Opel-Freikauf Ein Sommertraum geht zu Ende

Währt Opels Traum von Freiheit nur einen Sommer? Kaum geht es General Motors etwas besser, klammert der Konzern an der deutschen Tochter. Die Belegschaft tobt, die Regierung ahnt, dass sie zu hoch gepokert hat. Das Fatale: Eine Insolvenz könnte durchaus im Interesse von GM sein.

Hamburg - Innerlich dürften sich die meisten Opel-Mitarbeiter schon längst von ihren amerikanischen Eigentümern verabschiedet haben. Die Zukunft, so waren sie sicher, liegt eher im Osten, nicht im Westen. Es lockte der österreichisch-kanadische Magna-Konzern , der im Verbund mit der russischen Sberbank  das Ruder von General Motors  übernehmen sollte. Die frustrierten Opel-Leute erhofften sich neue Marktchancen zwischen Ostsee und Kamtschatka. Bis zu sechs Milliarden Euro Staatshilfe sollte das Projekt garantieren.

Nun reißt GM die Opelaner aus ihren schönsten Träumen. Seit der Verwaltungsrat des US-Autokonzerns erneut nicht über den Verkauf von Opel entschieden hat, liegen in Rüsselsheim, Bochum, aber auch in den Regierungen in Berlin, Wiesbaden und Düsseldorf die Nerven blank. Die Befürchtung wächst, dass GM Opel gar nicht mehr abgeben will.

Jetzt dämmere General Motors offenbar langsam, "dass man diese Tochter, die über Jahrzehnte unterdrückt wurde, braucht", ereifert sich Opel-Betriebsratschef Klaus Franz. Sein Kollege im Opel-Aufsichtsrat, Armin Schild wettert gegen eine "Domestizierungsstrategie aus den Vereinigten Staaten". Schon will die Opel-Belegschaft vor der US-Botschaft demonstrieren. Auf das Urlaubsgeld wollen die Opelaner plötzlich auch nicht mehr verzichten.

Monatelang galt die Gewissheit: Wenn die Bundesregierung eine bestimmte Summe in die Hand nimmt, um Opel loszueisen, wird der angeschlagene US-Autobauer gar nicht anders können, als die Mehrheit an der Tochter nach gut 80 Jahren wieder abzugeben. Doch nun bekommt GM kalte Füße - mit möglicherweise schlimmen Folgen für Opel. In den USA läuft das Geschäft wieder zaghaft an, seit das Unternehmen durch die Blitzinsolvenz gegangen ist. Die US-Variante der Abwrackprämie, das Programm "Cash for Clunkers", wirkt sich auch für den Dinosaurier aus Detroit positiv aus.

"GM schaut jetzt wieder nach vorn", sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Das Unternehmen fragt sich inzwischen: 'Warum sollen wir das Europa-Geschäft aus der Hand geben?'" Die Stimmen im Unternehmen werden lauter, die deutsche Tochter trotz hoher Schulden nicht einfach wegzugeben. "Die Chance, dass Opel bei General Motors bleibt, ist groß", sagt Pieper.

Karten werden neu gemischt

Noch ist nicht entschieden, was mit Opel passiert. Aber mit dem Schweigen vom vergangenen Freitag hat Detroit deutlich gemacht, dass die Karten neu gemischt werden.

GM will weiterhin mitbestimmen bei Opel und das Unternehmen möglichst ganz zurückbekommen, das zeichnet sich immer deutlicher ab, auch wenn eine offizielle Bestätigung dafür fehlt. Relativ deutlich wird inzwischen auch, dass die deutsche Bundesregierung und Landesregierungen inzwischen weit weniger in der Hand haben, den Lauf der Dinge in ihrem Sinne zu beeinflussen, als sie es monatelang glauben gemacht haben.

Zwar ist General Motors weiterhin froh über jeden Dollar - auch vom deutschen Staat -, der dem Unternehmen beim Neustart hilft. Doch der gefallene Autogigant ist offenbar nicht mehr bereit, jede Bedingung dafür zu akzeptieren. Fällt Opel an Magna und die Russen - so dämmert es manchem in Detroit und Washington nun -, verschlechtert das die Chancen für General Motors in Osteuropa und Asien. Zudem ginge möglicherweise der Zugriff auf Opel-Technik für in den USA zunehmend gefragte kleine Autos verloren.

