich als Miteigentum am "eigenen" Unternehmen ausdrücken oder als diversifiziertes Miteigentum an vielen Unternehmen. Positive soziale Effekte sind in beiden Fällen zu erwarten. Soweit die Leitidee, die deutsche Wirklichkeit aber ist ernüchternd.

Die reichsten 5 Prozent der Deutschen verfügen fast über die Hälfte des gesamten Vermögens, genau sind es 46 Prozent. Weitere 45 Prozent des Vermögens sind in den Händen des nächsten Viertels der Bevölkerung, so dass 30 Prozent der Deutschen 91 Prozent des Vermögens auf sich konzentrieren. Lediglich 9 Prozent des Vermögens verbleiben für die überwältigende Mehrheit der Bürger. 70 Prozent der Deutschen besitzen kein oder nur ein sehr geringes Nettovermögen oder sind sogar verschuldet.

Das ist das niederschmetternde Ergebnis der jüngsten verfügbaren Studie, sie bildet die Verteilung Ende 2007 ab. Gängige Kennziffern "belegen eine statistisch signifikante Zunahme der Vermögensungleichheit", berichten die Autoren der Studie, die das Jahr 2007 mit dem Jahr 2002 verglichen haben. Sie geben den Ausblick, dass sich die Vermögensungleichheit weiter zuspitzen werde, weil sich neues Vermögen auf Basis vorhandenen Vermögens bilde. "Mit der jetzt geltenden Erbschaft- und Schenkungsteuerregelung wird die sozialstrukturelle Vermögensungleichheit weiter konserviert. Die zunehmende Vermögensungleichheit dürfte auch zu steigender Ungleichheit bei den laufenden Einkommen führen."

Die Politik in Deutschland hat dem Thema Vermögensverteilung in den vergangenen Jahrzehnten keine oder nur geringe Beachtung geschenkt. Alle Versuche, die Vermögensbildung in der Breite zu fördern, blieben halbherzig und zaghaft. Zwar hatte Ludwig Erhard in der Gründungsphase der Bundesrepublik das verlockende Credo "Wohlstand für alle" formuliert, aber es blieb vage, was genau damit intendiert war und auf welchem Weg man dorthin zu gelangen dachte. Im Laufe der Zeit ist die Volkspartei CDU immer kleinmütiger geworden und hat das Ziel Ludwig Erhards aus den Augen verloren - statt es zu konkretisieren und umzusetzen.

Die andere große Volkspartei, die SPD, hat auf die Umverteilung von Einkommen mit Hilfe des Steuersystems gesetzt und für den Ausbau des Sozialstaats gesorgt. Über die Ursachen von Einkommensungleichheit hat sie nicht nachgedacht. Ebenso wenig wie die Gewerkschaften, die ganz auf die Lohnpolitik setzten und die Gewinnbeteiligung scheuten, um ihre Mitglieder nicht zu "Kapitalisten" zu machen.

Magere Bilanz der Bildungspolitik

Diese Haltung übersah, dass Einkommensunterschiede im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückführen sind - auf Bildung und auf Vermögen. Beide Faktoren sind in Deutschland ziemlich ungleich verteilt und werden in den jeweiligen Familien an die nächste Generation weitergegeben. Die Bildung im Bildungsbürgertum, das materielle Vermögen im Besitzbürgertum: zwei soziale Gruppen, die sich teilweise überschneiden.

Der deutsche Staat, Bund wie Länder, haben sowohl in der Bildungspolitik als auch in der Vermögensbildungspolitik eine magere Bilanz vorzuweisen. Bildung bleibt weitgehend ein Privileg von Kindern gebildeter Eltern - die Ausnahmen sind nicht sehr zahlreich. Vermögen bleibt in den Händen wohlhabender Familien - der Aufstieg in diese Schicht bleibt wenigen Leistungsbereiten oder Glücklichen vorbehalten. Wer das kritisiert, wird pauschal mit dem Vorwurf des Sozialneids abgekanzelt.

Die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik ist ihrer Leitidee Soziale Marktwirtschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht näher gekommen, sie hat sich eher sogar etwas davon entfernt. Auch ist nichts Entscheidendes geschehen, um dem Credo "Wohlstand für alle" zum Durchbruch zu verhelfen. Man mag sich kaum vorstellen, wohin es führen kann, wenn auch in den kommenden Jahrzehnten keine Korrekturen erfolgen. Die Bundesrepublik würde sich nach und nach zu einer sozial instabilen Gesellschaft entwickeln - ohne Gemeinsinn und ohne Entwicklungspotential, zu einer Klassengesellschaft, wie wir sie nie gewollt haben. Korrekturen an der Bildungsverteilung oder an der Vermögensverteilung sind ein sehr langfristiger Prozess. In einer oder in zwei Legislaturperioden des Bundestags werden sich keine signifikanten Erfolge erzielen lassen.

Die Situation, wie wir sie heute vorfinden, hat sich über Generationen entwickelt, sie kann nur über Generationen verändert werden. Dabei kann es keineswegs darum gehen, alle gleichzumachen. Das Ziel sollte aber sein, die Menschen in Deutschland behutsam aneinander anzunähern - was ihr Bildungsniveau und was ihre Vermögensposition betrifft. So wie die Bundesrepublik im Jahr 1960 die Grundlage gelegt hat für die Vermögensverteilung des Jahres 2010, legen wir heute die Grundlage für die Verteilung des Wohlstands im Jahr 2060.

Der Schlüssel für die Korrektur der Vermögensverteilung liegt in der Beteiligung am Produktivvermögen, den im Unternehmenssektor "arbeitenden" Ersparnissen. Die Wohlhabenden in unserer Gesellschaft verdanken den überproportionalen Zuwachs ihrer Vermögen der Tatsache, dass sie Eigentümer von Produktivkapital sind. Entweder sind sie Inhaber von Unternehmen im Familienbesitz oder sie sind an Aktiengesellschaften beteiligt.

Eine breitere Streuung von Vermögen muss genau da ansetzen, wo Vermögen akkumuliert wird. Die Beteiligung am Produktivvermögen muss erleichtert und gefördert werden. Dabei geht es nicht um Umverteilung und schon gar nicht um Geschenke, sondern um Vermögensbildung, die einen eigenen Beitrag erfordert. In einem veränderten gesellschaftlichen Klima sollte dies als erstrebenswertes Ziel gelten. Denn wer Vermögen bildet, übernimmt Verantwortung nicht nur für die eigene wirtschaftliche und soziale Zukunft, sondern auch für die der Gesellschaft.

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