TV-Duell "Steinmeier hat über Bande gepunktet"

Als äußerst brav empfanden viele Zuschauer das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Der Herausforderer habe dennoch einen Achtungserfolg erzielt, meint Kommunikationsexperte Ulrich Sollmann: Steinmeier machte nicht den Fehler, die Kanzlerin direkt anzugreifen. Stattdessen gelang es ihm, indirekte Treffer zu setzen.

mm.de: Herr Sollmann, hat das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier den Namen "Duell" verdient?

Sollmann: Es war nicht das erwartete Duell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer. Stattdessen wurde es ein Duell zwischen den beiden Politikern auf der einen und den vier Journalisten auf der anderen Seite. Und in diesem Duell hat Steinmeier ganz klar gepunktet.

mm.de: Auf welche Weise?

Sollmann: Schauen Sie sich an, wie unterschiedlich die beiden reagiert haben, als sie von den Moderatoren unterbrochen wurden. Merkel hat sich gleich bei der ersten Unterbrechung dagegen verwahrt und gleichsam an eine dritte Instanz appelliert, man möge sie doch ausreden lassen. Das zeigt, wie extrem angespannt sie war.

Steinmeier dagegen hat die Herausforderung durch die vier Moderatoren angenommen. Er hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, seinen Satz jeweils zu Ende gesprochen und dann die Fragesteller kommen lassen. Dann hat er zum Beispiel mit Gegenfragen, Lächeln, aber auch mit harter Gegenwehr reagiert. Damit hat er gezeigt, dass er unter Stress souveräner reagiert.

mm.de: Vielen Zuschauern erschienen die beiden zu brav, zu harmonisch. Hätte Steinmeier als Herausforderer nicht aggressiver gegenüber der Kanzlerin auftreten müssen?

Sollmann: Jeder direkte Angriff auf Merkel, die in der Öffentlichkeit hohe Sympathiewerte genießt, wäre nach hinten losgegangen. Stattdessen hat Steinmeier etwas sehr Riskantes getan und sich der Konfrontation mit den Journalisten gestellt. Auf diese Weise konnte er sich als Angreifer positionieren, ohne Merkel direkt anzugreifen. Er hat sehr geschickt über Bande gespielt und auf diese Art gepunktet: Er hat sich zum Beispiel an die Moderatoren gewandt mit der Bemerkung, dass man mit zum Ausgleich der von der Union geplanten Steuersenkungen 9 Prozent Wachstum brauche. Dass diese Forderungen vom politischen Gegner kommen, hat er mit einem Halbsatz erledigt. Das war sehr geschickt - gleichsam ein Treffer ohne direkten Angriff.

mm.de: Wo sehen Sie die Stärken der Kanzlerin?

Sollmann: Merkel ist in der direkten Ansprache stark. Sie argumentiert schlüssig, sachlich und wirkt dabei sehr souverän. Ihre Stärke liegt im Zweiergespräch - darum hat Steinmeier eine solche Situation auch bewusst vermieden. Auf einer Bühne, die sie nicht kontrollieren kann, fühlt sich die Kanzlerin jedoch unwohl - das hat man auch auf der nonverbalen Ebene gesehen.

mm.de: Hätte man beim TV-Duell den Ton abgestellt - was hätte man gesehen?

Sollmann: Zunächst eine Kanzlerin, die entspannt und souverän wirkt, so lange man nicht ihren Redefluss stört. Sie hat ihren Herausforderer jedoch nur selten direkt angeschaut, sich körperlich nur minimal ihm zugewandt: Das wirkte unsicher, da hätte sie nonverbal mehr Stärke zeigen müssen. Steinmeier dagegen hat Terrain gewonnen, indem er sich auch mit seinen Armbewegungen Richtung Merkel geöffnet, sich halb gedreht und ihr zugewandt hat.

mm.de: Wirkte Kanzlerin Merkel so souverän, wie ihre Parteifreunde finden, dass sie Deutschland regiert?

Sollmann: Merkels Mimik war bei manchen Bemerkungen erbost und verärgert: Das ist menschlich verständlich, aber von einer Kanzlerin erwartet man, dass sie auch unter Stress ihre Mimik zu jeder Sekunde im Griff hat. So souverän, klar und konkret sie im Zweiergespräch auch ist - sie wirkt unsicher, wenn sie in eine vielschichtige, nicht mehr kontrollierbare Kommunikationssituation gerät.

Die Kanzlerin und die Bankerboni

mm.de: Wer wirkte rhetorisch besser?

Sollmann: Beide sind Profis, beide hatten ihre starken und schwächeren Momente. Steinmeier ist es jedoch besser gelungen, mit der Forderung nach "sozialer Gerechtigkeit" ein Leitmotiv aufzunehmen, das einer der zentralen Positionen seiner Partei entspricht. Merkel dagegen hat diese Chance verpasst, als sie zum Beispiel während der Diskussion um die Bankerboni überwiegend davon sprach, dass man sich "international abstimmen" müsse.

mm.de: Hätte man von ihr denn etwas anderes erwarten dürfen? Die gesamte Diskussion der vergangenen Wochen konzentrierte sich doch auf die Bonuszahlungen, statt auf die Reformen des Finanzwesens. Die Anreizstruktur im Schalterverkauf der Banken, der einfachen Angestellten beispielsweise, wurde völlig ausgespart.

Sollmann: Das mag sachlich richtig sein, jedoch hätte sie an dieser Stelle auch an christlich-soziale Werte oder an die Moral appellieren können, um zentrale Positionen der Union aufzunehmen und damit ihre Wähler stärker ansprechen zu können. Da wirkte sie eher pragmatisch, während Steinmeier näher an die Seele seiner Partei gerückt ist.

mm.de: Wie wirkten die Schlussstatements?

Sollmann: Auch wenn beide etwas auswendig gelernt und aufgesagt wirkten - beides waren rhetorisch gut aufgebaute, wenn auch sehr unterschiedliche Statements. Steinmeier nahm sein Leitmotiv "soziale Gerechtigkeit" wieder auf und warb für sich als Diener seiner Partei. Merkel stellte stärker auf die eigene Person und das "ich" ab: Ich bin die Kanzlerin, ich habe schwierige Zeiten gemeistert, mir und der Union geht es um wichtige Zukunftsfragen wie Bildung und Arbeit, und deshalb, lieber Wähler, geben Sie mir Ihre Stimme. Sie selbst war die Klammer für ihr Schlussstatement, und auch das ist gut rübergekommen.

mm.de: Was würden Sie beiden Kandidaten für die kommenden zwei Wochen raten?

Sollmann: Merkel sollte das TV-Duell einfach abhaken und sich bis zur Wahl auf ihre Stärken und ihre Souveränität konzentrieren. Steinmeier sollte den positiven Impuls, den er durch das Duell bekommen hat, aufnehmen und diese persönliche Anspannung mit in die Schlussphase des Wahlkampfs nehmen: Er sollte nun aggressiv auf die Union losgehen und damit - erneut über Bande - indirekt die Kanzlerin attackieren.

mm.de: Welche Bedeutung hat das Duell somit Ihrer Meinung nach für den Ausgang der Bundestagswahl?

Sollmann: Jetzt wird sich zeigen, ob sich die in den Umfragen führende CDU von dem TV-Duell verunsichern lässt. Steinmeier hat sich im Duell auf Augenhöhe mit der Kanzlerin präsentiert, und das ist für ihn ein Überraschungserfolg. Mehr war für ihn nicht drin.

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