Autostudie Volkswagen zieht an Toyota vorbei

Die deutschen Autobauer verkraften die weltweite Absatzkrise derzeit besser als ihre japanischen Konkurrenten. Laut einer Studie von Autoexperte Stefan Bratzel könnte vor allem der VW-Konzern gestärkt aus der Misere hervorgehen. Die Premiumhersteller BMW und Daimler müssten sich dagegen neu aufstellen.

Hamburg - Die Marktlage ist nach wie vor kritisch, doch die deutschen Autohersteller - allen voran der Volkswagen-Konzern - könnten sich zu den Gewinnern der weltweiten Krise auf dem Fahrzeugmarkt emporschwingen. Die Wolfsburger haben dem jüngsten Branchenvergleich des Center of Automotive zufolge den japanischen Mitbewerber Toyota  jetzt sogar überholt. "Die Dominanz der japanischen Autobauer ist zumindest vorläufig gestoppt", stellt Center-Chef Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach fest.

Im Gegensatz zu den Wettbewerbern habe Volkswagen  seine Leistungskraft im Krisenjahr 2008 steigern können und sich zu Beginn des Jahres 2009 sogar noch krisenresistenter präsentiert, heißt es in der Studie "Automotive Performance", die Volkswagen erstmals zu einem "Top Automotive Performer" kürt. Die Wolfsburger ziehen damit am langjährigen Sieger Toyota vorbei, der bei vielen Leistungskriterien empfindlich zurückgefallen ist.

Der Leistungstest hat 17 globale Autohersteller für das Geschäftsjahr 2008 und das erste Quartal 2009 verglichen. Untersucht wurden dabei 15 wichtige Markt- und Finanzindikatoren.

Dabei stützten Volkswagen in den vergangenen 15 Monaten verschiedene Faktoren. Der Autobauer profitierte einerseits stark von der Abwrackprämie in Deutschland und andererseits von seiner Vorherrschaft auf dem chinesischen Wachstumsmarkt. Zudem erweist sich die einstige Schwäche der Wolfsburger auf dem US-amerikanischen Automarkt insofern jetzt als Vorteil, als japanische Hersteller wie Toyota , Nissan  oder Honda  hier erheblich größere Einbußen verkraften mussten. Das gute Abschneiden Volkswagens resultiere daher nicht nur aus verbesserten Markt- und Finanzindikatoren, sondern beruhe ebenso auf der "aktuellen Schwäche der japanischen Autobauer", erläutert Bratzel im Gespräch mit manager-magazin.de.

Profitabilität im Kerngeschäft fällt drastisch ab

Auch die Premiumhersteller Daimler  und BMW  hätten sich im zurückliegenden Geschäftsjahr noch vergleichsweise gut geschlagen. Die Trends im laufenden Jahr 2009 allerdings wiesen auf große Einbrüche hin. Daimler und BMW müssten sich mittelfristig neu aufstellen und neue Wachstumsmöglichkeiten finden. Denn im Vergleich zum unmittelbaren Konkurrenten Audi  wiesen sie "erhebliche Kostennachteile" auf, die bei den künftigen technologischen Umbrüchen "noch bedrohlicher" werden könnten.

Bratzel und Mitautorin Nina Hochstein verweisen auf die Profitabilität des Kerngeschäfts der Autobauer. So stürzte die Umsatzrendite vor Steuern und Zinsen (Ebit) von BMW Automobile im Jahr 2008 auf 1,4 Prozent ab, 2007 lag diese Kennziffer der Münchener noch bei mehr als 6 Prozent. Auch die Mercedes Car Group musste Federn lassen, rangierte mit einer Umsatzrendite von mehr als 4 Prozent aber deutlich vor BMW und noch knapp vor der VW-Markengruppe (VW, Skoda u. a.), die bei 4,0 Prozent landeten. Die Audi-Markengruppe wiederum (Audi, Seat u. a.) konnte ihre Umsatzrendite von knapp 7 Prozent des Vorjahres halten.