"GM steckt in einem strategischen Dilemma", sagt Analyst Pieper. "Opel ist ein finanzielles Risiko für den Konzern, andererseits ermöglicht die Tochter eine starke Position außerhalb von Nordamerika." Wie GM mit der misslichen Lage umgeht, ist bekannt: Der Konzern sitzt sie erst mal aus. "GM will sich so lange wie möglich alle Optionen offenhalten und kann sich zunächst bequem zurücklehnen", sagt Pieper. General Motors habe schon vor etwa zwei Monaten "bewusst angefangen, zu verzögern", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen gegenüber manager-magazin.de.

Dieses Zeitspiel kann GM sich leisten, weil inzwischen die US-Regierung als Hauptanteilseigner für den Fortbestand des Unternehmens einsteht, und sich das Unternehmen bereits von zahlreichen Altlasten getrennt hat. Zudem sind weitere Sanierungsschritte angekündigt. Opel ist also nicht akut lebensbedrohlich für GM. Das Unternehmen kann die Deutschen zappeln lassen und hoffen, dass sie zu weiteren Zugeständnissen bereit sind. So lange GM nichts entscheidet, passiert auch nichts. Die US-Regierung hält GM derweil den Rücken frei und lehnt Verhandlungen mit Berlin ab.

Insolvenz als Verlockung

Wahrscheinlich kann bei GM niemand ganz genau sagen, was das Unternehmen mit Opel nun vorhat. Doch einen Notverkauf will das Unternehmen auf jeden Fall vermeiden. Das Magna-Konzept ließe sich wohl nur mit weiteren Zugeständnissen verwirklichen, beispielsweise einem Rückkaufrecht für GM. "Ein späterer Rückkauf wäre auch in dieser Konstellation möglich", sagt Pieper.

Bevorzugter Bieter aus Sicht von GM bleibt der Finanzinvestor RHJ International mit Sitz in Brüssel, weil dessen Konzept für Opel die spätere Rückkehr zu GM ermöglicht. Der US-Konzern dürfte nun verstärkt darauf dringen, auch einem möglichen Käufer RHJI die vollen staatlichen Garantien zu gewähren, erwartet Dudenhöffer. Bisher gilt RHJI in der Bundesregierung und im Opel-Betriebsrat als unerwünscht, weil die deutschen Standorte im Magna-Konzept sicherer erscheinen.

Was erwartet wird, wenn RHJI sich nun doch noch durchsetzt, ist bereits vielfach skizziert: Dem Werk in Antwerpen droht die Schließung, die Kapazität in Deutschland würde angepasst, das Werk in Eisenach zeitweise stillgelegt. "Aber wenn GM sich für RHJI entscheidet, dürfte es der Bundesregierung schwerfallen, dann die Hilfen tatsächlich zu verweigern", sagt ein Analyst.

Fließt kein Geld, kann GM mit einem weiteren Drohszenario aufwarten: der zielgerichteten Insolvenz von Opel. Was für die deutsche Öffentlichkeit überwiegend eine Horrorvorstellung ist, wäre für General Motors indes ein möglicherweise gutes Geschäft und Alternative zum RHJI-Konzept.

Die Schulden wäre GM weitgehend los, vor allem milliardenschwere Pensionsverpflichtungen würden auf deutsche Sicherungseinrichtungen übergehen. "Die sozialen Kosten bleiben dann bei uns", sagt Dudenhöffer. Aus der Insolvenzmasse könnte General Motors sich danach erneut bedienen und so die wichtigsten Patente und Entwicklungsbausteine vor dem Zugriff Fremder sichern.

"Die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz von Opel hat zugenommen", sagt denn auch Metzler-Analyst Pieper. In die Pleite könnte Opel damit letztlich rutschen, weil GM inzwischen wieder Bedingungen stellen kann - ein Umstand, der in Rüsselsheim und Bochum mit weiterer Verbitterung zur Kenntnis genommen werden dürfte.

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