Ryanair/Lufthansa Der Luft-Krampf

Lübeck ist Hamburg und Weeze ist Düsseldorf, mit solchen Ideen steigt Ryanair in den juristischen Ring - gern auch gegen Lufthansa. Ein Münchener Gericht gab der irischen Fluglinie am Dienstag einstweilig recht. Ein kurzer Überblick über einen Kampf, der immer mehr zum Krampf wird.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Man könnte dieser Tage auf die Idee kommen, dass die Rechtsabteilung Ryanairs Abteilung mit dem größten Budget ist. Denn einmal mehr ist die irische Billigfluglinie juristisch gegen eine Fluglinie vorgegangen. So erwirkte Ryanair  eine einstweilige Verfügung, der zufolge die Deutsche Lufthansa  in einer Publikation nicht weiter verbreiten darf, dass Ryanair einen Provinzflughafen in die nächstgrößere Stadt eingemeinde. Auch die europäische Kommission haben die Iren schon verklagt. Und wurden ihrerseits von Verbraucherschützern vor Gericht gezerrt.

Was nach Wahnsinn klingt, hat offenbar Methode. Der Toilettenbesuch gegen Bares, Gebühren für das Einchecken und Stehplätze im Flugzeug - Unternehmenslenker Michael O'Leary hat einen Hang dazu, seine Visionen mehr als wahrnehmbar zu formulieren. Das ist beileibe keine irische Geselligkeit, sondern knallhart kalkuliert. "Es ist erklärte Taktik von Ryanair, regelmäßig in den Schlagzeilen sein zu wollen, und sei es auch auf negative Weise", sagt ein Fondsmanager, der nicht genannt werden möchte. Das schafft O'Leary mit dem Vorschlag von billigen Stehplätzen. Das bietet dem Unternehmen, das so sparsam ist, die Telefonnummer des eigenen Pressesprechers eher zu verstecken denn herauszustellen, die Chance auf billige öffentliche Aufmerksamkeit. Angeblich hat O'Leary sogar einen "Blick auf die Lufthansa" geworfen. Und sagte am 27. Juli bei der Vorlage der Zahlen: "Wir könnten sie fast mit Barmitteln kaufen." Allerdings schränkte er zugleich ein: Es gebe keine Kaufpläne in absehbarer Zukunft. Börsianer glauben ihm offenbar nicht - die Ryanair-Aktie sackte ab und verlor am Nachmittag mehr als 8 Prozent an Wert. Der Lufthansa sind solche Visionen nicht einmal ein Dementi wert.

Auch der neueste Streich von Ryanair - die einstweilige Verfügung - will Lufthansa auf Nachfrage nicht kommentieren. "Die einstweilige Verfügung ist uns von den Behörden noch nicht zugestellt worden, somit kann ich Ihnen auch keine Auskunft über die Inhalte geben", sagt Sprecher Peter Schneckenleitner am gestrigen Dienstagabend.

Bei Ryanair weist man dagegen immer wieder darauf hin, inzwischen mehr Passagiere als Lufthansa zu transportieren. Laut IATA haben die Iren 2008 rund 58 Millionen Fluggäste transportiert, Lufthansa 42 Millionen. Für Kritiker kein Wunder - teilweise werden die Sitzplätze nahezu verschleudert. Für O'Leary selbst vermutlich auch kein Wunder, bei der Verkündung der Zahlen seines Unternehmens dozierte er auch über seine Philosophie: "Die Gewinner in einer tiefen Rezession werden immer Unternehmen wie Aldi, Lidl, McDonald's und Ryanair sein, die den Kunden die niedrigsten Preise und den besten Service bieten." Ob Unternehmen wie Lufthansa dieses Ziel verfehlen, sagte der Ire nicht.

Trompeten für den Sieger?

