Der Kampf ums Brot Dürre und Wasser

Ein halbes Jahr ist mm-Reporter Wolfgang Hirn um die Welt gereist, um sich ein Bild von der globalen Ernährungssituation zu machen. Lesen Sie im zweiten Auszug aus seinem neuen Buch "Der Kampf ums Brot", welche Folgen es hat, dass die nassen Regionen noch feuchter und die trockenen Gegenden noch trockener werden.

Es war im Februar 2009: Ich hatte gerade die nahezu unerträgliche Jahrhunderthitze Australiens verlassen und landete wenige Tage später in Peking. Dort war das große Thema die andauernde Dürreperiode in den wichtigen Agrarprovinzen südlich der chinesischen Hauptstadt. "So schlimm war es seit Jahren nicht mehr", schrieb die "China Daily". Nach der Lektüre des Blattes griff ich zur "International Herald Tribune" und las dort die Schlagzeile "Schlimmste Dürre in Argentinien seit 70 Jahren".

Gleichzeitig historische Trockenperioden in Argentinien, Australien und China - war das ein Zufall? Fast in jedem Land, wo ich war, war das Wetter ein großes Thema. Nicht, weil es so toll, sondern weil es so katastrophal war. Ich hörte und las von Dürren und Überschwemmungen sowie dem sehnsüchtigen Warten auf den Regen. Besonders bei den Bauern in aller Welt war das Wetter natürlich das Tagesthema.

Kein Wirtschaftszweig ist so wetterabhängig wie die Landwirtschaft. Keine Berufsgruppe wird deshalb so existentiell betroffen sein vom Klimawandel wie die Bauern. Beide Standardwerke zum Klimawandel - der voluminöse Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)und der britische Stern-Report - haben übereinstimmend festgestellt, dass die Landwirtschaft massiv unter der globalen Erwärmung leiden wird.

Vereinfacht kann man sagen: Die nassen Regionen werden noch feuchter, die trockenen Gegenden noch trockener. Es wird also mehr Dürren geben, aber auch mehr Überschwemmungen.

Die Zahl der Naturkatastrophen, wie zum Beispiel Taifune oder Zyklone, wird weiter zunehmen. Nach Zahlen des Centre for Research on the Epidemiology of Disasters (CRED) stieg die jährliche Zahl der Naturkatastrophen von 200 bis 250 Mitte der 90er Jahre auf 400 bis 450 in den Jahren 2000 bis 2005. Mit 483 Katastrophen wurde im Jahr 2006 ein Rekord erreicht.

Zusätzlich zu dieser katastrophalen Lage droht weiteres Unheil durch: - steigende Meereswasserspiegel. Sie werden viele Länder bedrohen und deren küstennahe Landwirtschaft vernichten.

Bangladesch zum Beispiel wird davon extrem betroffen sein, aber auch Vietnam und andere südostasiatische Länder.

  • schmelzende Himalaya-Gletscher. Das Schmelzwasser versorgte bislang die großen Flüsse (und damit auch die angrenzenden Felder) der beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Welt, China und Indien. Wenn dieses Wasser in zwei, drei Jahrzehnten ausbleibt (wovon die Klimaforscher ausgehen), werden Flüsse wie der Indus und der Ganges oder der Yangtze und der Gelbe Fluss zu Rinnsalen.
  • neue Krankheiten für Tiere und Pflanzen. Durch die Erwärmung gedeihen jede Menge neue Insekten und Pilze, die Pflanzen und Tiere attackieren. Bislang wurden diesen neuen Angriffen relativ wenig Beachtung geschenkt. Doch die UN-Umweltorganisation UNEP warnt: "Das ist eine große Gefahr für die Nahrungsmittelproduktion." Die Folgen des Klimawandels sind enorm. Die landwirtschaftlichen Anbaugebiete werden sich Richtung Norden verschieben.

Bananen und Melonen aus Deutschland

Rattan Lal, Bodenexperte an der Ohio State University, macht folgende Rechnung auf: "Bei jedem Grad Temperaturanstieg wandern diese Zonen rund 150 Meilen nach Norden." Bald wird man also in Alaska, Grönland und Sibirien Gemüse anbauen können, in England wachsen Weintrauben, und in Deutschland reifen Bananen und Melonen. In der Tat: Die Landwirtschaft im Norden der nördlichen Halbkugel wird der Gewinner sein. Die vielen Verlierer sind die Bauern im Süden.

