Managerberater Charan "Das Nachkarten ist eine Unsitte"

Ram Charan ist einer der einflussreichsten Berater internationaler Topmanager. Der Inder mit Harvard-Abschluss sagt im Gespräch mit manager-magazin.de, warum auch brillante Köpfe den Absturz der Wirtschaft viel zu spät erkannt haben, wieso wir jetzt nach vorne blicken sollten und warum der Arbeitsmarkt die größte Aufgabe ist.

mm.de: Herr Charan, Sie beraten viele CEOs internationaler Unternehmen. Sie sind bekannt dafür, dass Sie viel reisen. Wo erleben Sie die größten Sorgen wegen der Wirtschaftskrise?

Charan: Man muss diese Krise auf zweierlei Weise betrachten. Ein Aspekt ist die Funktion der Wirtschaft, ein anderer die Geografie. Noch immer gibt es einen Mangel an Krediten im System, doch die meisten Wirtschaften können nur mit einem stetigen Kreditfluss funktionieren. Als Folge wird die Arbeitslosigkeit weiter ansteigen. Wenn so die Einkommen der Konsumenten fallen oder stagnieren, werden Sie sparen müssen. Das trifft die verschiedenen Wirtschaftsbereiche unterschiedlich hart. Die Luxusgüterindustrie etwa sieht harten Zeiten entgegen. Daher müssen sich die entwickelten Länder die meisten Sorgen machen, während China und Indien in einer ganz anderen Ausgangslage sind.

mm.de: Was raten Sie Unternehmenslenkern, die Sie konsultieren? Wie sollen die mit der Situation umgehen?

Charan: Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft - nicht nur CEOs - sollten ein paar einfache Regeln beherzigen. Eine davon: Auch diese Krise wird eines Tages vorüber sein. Bis dahin müssen sie und ihre Teams ihre Vision für die Zeit nach der Krise ausarbeiten - und einen Plan für die Umsetzung entwickeln. Zweitens: Solange die Finanzierungsbedingungen so schwierig bleiben, wie sie sind, müssen sich Unternehmen auf den Kern ihres Geschäfts konzentrieren. Ihre Leitfrage muss lauten: Was brauchen wir, um zu überleben? Und drittens: Kein Unternehmen kann ohne Mitarbeiter wachsen. Also müssen sie sich auch in der Krise darum sorgen, ihre wichtigsten Mitarbeiter zu halten.

Diese wichtigen Fragen werde ich mit Managern der deutschen Elektronikindustrie im November auf der Fachmesse "Productronica" in München diskutieren. Darauf freue ich mich schon.

mm.de: Wenn Sie mit CEOs sprechen, deren Verhalten mit in die Krise geführt hat, zeigen dann einige von ihnen Reue?

Charan: Sie verlangen von mir, dass ich einzelne Akteure wegen ihrer Entscheidungen zu Beginn der Krise bloßstelle. Aber man darf nicht vergessen, dass diese Krise für die meisten, wenn nicht für alle, sehr überraschend kam. Sie war kaum vorherzusehen, und auch brillante Köpfe haben die Dimension des Absturzes viel zu spät erkannt. Der Grund dafür ist, dass es das System selbst war, das zusammenbrach. Dadurch war es für Wirtschaftsführer sehr schwierig, die Gründe für Probleme in ihren jeweiligen Unternehmen rechtzeitig zu erkennen. Und besonders vor diesem Hintergrund muss man zugeben: Irren ist menschlich. Nun muss die Wirtschaft nach vorne blicken. Dieses Nachkarten ist eine Unsitte.

"Alles begann in den USA im Jahr 1999"

mm.de: Uns interessiert dennoch, ob manche Ihrer Klienten das Gefühl haben, mit einigen Entscheidungen den Lauf der Krise verschlimmert zu haben, weit über das eigene Unternehmen hinaus.

Charan: Das sind Fragen, die die Medien interessieren. Aber Wirtschaftslenker müssen vorwärts schauen und die Gründe der Krise diagnostizieren.

mm.de: Nämlich?

Charan: Eine ganze Reihe von Ereignissen hat sich zur Krise aufgetürmt. Keines dieser Ereignisse hätte der alleinige Auslöser sein können. Alles begann in den USA mit der Abschaffung des Glass-Steagall-Gesetzes im Jahr 1999. Dies war seit den 30er Jahren ein Instrument gewesen, mit dem sich Spekulationen und das gesamte Bankenwesen der USA kontrollieren ließen. Der nächste Schritt waren Leitzinssätze, die gegen null tendierten. Stufe drei war das Zusammenfallen von riesiger Liquidität und Steuersenkungen binnen weniger Jahre.