Wohl aber weist die Homepage seines Unternehmens darauf hin, dass die einstweilige Verfügung eines "Münchener Gericht" es der Lufthansa verbiete, "falsche Anschuldigungen in ihrem "Politikbrief" zu wiederholen, der von Lufthansa an Politiker wie auch Medien in ganz Deutschland verschickt wird." Über den genauen Wortlaut des eigenen Antrags allerdings schweigt das Unternehmen.

Schade, denn genau der wäre interessant gewesen, weil Lufthansa in ihrer Veröffentlichung über eine ganze Reihe der von Ryanair angesteuerten Flughäfen sprach. Über Lübeck, das Ryanair offenbar Hamburg-Lübeck nennt, über den Flughafen Memmingen, der zu München-West wird. Von Weeze, das Düsseldorf zugeschlagen wird, sowie von Hahn, das sich bei Ryanair Frankfurt-Hahn lesen soll. Memmingen, so listet Lufthansa auf, ist 120 Kilometer von München entfernt, Weeze 80 Kilometer von Düsseldorf. Hamburg und Lübeck trennen 80 Kilometer und Hahn und Frankfurt "über 100 Kilometer". Hat sich Ryanair gegen die Nennung jedes einzelnen der vier Punkte verwehrt oder nur gegen einen der Fälle? Juristen sind da sehr genau. Und so könnte es sein, dass Ryanair zum Beispiel nur in einem der vier Fälle siegt.

Ryanair zumindest verkündet gewohnt vollmundig: "Der beantragten einstweiligen Verfügung wurde entsprochen, nachdem das Münchner Gericht anerkannte, dass sich Ryanair immer klar der Lage ihrer Flughäfen und deren Entfernung zu Großstädten bewusst ist." Die Schlussfolgerungen des irischen Unternehmens lesen sich dann so: "Aus Ryanair-Sicht bestätigen die falschen Anschuldigungen der Lufthansa in ihrem "Politikbrief" nur, dass Lufthansa die Niedrigpreise von Ryanair fürchtet (… ) und Lufthansa die garantierten und kerosinzuschlagsfreien Niedrigpreise von Ryanair nicht schlagen kann."

Bereits 2002 hatten sich die beiden Unternehmen vor Gericht getroffen - damals ging es um vergleichende Werbung.

Bloße Konkurrenz oder eine intime Feindschaft? Der anonyme Fondsmanager winkt ab. "Ich sehe keinen speziellen Grund, warum dies besonders häufig gegen Lufthansa sein sollte. Die einzige mögliche Erklärung könnte in den Besonderheiten des deutschen Rechts liegen, das bestimmte Dinge nicht zulässt oder zumindest einer gerichtlichen Überprüfung zuführt, die in anderen Ländern ohne Weiteres zulässig sind. Und weiter: "Gerade Ryanair und Lufthansa konkurrieren nur marginal. Die geografischen Einzugsgebiete von Frankfurt-Rhein-Main und Frankfurt-Hahn überlappen sich nur teilweise, Flugzeiten und Flugziele sind unterschiedlich und auch die Kundengruppen."

Für den Schaukampf und gegen den scharfen Schuss spricht auch, dass Lufthansa vermutlich der bekannteste deutsche Gegner ist - und das Ringen mit ihm auf dem deutschen Markt die maximale Aufmerksamkeit gewährleistet. Das Urteil der Experten ist zumindest klar. "Es wird am Markt Platz für zwei bis drei nationale Fluglinien und zwei bis drei Billigflieger sein", so noch einmal der Fondsmanager. "Egal wie eng oder weit man diese Abgrenzung zieht, es gilt als unumstritten, dass sowohl Ryanair als auch Lufthansa unter diesen sein werden." O'Learys Interpretation klingt gewohnt unternehmensfokussiert: "Es werden nur vier Fluglinien überleben: Drei große Airlines mit einem weltweiten Netzwerk und die Firma mit den niedrigsten Kosten und Preisen - Ryanair."

Da klingen die blechernen Trompetenstöße, die Ryanair am Ende jedes pünktlichen Flugs abspielt, doch fast schon wie Siegesfanfaren. Die Frage ist nur, für wen.