Die mangelnde Profitabilität des Kerngeschäfts ist es auch, die im ersten Quartal 2009 sowohl den gesamten BMW- wie auch den Daimler-Konzern bei der Umsatzrendite in die Negativzone rutschen lässt. Die Ebit-Marge bei Daimler bricht auf minus 7,3 Prozent ein, BMW rutscht mit rund 0,5 Prozent in negatives Terrain. Unter den global agierenden Autokonzernen können laut Studie lediglich nur noch Volkswagen (plus 1,3 Prozent), Suzuki (plus 1,6 Prozent ) und Hyundai  (plus 2,6 Prozent) eine positive Umsatzrendite ausweisen. Extreme Renditeeinbrüche von mehr als 20 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahresquartal erleiden die japanischen Autobauer Nissan, Mazda, Honda  und Toyota .

"Daimler und BMW fehlt die strategische Größe"

"BMW und Daimler fehlt aus unserer Sicht die strategische Größe, um langfristig erfolgreich zu sein", ist Bratzel überzeugt. Schließlich konkurrierten sie gegen Marken wie Audi (Volkswagen) oder Lexus (Toyota), die sich aus dem "Konzernbaukasten" ihrer Mütter bedienten und damit nur schwer einzuholende Kostenvorteile hätten, die aber auch von Technologievorsprüngen profitierten.

Doch wo liegt die mögliche Perspektive für die beiden Premiumhersteller aus München und Stuttgart? Um nicht weiter zurückzufallen sollten BMW  und Daimler  noch einen Volumenhersteller ins Boot ziehen, sagt Wissenschaftler Bratzel. Das oftmals zitierte Gegenargument, Premium- und Volumenhersteller passten nicht zusammen, lässt der Experte nicht gelten: "Bei Audi und Volkswagen sehen wir, dass es sehr gut geht." Eine Fusion von BMW und Daimler untereinander brächte dagegen "viel zu große Probleme" mit sich. Aus Bratzels Sicht drohte den Marken dann zudem "ein großer Imageverlust", sollten die beiden Hersteller etwa Motoren oder andere wichtige Komponenten austauschen.

Ohnehin sagt der Wissenschaftler der Autoindustrie für die kommenden Jahre eine verschärfte Konsolidierung voraus, die insbesondere Europa treffen und dann größere Einheiten nach sich ziehen werde. Größe allein sei zwar nicht der entscheidende Faktor, der das langfristige Überleben eines Autobauers sichere. Die strategische Positionierung, die Anpassungsfähigkeit und auch die Innovationsstärke eines Autobauers zählten dazu. "Aber eine kritische Größe von vier bis fünf Millionen Pkw ist notwendig, um im globalen Kostenwettbewerb langfristig bestehen zu können", ist Bratzel überzeugt.

Die größten Konkurrenten werden in Asien entstehen

Die entscheidenden Wachstumsmärkte der Zukunft sieht Autoexperte Bratzel in Asien und Lateinamerika, konkret in den sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Expertenschätzungen zufolge könnten allein die BRIC-Staaten bis zum Jahr 2015 rund ein Drittel des weltweiten Autoabsatzes auf sich vereinen, während der Anteil der Triade-Märkte (Nordamerika, Westeuropa, Japan) von derzeit rund 60 Prozent auf unter 50 Prozent sinken dürfte.

Der in China sehr gut vertretene Volkswagen-Konzern setzt mit mehr als 1,1 Millionen Pkw bereits rund 18 Prozent seiner Autos in Asien ab und damit mehr als im Heimatland Deutschland, heißt es in der Studie. Nicht von ungefähr erwägt Volkswagen-Chef Martin Winterkorn deshalb auch eine Kooperation mit dem japanischen Autobauer Suzuki oder fasst anderen Berichten zufolge den koreanischen Hersteller Hyundai Motor  ins Auge. Hyundai verkauft laut Bratzel mittlerweile rund ein Viertel seiner Pkw auf dem asiatischen Markt und zählt dank seiner preisgünstigen Kleinwagen auch zu den größten Profiteuren der Abwrackprämie in Deutschland.

Nicht ganz überraschend folgert Bratzel daher, dass die größte Konkurrenz den etablierten, global agierenden Automobilkonzernen künftig aus Asien droht. In den nächsten fünf Jahren dürften sich zwei bis vier globale Automobilhersteller - vor allem aus China - formen, die dann auch eine wichtige Rolle auf den alten Triade-Märkten spielen dürften, sagt der Wissenschaftler aus Bergisch Gladbach.

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