Donnerstag, 19. September 2019

Zukunftsforscher Friedman "Chinas Banken am Rande des Kollapses"

Steht Chinas Wirtschaft vor einer großen Krise? Oder geht der Boom - passend zu den Feierlichkeiten anlässlich der Proklamation der Volksrepublik durch Mao vor 60 Jahren - weiter? Die Antwort von US-Zukunftsforscher George Friedman ist eindeutig. Der Chef des Infodienstes Stratfor sagt im Interview mit manager-magazin.de voraus, dass im Reich des roten Kapitalismus die nächste große Asien-Krise heraufzieht.

mm.de: Herr Friedman, in der aktuellen Ausgabe des manager magazins (Heft 10/2009) beschäftigten wir uns mit den Überhitzungserscheinungen der chinesischen Volkswirtschaft, die deutliche Züge einer Blase tragen. Viele westliche Geschäftsleute und Ökonomen setzen nach wie vor große Hoffnungen auf die Dynamik in China. Zu Recht?

George Friedman ist Gründer und Leiter des privaten Informationsdienstes Stratfor. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zu den Themen Sicherheitspolitik, Nachrichtenwesen und Technologie veröffentlicht. Zuletzt erschien vom ihm "Die nächsten 100 Jahre" (Campus Verlag, 22,90 Euro).
Friedman: Besser nicht - die Wachstumsrate sagt überhaupt nichts über den Zustand einer Volkswirtschaft aus.

mm.de: Wie steht die chinesische Wirtschaft denn da?

Friedman: Auf tönernen Füßen. Die Unternehmen werden fast ausschließlich von Banken finanziert. Sie sind deshalb weniger daran interessiert, Gewinne zu erzielen, als Cashflow zu erzeugen, damit sie ihre Schulden bedienen können. Deshalb versuchen sie, so viel wie möglich so schnell wie möglich zu verkaufen. Sehr erfolgreich - wie der hohe Exportüberschuss zeigt.

mm.de: Was soll daran so schlimm sein?

Friedman: In China gibt es keinen Marktmechanismus zur Allokation des Kapitals. Die Chinesen können ihr Geld nur in staatlichen Banken zu sehr geringen Zinsen deponieren. Diese Banken vergeben dann Kredite an staatliche kontrollierte oder beeinflusste Unternehmen - mehr nach Beziehungen und Willfährigkeit denn nach Gewinninteresse.

mm.de: Okay, das ist nicht die reine Marktwirtschaft. Aber bislang hat das System doch erfolgreich funktioniert.

Mehr zum Thema in: manager magazin 10/2009

Die China-Blase
Das größte Schwellenland erlebt einen gigantischen staatlich befeuerten Boom. Steht China vor dem Kollaps? Oder geht der Boom weiter? Lesen Sie mehr zum Thema im manager magazin, Heft 10/2009, ab Seite 96 und diskutieren Sie mit im mm-China-Forum.

Friedman Nur solange die Firmen wachsen. Geht das Wachstum zurück - so wie jetzt durch die Rezession in den Abnehmerländern -, entstehen massenhaft faule Kredite. Das Finanzsystem kollabiert langsam, aber sicher - so wie in der ersten Asien-Krise Anfang der 90er Jahren in Japan. Dort galten damals Kredite im Umfang von 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts als schlecht. In China beträgt das Verhältnis derzeit 30 bis 40 Prozent. Das ist wie Japan auf Speed.

mm.de: Aber China verfügt doch über massenhaft Reserven - allein mehr als 2000 Milliarden Dollar an Währungsrücklagen, das meiste davon in US-Staatspapieren. Warum sollte die Wirtschaft die faulen Kredite nicht verkraften können?

Friedman: Hohe Dollar-Reserven sind ein ganz schlechtes Zeichen. Sie bedeuten nämlich, dass sich im Land selbst keine interessanten Anlagemöglichkeiten für das Geld bieten. Statt in China zu investieren, legen die Chinesen ihr Geld lieber in afrikanischen Minen oder amerikanischen Schatzwechsel an.

mm.de: Warum sind dann europäische und amerikanische Unternehmen so scharf darauf, in China zu investieren?

Friedman: Weil sie dort giganische Marktchancen wittern. Sie sehen ein Volk von 1,3 Milliarden Menschen. Sie sehen die Millionäre in den Küstenstädten, die sich Mercedes und Maserati kaufen.

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