Toyotas Europa-Chef Arashima "Da habe ich große Angst"

Tadashi Arashima erwartet für den europäischen Automarkt keine schnelle Trendwende. Auch beim IAA-Topthema Elektroantrieb bleibt Toyotas Europa-Chef im Gespräch mit manager-magazin.de skeptisch. Gerade für die Käufer in den noch wachsenden Märkten der Schwellenländer werde diese Technologie noch lange Zeit unbezahlbar bleiben.
Von Arne Stuhr

mm.de: Herr Arashima, Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat - auch auf dieser IAA wieder - eindeutig das Ziel ausgegeben, Toyota  als größten Autohersteller der Welt ablösen zu wollen. Wie ernst nehmen Sie diese Ankündigung, und wie werden Sie darauf reagieren?

Arashima: Wir haben - auch intern - niemals das Ziel ausgegeben, die weltweite Nummer eins sein zu wollen. Und somit spielt es für uns auch keine Rolle, ob Volkswagen nun bei der Anzahl der verkauften Autos an Toyota vorbeiziehen wird oder nicht. Wir geben unser Bestes, um kontinuierlich zu wachsen. Unsere Strategie wird dabei nicht davon bestimmt, was unsere Wettbewerber machen.

mm.de: Also kein konkreter Abwehrplan von Toyota gegen VW?

Arashima: Nein.

mm.de: Dann lassen Sie mich es anders versuchen. Das Topthema auf der IAA 2009 sind die Elektroautos. Welche Rolle wird diese neue Antriebsart beim Kampf um die Branchenführerschaft spielen?

Arashima: Natürlich haben auch wir das Potenzial der Elektroautos erkannt, zum Beispiel im innerstädtischen Einsatz. Wir glauben aber nicht, dass reine Elektroautos die herkömmlichen Fahrzeuge komplett ersetzen werden. Die hohen Kosten für die Batterie und die geringen Reichweiten sprechen dagegen. Wir glauben daher, dass nach wie vor der Hybridantrieb eine sehr überlebensfähige Lösung ist, um eine Balance zwischen Preis, Benutzerfreundlichkeit und CO2-Reduzierung zu erzielen. Das Elektroauto wird seinen Markt haben, der aber auch in Zukunft recht klein bleiben wird.

mm.de: Das klingt fast so, als wollten Ihre Wettbewerber mit dem Elektroauto vor allem Marketing betreiben. Kopiert die Konkurrenz also Ihre erfolgreiche Hybridkampagne der vergangenen Jahre?

Arashima: Da ist durchaus etwas dran. Denn wie bereits gesagt, Elektroautos werden auch künftig nicht in der Lage sein, die bestehenden Fahrzeuge komplett zu ersetzen.

mm.de: Toyota hat ja bereits Millionen von Hybridfahrzeugen verkauft. Welche anderen alternativen Technologien spielen in Ihrer Planung noch eine Rolle?

Arashima: Wir arbeiten da an den verschiedensten Technologien. So haben wir neben den limitierten Einsatzmöglichkeiten des Elektroautos auch die Brennstoffzelle im Blick. Aber noch einmal, für mindestens die nächsten zehn Jahre wird der Hybridantrieb aus Kosten- und Praktikabilitätsgründen die Haupttechnologie bleiben.

"Nordamerika dürfte sich als erster Markt wieder fangen"

mm.de: Trauen Sie sich eine Prognose zu, wie lange es noch dauern wird, bis die alternativen Antriebstechniken die konventionellen bei den Marktanteilen überholt haben werden?

Arashima: Die konventionellen Antriebe werden in den kommenden Jahren noch einmal effizienter werden und dank der Hybridtechnologie bei geringerem CO2-Ausstoß auch nichts an Leistung einbüßen. Das hat natürlich seinen Preis, und wenn Sie den Blick auf den Weltmarkt richten, gibt es sehr viele Menschen, die sich den Technologieaufschlag eben nicht leisten können. Um aber auch diesen Leuten ein Basistransportmittel anbieten zu können, wird der bekannte Verbrennungsmotor uns dort erhalten bleiben. In den hochentwickelten Ländern dürfte es etwas anders aussehen.

mm.de: Der vor einigen Jahren ausgerufene Trend zum Billigauto - Stichwort Tata Nano - und der nun ausgerufene E-Hype passen demnach nicht wirklich zusammen.