Australien, ein wichtiges Agrarexportland, wird dann nichts mehr zu exportieren haben. Besonders betroffen werden jedoch Afrika und Asien sein, und dort vor allem Südasien, also Indien, Pakistan und Bangladesch.

Wissenschaftler wie internationale Organisationen sehen deshalb für die Bauern fast nur negative Folgen durch weltweit höhere Temperaturen: - Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri warnt, dass die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft um 50 Prozent zurückgehen werde.

  • Die FAO schätzt, dass in 65 Entwicklungsländern die Getreideproduktion aufgrund des Klimawandels sinken wird.
  • Die Weltbank prognostiziert, dass sich die Erträge in der südamerikanischen Landwirtschaft bis zum Ende des Jahrhunderts um 12 bis 50 Prozent verringern werden.
  • das Reisinstitut IRRI meldet, dass ein Grad Temperaturanstieg die Reisernten weltweit um 15 Prozent reduzieren werde.

Die UNEP zog einen Schlussstrich unter all diese Projektionen und kam zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahre 2050 ein Viertel der globalen Nahrungsmittelproduktion durch Umweltschäden verlorengeht. Das ist eine alarmierende Zahl, denn wir brauchen ja mehr und nicht weniger Nahrung.

Die Wissenschaftler versuchen zu reagieren und arbeiten an neuen Pflanzen, die trotz Dürren und Überschwemmungen gedeihen können. Doch ob und wann solche Wunderpflanzen den Weg aus den Labors auf die Felder finden werden, ist ungewiss. Die Bauern und auch deren Funktionäre stecken derweil den Kopf in den Sand. Sie sagen, das Wetter sei schon immer launisch gewesen, warum also die Aufregung? Die Bauern reagieren so, wie sich seit Jahrhunderten immer wieder den Widrigkeiten des Wetters angepasst haben. Doch diesmal "steht zu befürchten, dass die Geschwindigkeit und die Stärke des Klimawandels die Anpassungsfähigkeit der Landwirtschaft übersteigt", schreibt der Deutsche Bauernverband in seinem Klima-Report.

Von wegen prima Klima

Die Stanford University, rund 60 Kilometer südlich von San Francisco gelegen, ist eine grüne Oase. Es riecht nach frischgemähtem Gras, es duftet nach Pinien. Der weitläufige Campus dieser berühmten Universität ist sicher einer der schönsten der Welt. Für (die wenigen) Autos gilt ein Tempolimit von 15 Meilen, viele Studenten sind mit dem Rad oder einem Tretroller unterwegs. In dieser Idylle kann man noch im wahrsten Sinne des Worte in Ruhe forschen.

David Lobell ist einer dieser Forscher, die dieses Privileg genießen dürfen. Ich treffe den Geologen im sogenannten Y2E2 Building, Zimmer 367. Lobells Forschungsthema ist Food Security and Environment. Er geht der weltbewegenden Frage nach, wie der Klimawandel die Nahrungsmittelproduktion beeinflussen wird. Dass das Klima Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben wird, ist nicht mehr umstritten. Jetzt geht es "nur" noch um das Ausmaß. Lobell sagt, in der wissenschaftlichen Community sei "Konsens, dass es in Zukunft wärmer wird". Die damals außergewöhnliche europäische Rekordhitze im Jahre 2003, als in Frankreich viele Menschen starben, könnte künftig die Norm werden. Man sei sich auch einig, dass in gewissen Regionen die Regenfälle an Heftigkeit zunehmen werden. Und das alles werde mehr negative wie positive Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben.

Indien und Australien - die großen Verlierer?

