Donnerstag, 27. Juni 2019

TV-Duell "Steinmeier hat über Bande gepunktet"

Als äußerst brav empfanden viele Zuschauer das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Der Herausforderer habe dennoch einen Achtungserfolg erzielt, meint Kommunikationsexperte Ulrich Sollmann: Steinmeier machte nicht den Fehler, die Kanzlerin direkt anzugreifen. Stattdessen gelang es ihm, indirekte Treffer zu setzen.

mm.de: Herr Sollmann, hat das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier den Namen "Duell" verdient?

Ulrich Sollmann ist Psychotherapeut, Coach und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Keese & Sollmann. Seit Jahren beobachtet er die Körpersprache von Politikern und Managern. Zu seinen Kunden zählen unter anderem Daimler, die Deutsche Bank, RWE und die Vereinten Nationen.
Sollmann: Es war nicht das erwartete Duell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer. Stattdessen wurde es ein Duell zwischen den beiden Politikern auf der einen und den vier Journalisten auf der anderen Seite. Und in diesem Duell hat Steinmeier ganz klar gepunktet.

mm.de: Auf welche Weise?

Sollmann: Schauen Sie sich an, wie unterschiedlich die beiden reagiert haben, als sie von den Moderatoren unterbrochen wurden. Merkel hat sich gleich bei der ersten Unterbrechung dagegen verwahrt und gleichsam an eine dritte Instanz appelliert, man möge sie doch ausreden lassen. Das zeigt, wie extrem angespannt sie war.

Steinmeier dagegen hat die Herausforderung durch die vier Moderatoren angenommen. Er hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, seinen Satz jeweils zu Ende gesprochen und dann die Fragesteller kommen lassen. Dann hat er zum Beispiel mit Gegenfragen, Lächeln, aber auch mit harter Gegenwehr reagiert. Damit hat er gezeigt, dass er unter Stress souveräner reagiert.

mm.de: Vielen Zuschauern erschienen die beiden zu brav, zu harmonisch. Hätte Steinmeier als Herausforderer nicht aggressiver gegenüber der Kanzlerin auftreten müssen?

Kanzler oder Kanzlerin?

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Sollmann: Jeder direkte Angriff auf Merkel, die in der Öffentlichkeit hohe Sympathiewerte genießt, wäre nach hinten losgegangen. Stattdessen hat Steinmeier etwas sehr Riskantes getan und sich der Konfrontation mit den Journalisten gestellt. Auf diese Weise konnte er sich als Angreifer positionieren, ohne Merkel direkt anzugreifen. Er hat sehr geschickt über Bande gespielt und auf diese Art gepunktet: Er hat sich zum Beispiel an die Moderatoren gewandt mit der Bemerkung, dass man mit zum Ausgleich der von der Union geplanten Steuersenkungen 9 Prozent Wachstum brauche. Dass diese Forderungen vom politischen Gegner kommen, hat er mit einem Halbsatz erledigt. Das war sehr geschickt - gleichsam ein Treffer ohne direkten Angriff.

mm.de: Wo sehen Sie die Stärken der Kanzlerin?

Sollmann: Merkel ist in der direkten Ansprache stark. Sie argumentiert schlüssig, sachlich und wirkt dabei sehr souverän. Ihre Stärke liegt im Zweiergespräch - darum hat Steinmeier eine solche Situation auch bewusst vermieden. Auf einer Bühne, die sie nicht kontrollieren kann, fühlt sich die Kanzlerin jedoch unwohl - das hat man auch auf der nonverbalen Ebene gesehen.

mm.de: Hätte man beim TV-Duell den Ton abgestellt - was hätte man gesehen?

Sollmann: Zunächst eine Kanzlerin, die entspannt und souverän wirkt, so lange man nicht ihren Redefluss stört. Sie hat ihren Herausforderer jedoch nur selten direkt angeschaut, sich körperlich nur minimal ihm zugewandt: Das wirkte unsicher, da hätte sie nonverbal mehr Stärke zeigen müssen. Steinmeier dagegen hat Terrain gewonnen, indem er sich auch mit seinen Armbewegungen Richtung Merkel geöffnet, sich halb gedreht und ihr zugewandt hat.

mm.de: Wirkte Kanzlerin Merkel so souverän, wie ihre Parteifreunde finden, dass sie Deutschland regiert?

Sollmann: Merkels Mimik war bei manchen Bemerkungen erbost und verärgert: Das ist menschlich verständlich, aber von einer Kanzlerin erwartet man, dass sie auch unter Stress ihre Mimik zu jeder Sekunde im Griff hat. So souverän, klar und konkret sie im Zweiergespräch auch ist - sie wirkt unsicher, wenn sie in eine vielschichtige, nicht mehr kontrollierbare Kommunikationssituation gerät.

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