Danach kamen Faktoren hinzu, die die Entwicklung unheimlich beschleunigt haben: Dass die SEC einen Verschuldungsgrad von 35:1 zugestand; dass die Risiken durch Verbriefungen von den Banken auf die Investoren verlagert wurden; dass die Ratingagenturen versagten; dass Manager durch Systemanreize gehalten waren, noch schneller in den Verbriefungsmarkt einzusteigen. Das alles zusammen musste irgendwann zu einer Explosion führen - und genau die haben wir nun erlebt.

mm.de: Fragt man Kritiker wie den US-Ökonomen James Galbraith, dann ist er fest davon überzeugt, dass wir hier von kriminellen Machenschaften sprechen. Die Finanzindustrie, argumentiert er, sei sich sehr wohl der Gefahren bewusst gewesen, hoffte aber, bei der drohenden Explosion dieser Geschäfte nicht selbst getroffen zu werden. Nicht für alle kam der Knall überraschend, denken Sie nur an Warren Buffetts berühmtes Zitat von den "finanziellen Massenvernichtungswaffen"!

Charan: Das habe ich mit den Verbriefungsgeschäften gemeint: CDOs, CDS und ähnliche Konstruktionen dienten dem Zweck, die Risiken aus den Banken auszulagern. Die Ratingagenturen wussten nicht, wie man diese Produkte korrekt bewertet. Das hat einen Schaden von bislang drei Billionen Dollar verursacht.

Aber die Dimension wäre nicht annähernd so groß, wenn man nicht diese geringen Eigenkapitalquoten zugelassen hätte. Und das meine ich mit der Reihe von Ereignissen, die sich erst zur Krise aufgetürmt haben. Nicht eine Entscheidung allein hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich glaube, dass viele Menschen den Charakter eines Wirtschaftssystems nicht verstehen. In Systemen sind eben alle Dinge miteinander verflochten.

"Es wird eine gewaltige Kraftanstrengung"

mm.de: Haben Regierungen angemessen auf die Krise reagiert?

Charan: Ich glaube, dass sie mittendrin sind. Die Europäer bewegen sich in die richtige Richtung. Sie sorgen für mehr Transparenz. Das ist der Schlüssel zur Lösung, denn ohne Transparenz lässt sich der Zustand des Systems nicht beurteilen. Um die CDOs und CDS müssen sich nun Clearing-Gesellschaften kümmern. In Europa ist man schon so weit, in den USA herrscht darüber noch Uneinigkeit.

mm.de: Wie sieht ein ideales System der Finanzmarktregulierung aus?

Charan: Für die USA habe ich einen sehr einfachen Vorschlag: Die Zentralbank sollte die gesamte Verantwortung für die Stabilisierung der Finanzmärkte bekommen - das wäre besser als die heutigen verteilten Zuständigkeiten. Selbst mit Präsident Obamas jüngsten Neuregelungen bleiben die USA weit hinter dem Notwendigen zurück. Die Regelungen für den Verschuldungsgrad müssen außerdem so schnell wie möglich verschärft werden. Und schließlich würde eine zentrale Clearing-Gesellschaft für all die Problempapiere benötigt.

mm.de: In Deutschland setzen sich manche Politiker für eine Variante der Tobin-Steuer ein: Jede Finanztransaktion soll demnach moderat besteuert werden. Was halten Sie davon?

Charan: Ich habe diesen Vorschlag noch nicht auf seine Auswirkungen auf das Gesamtsystem untersucht, aber er ist die Analyse wert. Er wäre geeignet aus dem Marktgeschehen Tempo und damit Volatilität herauszunehmen. Bei einer geschickten Ausgestaltung ließen sich Investoren von Händlern unterscheiden.

mm.de: Was ist Ihre Vorhersage? Wann werden wir einen stabilen Aufschwung erleben?

Charan: Ich kann nicht in die Glaskugel blicken, aber ich kann Vermutungen anstellen. Die Einschätzung dürfte korrekt sein, dass Kredite inzwischen wieder etwas besser fließen. Die Panik hat sich gelegt. Aber in den USA steigt die Arbeitslosigkeit weiter. In den kommenden zwei Jahren gibt es mehr Kapazitäten als Nachfrage. Daher ist nicht mit Inflation zu rechnen, es sei denn, China und Indien bringen die Einkaufspreise wieder zum Steigen.

Das Hauptproblem ist der Arbeitsmarkt. Es wird eine gewaltige Kraftanstrengung, so viele Jobs wie möglich zu halten und zu schaffen. Aber derzeit ist das viel wichtiger als das Bruttosozialprodukt und die Situation an den Aktienmärkten.

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