Arashima: Für uns als Toyota gibt es keine Möglichkeit mit Fahrzeugen auf dem Preisniveau eines Nano zu konkurrieren. Das ist so und wird auch so bleiben. Das Beispiel Dacia zeigt aber, dass das Segment in der Zukunft durchaus Potenzial hat. Auch Toyota versucht, auf Märkten wie zum Beispiel Indien oder anderen Entwicklungsländern mitzumischen. Für den europäischen Markt gibt es allerdings keine Pläne, solche Fahrzeuge anzubieten.

mm.de: Wo Sie schon bei den Märkten sind. Für Toyota ist Nordamerika sicherlich der wichtigste. Wann werden wir dort die Trendwende sehen?

Arashima: Einige Beobachter haben dort bereits erste Erholungszeichen ausgemacht. Soweit ich es beurteilen kann, dürfte Nordamerika der erste Markt sein, der sich wieder fangen wird.

mm.de: Und wie lautet Ihre Prognose für das von Ihnen bei Toyota verantwortete "Nach-Abwrackprämien-Europa"?

Arashima: Da habe ich große Angst. Wir befürchten, dass der Absatzrückgang noch mehrere Monate anhalten wird.

mm.de: Könnten daraus auch mehrere Jahre werden?

Arashima: Das hängt von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ab. Ich hoffe, dass die Zuversicht der Kunden und die Lust aufs Geldausgeben in der zweiten Jahreshälfte 2010 aufgrund wieder sinkender Arbeitslosenzahlen und einer weiteren Stabilisierung des Finanzsystems zurückkehren werden.

"Eine sehr europäische Frage"

mm.de: Haben Sie eigentlich die Befürchtung, dass die individuelle Mobilität ganz unabhängig von konjunkturellen Einflüssen eines Tages ihre Faszination einbüßen könnte?

Arashima: Aus meiner japanischen Sicht ist das eine sehr europäische Frage. Denn die Europäer gehen an das Thema Auto mit viel mehr Leidenschaft heran als zum Beispiel meine Landsleute. Wichtiger wird aus meiner Sicht sein, für die verschiedenen Lebensphasen und Lebensstile der Menschen die richtigen Fahrzeuge anzubieten. Es geht also zum Beispiel darum, ob kleine Kinder im Haushalt sind oder ältere Menschen und welche Hobbys und Freizeitaktivitäten sie haben. Ich als Golfspieler zum Beispiel habe sehr konkrete Anforderungen an ein Auto. Nein, ich habe keine Angst und traue dem Auto noch viel zu.

mm.de: Nur wenige Hersteller werden in der Lage sein, eine derart weite Palette an Fahrzeugen im Angebot zu haben. Stehen wir vor der nächsten Konsolidierungswelle?

Arashima: Das weiß ich nicht. Da müssen Sie schon unsere Wettbewerber selbst nach ihrer Strategie fragen. Bei Toyota zumindest stehen weder eine Fusion noch eine Übernahme an.

mm.de: Letzte Frage. Wann schreibt Toyota wieder schwarze Zahlen?

Arashima: Wir haben da noch keine abschließende Einschätzung. Aber Tatsache ist, dass wir im abgelaufenen Geschäftsjahr Geld verloren haben und wahrscheinlich auch im laufenden Geschäftsjahr Geld verlieren werden. Unsere Hoffnung ist nun, dass zwei Jahren im Minus kein drittes folgen wird, und wir im nächsten Geschäftsjahr, das bei uns am 1. April 2010 beginnt, wieder Break-even sein werden.

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