Massenarbeitslosigkeit Die fatale Fünf-Millionen-Krise vermieden

Drei Millionen, vier Millionen - fünf Millionen Arbeitslose! Katastrophal waren die Aussichten für Deutschlands Arbeitsmarkt zu Beginn der Wirtschaftskrise. Immer weiter schraubten die Wirtschaftsauguren ihre Minusprognosen in die Höhe. Jetzt glauben viele Experten, dass die Jobmisere weitaus glimpflicher ausfällt. Hoffnung kommt auf.
Von Lutz Reiche und Karsten Stumm

Hamburg - Führende Wirtschaftsexperten machen den Deutschen Mut. Weil sich hierzulande mehr und mehr Unternehmen aus dem konjunkturellen Abwärtssog befreien, drohe auch die Arbeitslosenzahl nicht wie zu Beginn der Wirtschaftskrise befürchtet in die Höhe zu schnellen. Nach Expertenmeinung kommt Deutschland voraussichtlich um die gefürchtete Fünf-Millionen-Krise herum.

"Wir werden unsere bisherige Schätzung der Arbeitslosenzahl zurücknehmen. Das gilt sowohl für unsere Befürchtungen für 2009 als auch für 2010", sagt Sabine Klinger zu manager-magazin.de. Sie ist Leiterin des Bereichs Konjunktur und Arbeitsmarkt des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg; das Institut ist das Forschungsinstitut der Bundesanstalt für Arbeit. Die Agentur wird morgen ihre aktuelle Erhebung veröffentlichen. Zuletzt waren in der Bundesrepublik 3,48 Millionen Frauen und Männer ohne Job. Das entsprach einer Arbeitslosenquote von 10,5 Prozent.

"Um die gefürchtete Fünf-Millionen-Marke werden wir wohl herumkommen, statt dessen gerät die Vier-Millionen-Grenze beinahe schon in Reichweite", sagt auch Hans-Peter Klös zu manager-magazin.de, Geschäftsführer und Arbeitsmarktexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln.

Der Grund für den verhaltenen Optimismus ist die Besserung eben jener Wirtschaftsdaten, die noch vor Monaten weitaus schlimmere Verhältnisse für die Bundesrepublik erwarten ließen. So deutet nach Meinung der Wirtschaftforscher beispielsweise die Einstellungsneigung der Zeitarbeitsfirmen auf eine deutliche Stabilisierung der Lage hin. Ausgerechnet jene Gesellschaften, die als erste eine vergleichsweise große Zahl an Angestellten entlassen mussten, hatten offenbar bereits im Juli wieder mehr Stellen im Angebot - die Trendwende nach elf verlustreichen Monaten in Folge:

Während im Mai noch 0,1 Prozent mehr Erwerbssuchende zu melden waren, lässt sich aus der aktuellen Befragungswelle für den IW-Zeitarbeitsindex ein Anstieg der Beschäftigung bei den hiesigen Zeitarbeitsunternehmen um 20.000 auf rund 526.000 Zeitarbeiter ablesen.

"Die Zeitarbeitsunternehmen können durchaus als ein Hinweisgeber auf die kommende Entwicklung des Arbeitsmarktes herangezogen werden. Deren Planungen laufen in vielen Fällen der später tatsächlich zu beobachtenden Entwicklung bis zu vier Wochen voraus", sagt IW-Experte Klös.

Hoffnungssignal der Zeitarbeitsfirmen

Ebenfalls Hoffnung mache die Zahl der Orders, die Deutschlands Industrie erhalte; sie waren zuletzt ebenso in die Höhe gegangen, wie sich die Produktion hiesiger Industriefirmen zumindest stabilisierte. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mehr als nur eine Randnotiz:

In einer Umfrage im Auftrag der Ministerialen unter 1700 deutschen Unternehmen gaben die Firmen an, erst dann verstärkt Frauen und Männer auf die Straße schicken zu müssen, wenn sich die Auftragslage hierzulande nicht bis zum vierten Quartal 2009 bessere. Genau diese Leidensgrenze scheint nun tatsächlich nicht überschritten zu werden - die Erholung käme also gerade noch rechtzeitig.

Erste Signale für eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes sind tatsächlich bereits auszumachen. So ist die Arbeitskräftenachfrage der hiesigen Unternehmen im August nur noch so leicht gegenüber dem Vormonat gesunken, dass der entsprechende Index der Bundesagentur für Arbeit (BA) zuletzt um einen einzigen Indexpunkt nachgegeben hat. Das hat die Behörde heute gemeldet. Der BA zufolge ist dieser Index die aktuellste Statistik Deutschlands, aus der die Einstellungsneigung der hiesigen Unternehmen ablesbar ist. Er beruhe auf konkreten Stellengesuchen der Unternehmen.

"Ich gehe davon aus, dass wir im kommenden Jahr im schlimmsten Fall 4,5 Millionen im Jahresschnitt sehen werden. Sehr wahrscheinlich wird die Zahl deutlich darunter liegen. Wir dürfen uns auf positive Überraschungen freuen", sagt dann auch Folker Hellmeyer zu manager-magazin.de, Ökonom und Chefanalyst der Bremer Landesbank.

Selbst die hohe Kurzarbeiterzahl, die Deutschlands Arbeitslosenzahl in den vergangenen Monaten nach Expertenmeinung um bis zu 400.000 Jobsucher künstlich niedriger gehalten hat, scheint langsam zu sinken. "Wir sehen jetzt bereits, dass viele Unternehmen die Kurzarbeit nicht dergestalt in Anspruch nehmen, wie die sie beantragt haben. Die vermeintliche Zahl der Kurzarbeiter verstellt den Blick auf die Realität. Die ist im Gegenteil schon ein bisschen besser als vor ein paar Monaten befürchtet", sagt Landesbank-Ökonom Hellmeyer.

Eine Gefahr allerdings bleibt: Trotz steigender Auftragslage stellen Deutschlands Arbeitnehmer noch immer nicht so viel her, wie in der Vergangenheit. Doch die Löhne sind weiterhin auf diesem Niveau - und zuletzt sogar gestiegen.. "Wir befürchten, dass die Unternehmen dieses niedrigere Niveau bei gleichzeitig steigenden Lohnstückkosten nicht auf Dauer durchhalten", sagt IAB-Expertin Klinger. Schon deshalb müsse sich die Wirtschaft auch schneller und kräftiger als vor Monaten erwartet erhöhen, damit die gesunkene Produktivität der hiesigen Angestellten nicht tatsächlich der Erholung am Arbeitsmarkt im Wege stehe.

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