Welche Auswirkungen die Klimaveränderungen auf die globale Nahrungsmittelproduktion haben werden, hat Lobell gerade mit Kollegen der Stanford University und der University of Washington untersucht. Teams beider Hochschulen haben eine neue Studie erstellt. Sie erzielte weltweit große Aufmerksamkeit, als sie im Januar 2009 in der Zeitschrift "Science" präsentiert wurde. Gleich der erste Satz dort klingt alarmierend: "Höhere Temperaturen können dramatische Auswirkungen auf die Produktivität, die Einkommen der Bauern und die Ernährungssicherheit haben."

Die Klimaforscher haben eine neue Rechnung aufgemacht. Steigt die Temperatur um ein Grad, sinken die Erträge der wichtigsten Getreidearten zwischen 2,5 und 16 Prozent. Hochgerechnet bedeutet das, dass bis zum Ende des Jahrhunderts die Erträge beispielsweise von Reis und Mais um 20 bis 40 Prozent fallen könnten. Die Autoren der Studie sind angesichts dieser Zahlen überzeugt, dass die hohen Temperaturen die Fähigkeit der Welt, sich selbst zu ernähren, vermindern werden. Rosamond Naylor, Chefin und Kollegin von David Lobell in Stanford, sagt: "Ich bin sehr besorgt. Ich frage mich, wie wir angesichts dieser Auswirkungen des Klimawandels acht oder neun Milliarden Menschen ernähren können."

Die Studie wird nicht konkret, was die Betroffenheit von Regionen und Ländern anbetrifft. Sie nennt keine Gewinner und keine Verlierer des Klimawandels. Diese Arbeit hat sich William Cline gemacht. Der ältere Herr ist Ökonom am renommierten Peterson Institute in Washington.

Seit 20 Jahren untersucht er, welche Auswirkungen die globale Erwärmung auf die Wirtschaft hat, und seit ein paar Jahren beschäftigt er sich insbesondere mit den Folgen für die Landwirtschaft. Sein allgemeines Fazit: "Der Klimawandel wird in der Landwirtschaft großen Schaden anrichten." Nachdem er diesen Satz gesagt hat, holt er sein vor kurzem erschienenes Büchlein Global Warming and Agriculture aus dem Regal in seinem Büro und schlägt die Seite 96 auf. Dort ist eine von ihm erstellte Tabelle abgedruckt, die zeigt, wie sich in verschiedenen Regionen der Welt die landwirtschaftliche Produktion bis 2080 verändern wird. Was sofort auffällt: Überall stehen Minuszeichen vor den Zahlen.

Bei näherem Hinsehen kann ich große Unterschiede entdecken. Ein relativ kleines Minus steht bei den Industrieländern, ein sehr großes bei den Regionen Afrika, Lateinamerika, Naher Osten und Asien. In all diesen Regionen rechnet Cline mit einem Ernterückgang um 20 bis 25 Prozent. "Der große Verlierer" mit Einbußen zwischen 30 und 40 Prozent ist für ihn Indien. Und dann kommt Australien.

Ohne Wasser kein Essen

Morgens eine Dusche, tagsüber ein paarmal Hände waschen, zwischendurch mehrmals auf der Toilette die Wasserspülung drücken, und dann noch die paar Liter, die wir trinken. Mehr Wasser verbrauchen wir doch täglich nicht, oder? So denkt der durchschnittliche Verbraucher, wenn er nicht nachdenkt. Wir verbrauchen aber viel mehr Wasser, als wir uns vorstellen. Sozusagen virtuelles Wasser. Wasser, das wir nicht sehen. Wasser, das in unserer Nahrung steckt.

Um zum Beispiel ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen, werden zwischen 15.000 und 20.000 Liter Wasser benötigt. Ein Kilo Camembert verschluckt bei der Produktion 5000 Liter, und ein Kilogramm Gemüse braucht zum Wachsen und Gedeihen rund 1000 Liter. Wenn wir das alles einberechnen, dann verbrauchen wir durchschnittlichen Konsumenten im Westen täglich 2500 bis 3000 Liter Wasser. Als Faustregel gilt: Hinter jeder Kalorie, die wir täglich zu uns nehmen, steckt ein Liter Wasser. Nur 130 Liter verbrauchen wir direkt aus dem Wasserhahn oder dem Duschkopf.

