Müllers Welt Können wir den Scheichs trauen?

Der geplante Einstieg des Emirats Katar bei Porsche zeigt, wie stark sich die ökonomischen Machtverhältnisse durch die Krise verschieben. Arabische Investoren gelten derzeit als "Retter aus dem Morgenland", so der aktuelle manager-magazin-Titel. Aber ihre Hilfe gibt es nicht umsonst: Längst verfolgen sie eigene strategische Ziele. Diskutieren Sie mit!

Daimler , Porsche , Volkswagen , MAN Ferrostaal, der österreichische Energiekonzern OMV - arabische Investoren engagieren sich nicht mehr vornehmlich bei angelsächsischen Banken, sondern immer stärker bei europäischen Industrieunternehmen. Und sie haben das Potenzial, die industrielle Landschaft in Deutschland zu befruchten - und umzugestalten.

Droht der hiesigen Wirtschaft ein Sheik up?

In der Titelgeschichte des aktuellen Hefts beschäftigen wir uns in einem Zehn-Seiten-Report mit den Hintergründen und den Hintermännern der Golf-Investoren, die gerade jetzt Deutschland entdecken und sich für momentan darniederliegende, aber technologische führende Firmen interessieren. Denn niemand sollte sich Illusionen hingeben: Die arabischen Investoren sind heute keine passiven Geldgeber mehr, die über Jahrzehnte jede neue Managementmode und jede noch so kühne Vision mitmachen.

So lief es früher: Ihre Petro-Dollars verwandelten arabischen Staatsfonds in Kapitalanlagen, von denen sie nichts weiter erwarteten als gelegentliche Zins- oder Dividendenzahlungen. Bei Daimler zum Beispiel, wo in den 70er Jahren die Kuwaitis einstiegen, machten die Emissäre des Emirs klaglos jeden strategischen Schwenk mit - von Edzard Reuters "integriertem Technologiekonzern" über Jürgen Schrempps "Global Player" inklusive Chrysler und Mitsubishi sowie anschließender Wertvernichtung bis zur Trennung von Chrysler und der angekündigten "Neuerfindung des Autos" durch den heutigen Vorstandschef Dieter Zetsche. Solche Investoren lieben deutsche Manager - weil, so könnte man boshaft unterstellen, keine effektive Kontrolle des Vorstands droht.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Eine neue Generation von Golf-Investoren ist herangewachsen: eine junge arabische Elite, die längst strategische Interessen verfolgt - häufig unter 40-jährige Männer, meist in den USA oder Großbritannien ausgebildet, kultiviert und weltläufig. Anders als die Generation ihrer Väter und Großväter, die noch in der Zeit vor dem großen Ölboom wurzeln - damals waren Dubai und Abu Dhabi, Kuwait, Doha oder Riad noch kleine, arme Wüstenkaffs, keine glitzernden Metropolen - sind die heutigen Macher selbstbewusste Manager.

Ihre Ziele: die Golf-Region und wenn möglich den Rest der arabischen Welt zu entwickeln; gute Jobs zu schaffen, um soziale Spannungen abzubauen, mit dem Nebeneffekt, das ihre despotischen Scheichtümer politisch befriedet bleiben; langfristig um ihre bislang fossilfixierten Öl- und Gas-Volkswirtschaften zu diversifizieren.

Genau deshalb geraten jetzt die deutschen Industrieunternehmen in ihren Fokus. Deshalb hat sich mit Abu Dhabis Investmentgesellschaft Aabar jetzt bereits der zweite arabische Fonds bei Daimler eingekauft. Deshalb kooperiert eine Tochterfirma von Abu Dhabis Staatskonglomerat Mubadala mit dem deutschen Energiekonzern Eon  - vor Englands Küste bauen sie als erstes gemeinsames Projekt einen Windpark. Deshalb steigt der Ministaat Katar, reich an Erdgas und eines der wohlhabendsten Länder der Erde, bei Porsche ein.

In der aktuellen manager-magazin-Titelgeschichte zeigen meine Kollegen Michael Kröher, Anne Preissner und Dietmar Student, wer die wichtigsten arabischen Fonds und Firmen sind (und wie viel Geld sie haben), welche Personen diese Finanzvehikel steuern (nur wenige Figuren sind wirklich wichtig) und mit welchen Methoden sie vorgehen. Sie schildern auch, wie der Deal bei Porsche eingefädelt wurde und welche deutschen (und österreichischen) Strippenzieher im Hintergrund agieren (unter anderem Scheich-Freund Gerhard Schröder).

Es geht längst nicht mehr nur um Geld und Prestige: Die cashsatten Golf-Staaten brauchen und wollen eine neue ökonomische Basis. Das heißt: Sie wollen etwas abhaben von der Wertschöpfung. Nicht unbedingt sofort, aber perspektivisch. Sie wollen Fabriken und Entwicklungszentren, sie wollen Fertigung und Know-how in der Region. Damit werden sie künftig im Wettbewerb zu Standorten in Deutschland stehen, mit allen Konflikten und Spannungen, die dieser Interessengegensatz mit sich bringt.

Anders als chinesische Manager, die keinen allzu guten Leumund in der deutschen Wirtschaft haben, weil sie als rücksichtslos und trickreich gelten, genießen die Araber einen exzellenten Ruf. Sie seien zuverlässig, fair und langfristig orientiert, loben hiesige Führungskräfte. Der Vorstand eines Dax-Konzerns sagte mir kürzlich, er hätte nur zu sehr gern einen bestimmten arabischen Fonds als "Ankerinvestor". (Namen können wir an dieser Stelle leider nicht nennen.) Der sei ihm viel lieber als die aggressiven und kurzfristig orientierten angelsächsischen Pensionsfonds und Hedgefonds.

Mag sein. Aber die Rolle arabischer Manager ändert sich schnell. Ihre Interessen werden sie künftig entschiedener durchsetzen. Die "Retter aus dem Morgenland", so die aktuelle manager-magazin-Titelzeile, mögen angeschlagenen heimischen Konzernen derzeit hochwillkommen sein. Aber ihre Hilfestellung hat ihren Preis. Auch wenn sie exotisch wirken in ihren traditionellen Dischdaschas, den weißen, knöchellangen Gewändern, auch wenn sie einen Hauch von "Tausend und einer Nacht" verströmen - niemand sollte sich Illusionen hingeben.

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