Porsche-Versammlung "Es tut mir in der Seele weh"

Fast 17 Jahre stand Wendelin Wiedeking an der Porsche-Spitze, nun muss er den Chefsessel räumen. Entsprechend emotional fiel die Rede aus, mit der er sich von seinen Mitarbeitern verabschiedet hat. Doch von Niederlage ist auf der Betriebsversammlung keine Rede.

Stuttgart - Sie stehen zusammen an diesem Tag. Dicht an dicht drängen sich Tausende Porsche-Mitarbeiter am Donnerstag in Zuffenhausen unter ihre Schirme, Nadelstreifen neben grauen Arbeitsmonturen mit rotem Porsche-Schriftzug. Es ist ein Bild der Einigkeit.

Der Betriebsrat des hoch verschuldeten Sportwagenbauers hatte zur Informationsveranstaltung über die Pläne zur Zusammenarbeit mit dem Volkswagen-Konzern  und den Führungswechsel auf das Firmengelände geladen. Die Redner beschwören Gemeinschaft und treffen damit ins Schwarze. Auf dem Werkshof steht spürbar eine große Porsche-Familie.

"Wir haben schon mehrere Krisen erlebt", sagt ein Monteur, der hinten an einem Geländer lehnt und verschränkt die Arme vor dem Hosenlatz. "Bald 40 Jahre" arbeitet der Mann bei Porsche. Angst um seinen Job hat er jetzt nicht, aber seinen Namen will er trotzdem nicht sagen.

Er zuckt mit den Schultern. "Der Ferry hätte sich im Grab umgedreht", entfährt es ihm noch in Anspielung an den Unternehmensgründer Ferdinand "Ferry" Porsche. Das Gezerre um einen integrierten Konzern von VW und Porsche  ist für ihn ein reiner "Machtkampf". Sein Nachbar räumt ein, die Integration in den VW-Konzern als zehnte Marke "kratzt schon ein bisschen am Stolz".

Unter den Kollegen sind die Meinungen ähnlich. Niemand sagt, dass er um seinen Job fürchtet, jeder vertraut offenbar auf die Vereinbarungen zur Standort- und Stellensicherung. Die meisten aber sagen lieber gar nichts.

Einer lärmt dafür umso mehr, und zwar Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück. In seinem knallrot blitzenden Porsche rauscht er direkt vor das Werkstor, springt gewohnt angriffslustig aus dem Wagen und reckt vor der Menge die Faust in die Höhe. "Wir haben es erreicht", brüllt Hück so laut, dass Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche hinter ihm zusammenzuckt.

Hück verkauft der Belegschaft die getroffenen Weichenstellungen als Erfolg auf der ganzen Linie. Dabei hatte er in der vergangenen Woche noch gegen eine Eingliederung von Porsche als zehnter Marke in den Volkswagen-Konzern gewettert. Doch nun stellt Hück vor allem in den Vordergrund, dass Porsche auch in einem integrierten Konzern eigenständig bleibt. Die Mitarbeiter bejubeln ihn. "Der wird weiterkämpfen", meint einer wohlwollend.

"Der Wolle muss weinen"

Wolfgang Porsche tritt verhaltener vor seine Belegschaft. "Diese schweren Zeiten, dieses lange und gewaltige Ringen ist einmalig in der Unternehmensgeschichte", sagt er. Zugleich macht er Mut für die Zukunft. Keiner müsse sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Mit stockender Stimme verspricht er sich selbst und den Mitarbeitern: "Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen."

"Der Wolle muss weinen", entfährt es daraufhin einem in der Menge gerührt, und auch bei der Belegschaft kullern hier und da Tränen.

Auch der Abschied von Vorstandschef Wendelin Wiedeking fällt einigen schwer. Eine Ära geht zu Ende, fast 17 Jahre stand der Westfale an der Porsche-Spitze. Minuten dauert der Applaus, als Wiedeking ans Mikrofon tritt. Er zeigt sich unerwartet empfindsam, als er auf seinen nicht ganz freiwilligen Rückzug zu sprechen kommt: "Es tut mir in der Seele weh." Vor wenigen Tagen sei er sich darüber klar geworden, dass zum Wohle der Firma die "Beschädigung von Porsche durch Angriffe auf meine Person" aufhören müsse.

Kaum einer kreidet ihm offenbar den waghalsigen - und gescheiterten - Plan zur Übernahme des VW-Konzerns an, durch den er Porsche trotz der hohen Gewinne der vergangenen Jahre in akute Geldnot brachte. "Er hat einen sehr guten Job gemacht in all den Jahren", sagt ein 34-Jähriger. "Ohne den wären wir schon lange weg." Jetzt habe er eben "einmal einen Fehler" gemacht. So sehen es viele.

Die 50 Millionen Euro, die Wiedeking als Abfindung kassiert, finden die meisten Mitarbeiter offenbar auch nicht überzogen. "Immerhin gibt er etwas in eine Stiftung", sagt einer vorsichtig.

Vorne am Mikrofon nimmt Wiedeking Abschied, im Kreise seiner alten Weggefährten Holger Härter, dem Finanzchef, der mit ihm geht, und Michael Macht, der ihm nachfolgt auf dem Chefsessel. Der Regen wird nun immer stärker, aber kein Mitarbeiter verlässt den Hof.

"Wir sind Porscheaner und lassen uns nicht unterkriegen", brüllt Hück noch zum Abschied, bevor schließlich alle auseinanderlaufen und sich unterstellen. Draußen hat sich auch schon der Pförtner auf die neue Kooperation mit VW eingestellt. Er lässt nur noch Leute rein, sagt er und macht grinsend eine Pause, "mit VW-Karte".

manager-magazin.de mit Material von ddp und reuters

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.