Angeschlagener Autobauer Opel droht Klagewelle

Politische Bedenken aus Belgien, ein vernichtendes Bankgutachten - bei Opel brennt es an mehreren Ecken. Doch nicht genug damit, dass die Verhandlungen über den Einstieg eines Investors nicht recht vorankommen - jetzt droht auch noch eine Klageflut. Grund ist der schwelende Streit um das Urlaubsgeld in Bochum.

Hamburg - Nach Angaben der IG Metall Bochum sind tausende Bochumer Opel-Mitarbeiter gewillt, ihren Anspruch auf Urlaubsgeld notfalls gerichtlich geltend zu machen. "Wenn die Geschäftsleitung nicht einlenkt und ein Zukunftskonzept auf den Tisch legt, gibt es tausende Klagen", sagte die 1. Bevollmächtigte der Bochumer IG Metall, Ulrike Kleinebrahm, zu manager-magazin.de. Für diejenigen Opelaner, die der Gewerkschaft angehören, stelle das kein finanzielles Risiko dar, da die Gerichtskosten in der Mitgliedschaft inklusive seien. "Und der Anteil derer, die in der Gewerkschaft sind, ist in Bochum sehr hoch", so Kleinebrahm.

Der Streit ums Urlaubsgeld in Bochum spitzt sich damit weiter zu. Im Juni hatte das Unternehmen die Urlaubsgeldzahlungen mit Verweis auf die schwierige wirtschaftliche Situation eingestellt. Auch an anderen Standorten verzichten Opelaner in diesem Jahr teilweise oder komplett auf ihr Urlaubsgeld.

Die Bochumer Mitarbeiter des angeschlagenen Autobauers sind damit aber nicht einverstanden. Das Unternehmen habe kein schlüssiges Konzept, wie mit den einbehaltenen Geldern die Zukunft des Unternehmens und die Arbeitsplätze gesichert werden sollten, so die Begründung. Zudem seien in Bochum schon in der Vergangenheit stärkere Einschnitte erfolgt als in anderen Werken. Auch von Kurzarbeit sei das Werk stärker betroffen als andere.

Um kurz vor den Werksferien, die in diesen Tagen beginnen, zum Ziel zu kommen, versuchte der Bochumer Betriebsrat Anfang Juli, die Zahlung des Urlaubsgeldes per einstweiliger Verfügung gerichtlich zu erzwingen. Damit scheiterte er jedoch.

Auf ein Kompromissangebot der Geschäftsleitung gingen die Bochumer Arbeitnehmer nicht ein. Genervt von der negativen Publicity und um den Betriebsfrieden wieder herzustellen, hatte Opel den Vorschlag gemacht, 50 Prozent der ausstehenden Gelder zu überweisen.

Viele Opelaner gaben stattdessen Schreiben in der Personalabteilung ab, mit denen sie ihre Ansprüche zunächst außergerichtlich geltend machen. Nach Angaben von Gewerkschafterin Kleinebrahm, die bei der Formulierung dieser Schreiben geholfen hatte, wird es dabei aber nicht bleiben.

Zurzeit, so die IG-Metall-Frau, werden bereits die ersten Klagen vorbereitet, und zwar für diejenigen Opelaner, für die der Schaden durch das ausbleibende Urlaubsgeld schon eingetreten sei, weil sie schon im Juni in Urlaub gegangen seien. Falls Opel in den kommenden Tagen nicht einlenkt, steht der große Ansturm aber laut Kleinebrahm noch bevor. Dann nämlich werden die Opelaner ihre Ansprüche geltend machen, die im Juli und August in Urlaub gehen, so die Gewerkschafterin. Angesichts der in diesem Zeitraum liegenden Betriebsferien sei das die weitaus größte Zahl der rund 6000 Opelaner in Bochum.

Opel-Chef: "Absolut kein Verständnis für Betriebsrat in Bochum"

Ein Opel-Sprecher wollte sich zu der aktuellen Entwicklung nicht äußern und verwies stattdessen auf ein Statement, das Unternehmenschef Hans Demant kürzlich zu dem Thema abgegeben hat. "Ich habe absolut kein Verständnis für den Alleingang des Betriebsrates in Bochum", so Demant. "Alle anderen deutschen Standorte haben hier Bereitschaft gezeigt, die Auszahlung (die Urlaubsgeldes, die Red.) zu verschieben und sich zur Sicherung von Opel einzubringen."

Gerade vor der speziellen Situation des Unternehmens und der Tatsache, dass sich die Geschäftsleitung der Adam Opel GmbH auch gegen anderslautende Stimmen ausdrücklich für den Erhalt des Standortes ausgesprochen habe, sei das Bochumer Vorgehen nicht nachvollziehbar. "Zumal Opel derzeit seine Geschäfte auf der Grundlage der Brückenfinanzierung durch die Bundes- und Landesregierungen betreibt", sagt der Opel-Chef.

Wie lange diese Übergangsphase noch dauern wird, scheint indes weiter offen. Nachdem gestern der chinesische Autokonzern BAIC aus dem Bieterverfahren für den Rüsselsheimer Autobauer ausgeschieden ist, befinden sich mit dem österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna und dem Finanzinvestor RHJ noch zwei Interessenten im Rennen.

Grund für den Ausstieg der Chinesen waren offenbar Meinungsverschiedenheiten über Opel-Patente. BAIC bestätigte am Freitag in Peking, dass seine Gespräche mit General Motors  über die Übernahme der Adam Opel GmbH gescheitert seien. Bedauerlicherweise hätten beide Seiten keine Einigung bei den Patentrechten erzielen können, hieß es.

Doch auch die Verhandlungen mit den verbliebenen Kandidaten dürften künftig schwierig werden. Störfeuer kommt beispielweise aus Belgien. Flanderns Regierung will sich wegen der Übernahmepläne von Magna und RHJ bei der Europäischen Kommission beschweren. Er glaube, dass sich die Angelegenheit aufgrund deutscher Staatshilfen nicht nur nach "wirtschaftlichen, sondern politischen Maßstäben" richte, sagte der flämische Ministerpräsident Kris Peeters der belgischen Zeitung "L'Echo". Peeters bestätigte Medieninformationen, dass beide Interessenten die Schließung des Opel-Werkes in Antwerpen vorsehen.

Vernichtendes Bankgutachten

Hinzu kommt, dass Opel nach einem Gutachten der Investmentbank Lazard im Auftrag der Regierung angeblich ohnehin kaum Perspektiven als eigenständiger Autobauer hat. Mit keinem der drei Übernahmeangebote (BAIC, Magna, RHJ) könne der deutsche Autobauer langfristig als eigenständige Marke etabliert werden, zitierte die "Financial Times Deutschland" am Freitag aus dem Vergleich von Lazard. Insgesamt falle das Urteil der Investmentbanker vernichtend aus.

Einige der von Bund und Ländern bestellten Vertreter des Opel-Treuhandbeirats äußern derweil offenbar Kritik an der von der Bundesregierung und den Landesregierungen formulierten Präferenz für Magna. Sowohl der vom Bund eingesetzte Ex-Conti-Chef Manfred Wennemer als auch der Insolvenzverwalter und FDP-Politiker Dirk Pfeil würden gegen das Angebot von Magna votieren, berichtet das "Handelsblatt" (Freitagausgabe).

Nach Angaben aus Verhandlungskreisen sollen die Gespräche mit Magna und RHJ Anfang kommender Woche fortgesetzt werden.

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