"Die Wasserkrise verschärft sich überall"

Was sich die wenigsten vorstellen können: Die Landwirtschaft ist bei weitem der größte Wasserverbraucher der Welt. Rund 70 Prozent unseres Wassers fließt in die Landwirtschaft (nur 10 Prozent verbrauchen wir Konsumenten, 20 Prozent die Industrie). Das meiste davon geht in die Bewässerung, denn weltweit wird fast die Hälfte aller Äcker, Weiden und Reisfelder bewässert.

Da wir aufgrund der stetig steigenden Bevölkerungszahl immer mehr Nahrungsmittel brauchen, benötigen wir also auch immer mehr Wasser. Nach Einschätzung der UNEP wird sich bis 2050 die Wassernachfrage verdoppeln. Nur weiß niemand, woher das Mehr an Wasser kommen soll. "Der Mangel an Wasser ist der hemmende Faktor, um Nahrung für Hunderte von Millionen Menschen zu produzieren", schreibt das International Water Management Institute (IWMI) in seinem Bericht Water for Food, Water for Life, an dem über 700 Wissenschaftler aus aller Welt mitgearbeitet haben.

Zur Ernährungskrise gesellt sich also die Wasserkrise. Eine Krise, die aber vor allem im Westen gerne ignoriert und verdrängt wird. Wasser kommt aus der Leitung, ist stets da, wenn man den Hahn aufdreht, und ist unheimlich billig. Warum soll dieser stets flüssige Stoff knapp sein? Alle Welt redet und schreibt von Peak Oil, also dem Zeitpunkt, ab dem die Ölproduktion auf der Welt kontinuierlich abnehmen wird. Dabei gibt es wahrscheinlich auch einen Peak Water. "Wasser könnte schneller als Öl aufgebraucht werden", orakelt ein Kommentator der "FAZ". Dabei ist Wasser viel wichtiger als Öl. Denn ohne Öl kann man notfalls überleben, aber nicht ohne Wasser. Wasser ist das, was wir neben der Luft zum (Über-)Leben brauchen.

Die Kanadierin Maude Barlow ist einer der bekanntesten und engagiertesten Kämpferinnen für das Wasser. Sie ist Autorin von 15 Büchern, darunter Blue Convent, in dem sie eine globale Wasserkrise beschreibt. Im Oktober 2008 wurde sie zur Senior-Beraterin der Vereinten Nationen in Wasserfragen ernannt. Zu Beginn dieses Mandats sagte sie: "Die Wasserkrise verschärft sich überall. Sie ist die wichtigste Bedrohung unserer Umwelt." Können wir diese Wasserkrise noch verhindern? "Wir werden nicht in der Lage sein, in den kommenden Jahrzehnten die Weltbevölkerung zu ernähren, wenn wir nicht beginnen, unser Wasserangebot besser zu managen", sagt der australische Generaldirektor des IWMI, Colin Chartres.

Das heißt: mehr Abwasser- Reinigungsanlagen, mehr Entsalzungsanlagen, mehr Tröpfchenbewässerung (die die Israelis entwickelt und perfektioniert haben). Aber alle diese Maßnahmen werden viel, viel Geld kosten. Experten der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton taxieren den jährlichen Betrag auf die unvorstellbare Summe von einer Trillion Dollar. Die Investitionen - wenn sie denn überhaupt getätigt werden - werden mit Sicherheit zu einem großen Teil auf die Konsumenten abgewälzt werden.

Wasser muss teurer werden, fordert aus einem anderen Grunde auch Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck-Letmathe. Der Preis müsse endlich den Wert des Wassers widerspiegeln, was er derzeit nicht tue. Im Gegenteil: In Indien bekommen die Bauern zum Beispiel das Wasser umsonst, in China sind die Wasserpreise extrem günstig. Und in Spanien zahlen die Bauern gerade mal zwei Prozent des wirklichen Wertes. Für ein zunehmend knappes Gut wie Wasser sind die Preise viel zu niedrig. Das wird sich ändern.

Das heißt für uns alle: In den nächsten Jahren werden die Wasserpreise kräftig steigen, und wegen des enorm hohen Wasserverbrauchs in der Landwirtschaft letztendlich auch die Lebensmittelpreise.

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